Lipro Russische Märchen

Das Softwarehaus hat abgewirtschaftet. Ein Lehrstück über Gier und Größenwahn am Neuen Markt.

So trostlos kann Fußball sein. Im ersten Relegationsspiel um den Aufstieg in die Regionalliga, die dritthöchste deutsche Spielklasse, liefern sich Dynamo Berlin und der 1. FC Magdeburg ein verregnetes null zu null. Die Stimmung im Dynamo-Team ist mies. Monatelang haben die Spieler kein Gehalt gesehen.

Ein Mann, der dafür mitverantwortlich ist, sitzt auf der Tribüne: Dieter Küchler (51), Vorstandschef der Lipro AG, Hauptsponsor des BFC Dynamo.

Bereits seit einem halben Jahr hangelt sich Lipro am Rand der Pleite entlang. Der Niedergang des Berliner Softwarehauses mit seinen 315 Mitarbeitern ist eine Reise durch alle Stadien des Börsenfiebers. Sie beginnt im Herbst 1999.

Nur mit Mühe schaffte es Lipro damals bis an den Neuen Markt. Der Emissionspreis lag mit fünf Euro am unteren Ende der Bookbuilding-Spanne. Noch funktionierten die Instinkte der Anleger: Zu undurchsichtig erschien die Lipro-Strategie. Neben kaufmännischer Planungssoftware (ERP), vor allem für mittelständische Kunden, gehört auch Software für die Produktionssteuerung zum Lipro-Portfolio. Später entdeckte Küchler noch die Vernetzung von Unternehmen mit ihren Zulieferern (Collaborative Commerce) als Geschäftsfeld. Keine klare Story.

Das Unternehmen gilt zudem als Ein-Mann-Show des Vorstandsvorsitzenden und Firmengründers Dieter Küchler, eines promovierten Elektrotechnikers aus Ostdeutschland. Sein Vorstandskollege Bodo Dahl trat kaum in Erscheinung.

Von seiner Berliner Firmenzentrale aus sorgte Küchler im Jahr nach dem Börsengang für immer neue Schlagzeilen: Lipro übernimmt fünf Softwarehäuser und IT-Berater. Lipro plant den Einstieg in den amerikanischen Markt. Lipro wird Hauptsponsor des Fußballclubs Dynamo Berlin. Im März 2000 stieg der Aktienkurs bis auf über 50 Euro. Irgendwo zwischen all diesen Jubelmeldungen kam das Neugeschäft der Lipro AG leise knirschend zum Stillstand.

Die Verhandlungen der Lipro AG mit potenziellen Auftraggebern verliefen stets ähnlich: Küchler flog zum Kunden und stellte sein Produkt vor. Die IT-Leiter in den Unternehmen waren angetan. Nicht zuletzt, weil der bekannte Logistikprofessor Horst Wildemann (58) im Lipro-Aufsichtsrat saß und mit seinem guten Namen für Qualität bürgte.

Doch es gibt keine funktionierende Vertriebsmannschaft, um aus den von Küchler angebahnten Kontakten Aufträge zu generieren. "Wir haben im Jahr 2000 keinen einzigen großen Abschluss gemacht", berichtet ein Lipro-Manager. "Unser Umsatz stammt nahezu ausschließlich aus der Wartung bereits verkaufter Softwaresysteme."

Küchler beurteilt den Gang der Geschäfte sehr viel positiver: "Uns liegen unterschriebene Projekte im Wert von 13,4 Millionen Euro vor."

Seltsam. Noch vor wenigen Monaten schwebte Küchler in ganz anderen Umsatzdimensionen: Im Jahr 2001 wollte er 50 Millionen Euro Umsatz machen. 2002 sollten es schon 100 Millionen Euro sein.

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