Agrotech Die Saat geht auf

Die Gentechnik revolutioniert die Agro-Industrie. Saatgut wird strategisch immer wichtiger. Der Aufkauf der Pflanzenzüchter ist in vollem Gange.
Von Heide Neukirchen

Der Kölner Unternehmer Arend Oetker (60) versteht von zwei Dingen besonders viel: von Kunst und von Zucker. Beide Fähigkeiten haben ihn noch reicher gemacht.

Mit Kennerschaft erwarb Arend Oetker interessante Bilder zeitgenössischer Maler, solange sie noch preiswert waren. Inzwischen sind die Kunstwerke ein Vermögen wert.

Mit sicherem Gespür griff Arend Oetker zu, als ihm eine Beteiligung an der Kleinwanzlebener Saatgut AG (KWS), vormals Rabbethge und Giesecke, angeboten wurde. 20 Prozent für 80 Millionen Mark. Als Mann vom Fach und Eigentümer der Marmeladenfabrik Schwartau hatte Arend Oetker 1994 das Potential einer Saatgutfirma mit dem Spezialgebiet Zukkerrüben blitzschnell erkannt. Bis heute hat sich der Wert der Beteiligung verdoppelt.

Die 135 Jahre alte "Kleine Wanze", wie die Firma in der Branche heißt, beherrscht nicht nur das Geschäft mit Zuckerrüben. Sie ist auch in anderen Pflanzenkulturen zu Hause und gehört weltweit zu den zehn umsatzstärksten Saatgutfirmen. Auf der Aktivseite der Niedersachsen stehen vor allem 15 Jahre Erfahrung in der gentechnischen Erforschung von Pflanzen. Nahezu produktreif sind KWS-Rapssämlinge mit einer veränderten Zusammensetzung des Fettsäuremusters, Kartoffeln mit verändertem Stärkegehalt und Zuckerrüben, die gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent sind.

Diese Form der Pflanzenzucht hat nichts mehr mit dem Augustinermönch Gregor Mendel gemeinsam, der seine Erbsen in kleinen Töpfen kreuzte und mit der Gießkanne wässerte. Mendels Nachfolger fügen Erbmaterial direkt in das pflanzliche Erbgut ein, unter Umgehung der Bestäubung und herkömmlichen Züchtung.

Neue Industriestrukturen bilden sich

Neue Industriestrukturen bilden sich heraus

Die Agro-Konzerne stimmen dann das gentechnisch veränderte Saatgut und ihr Pflanzenschutzmittel perfekt aufeinander ab. Das gelingt ihnen bei der Unkrautvernichtung am besten.

Der Landwirt ist gezwungen, das ganze System zu erwerben, das Herbizid ebenso wie das Saatgut. Der Erlös, den sich früher Züchter und Pflanzenschutzhersteller teilen mußten, fließt in eine einzige Kasse. Das erklärt, warum die Agro-Chemieunternehmen ihre Zulieferer reihenweise aufkaufen.

Auch Nahrungsmittelproduzenten beteiligen sich am Übernahmepoker. Sie wollen Zugriff bekommen auf Getreide, Obst und Gemüse, das langsamer fault, schöner aussieht, besser schmeckt und obendrein angenehmer duftet.

Und das gibt es oder wird es bald geben. Die Gentechniker können inzwischen mehr leisten, als Pflanzen gegen Insekten, Moos und Pilze zu immunisieren. Sie verbessern die Qualität der Ernte.

"Saatgut ist heute eine strategische Aktivität, die weit über eine normale Zulieferfunktion hinausgeht", urteilt die niederländische Rabobank in einer Branchenstudie. Zwar gibt es 1500 Saatgutproduzenten weltweit, Kleinstbetriebe nicht mitgezählt. Die zehn größten decken jedoch ein Drittel des Weltbedarfs an Ölsaaten, Maiskeimlingen, Getreidekulturen, Sojabohnen und Reisplanzen. Sie gehören zu Agro-Multis und Nahrungsmittelkonzernen. "Es entstehen ganz neue Industriestrukturen", sagt Gerhard Prante, CEO von Agrevo, dem Pflanzen-Joint-venture von Hoechst und Schering.

Agrevo bezeichnet sich heute nicht mehr als "Pflanzenschutzhersteller", sondern als "Anbieter für komplette Lösungen zur Produktivitätssteigerung in der Pflanzenproduktion". Die Firma verkauft das bekannte Herbizidsystem Liberty Link, das mit Roundup von Monsanto konkurriert.

Agrevo-Chef Prante erwarb seit 1994 sieben Saatgutfirmen. Der neueste Coup war Ende Februar der Kauf der Biogentic Technologies B. V., zu der Proagro gehört, Indiens Nummer eins bei Mais und Hirse.

Das vier- oder sogar zehnfache des Umsatzes müssen die Konzerne für eine innovative Saatgutfirma ausgeben. Strategisch wichtige Betriebe sind noch teurer. Der US-Konzern Monsanto, der innerhalb von drei Jahren 8 Milliarden Dollar in Saatgut investierte, zahlte sogar das 20fache des Umsatzes, 525 Millionen Dollar, für den Getreidespezialisten PBIC und das 22,7fache, 1,02 Milliarden Dollar, für den Maisexperten Holden. Agrevo hatte für die beiden Betriebe nur 350 beziehungsweise 700 Millionen Dollar geboten - und prompt verloren.

Die Analysten der Deutschen Morgan Grenfell sprechen angesichts dieser Preisschlachten von "Torschlußpanik", die viele Pflanzenschutzriesen erfaßt habe, um die "Hochgeschwindigkeitsstraße über Gentechnik und Saatzugang" ja nicht zu verpassen. Die Finanzprofis mahnen die Investoren jedoch, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. Bislang würde in der Agro-Biotechnologie "mehr investiert als geerntet".

Neben den schwindelerregenden Einstandspreisen, die hohe Goodwill-Abschreibungen nach sich ziehen, müssen stolze Summen in Forschung und Entwicklung investiert werden. Sie liegen in der grünen Gentechnik so hoch wie beim chemischen Pflanzenschutz oder in der Pharmaindustrie.

Die Angst vor dem Gen-Gau

Europäer haben Angst vor dem Gen-Gau

Doch bei landwirtschaftlichen Kulturen winkt ein vergleichbar bescheidenes Geschäft. Gentechnikfirmen gaben 1995 in den USA etwa 2 Milliarden Dollar für Agro-Forschung aus und generierten 100 Millionen Dollar Umsatz. Die Zahlen der Pharmaindustrie lauten: 8 Milliarden Forschungsausgaben und 7 Milliarden Dollar Umsatz. An diesen Relationen hat sich kaum etwas geändert. Gerhard Wenzel, Ordinarius für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der TU-München-Weihenstephan: "Selbst eine Superpflanze bringt nie soviel wie ein Blockbuster."

Kein Wunder, daß sich die meisten Start-ups der Biotechnologie lieber um die Gesundheit der Menschen kümmern als um die Krankheiten der Pflanzen. Peter Stadler (53), einst der oberste Pharma-Biotechnologe bei Bayer, heute Chef der Pharma-Biotech-Firma Artemis, nennt einen weiteren Grund für die Zurückhaltung: "Zu den wissenschaftlichen Risiken der grünen Gentechnik kommen Akzeptanzprobleme."

Für Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace sind Gensaat und Genfood Reizthemen. Der massive Protest der Engländer Anfang des Jahres gegen den Einsatz transgener, das heißt gentechnisch veränderter Pflanzen in der freien Natur, war eine deutliche Mahnung. Die Ängste der Europäer vor einem Gen-Gau sind nicht überwunden.

Die Genforscher selbst verstehen noch zuwenig von den komplexen Abläufen im Erbgut, um der Bevölkerung mit glasklaren Argumenten die Angst nehmen zu können. So bewegt sich die grüne Gentechnik zwar voran, aber eben nur sehr langsam.

Jochen Wulff (59), Leiter des Geschäftsbereichs Pflanzenschutz der Bayer AG: "Die Biotechnologie wird bis zum Jahr 2010 nach unserer Einschätzung den chemischen Pflanzenschutz ergänzen und zu einigen Marktverschiebungen führen. Aber auch künftig werden innovative Produkte der chemischen Industrie zu 80 Prozent den Weltmarkt für Pflanzenschutz dominieren."

Auf derlei Prognosen reagieren die Unternehmen mit unterschiedlichen Strategien. Da sind die Aggressiven, die wie wild in die Gentechnologie investieren und Verluste in Kauf nehmen, allen voran Monsanto und Agribiotech, eine neue Gesellschaft, die in zwei Jahren 48 Saatgutfirmen aufkaufte und hohe Verluste macht.

Die Manager der anderen Kategorie, darunter Agrevo, Novartis, DuPont, Rhône-Poulenc und Zeneca, agieren vorsichtiger. Diese Unternehmen sind nicht bereit, Mondpreise für Akquisitionen zu zahlen. Gleichwohl sind ihre Manager überzeugt, daß der frühe Einstieg in die Gentechnik einen uneinholbaren Know-how-Vorsprung sichert. Auf gentechnisch veränderte Pflanzen gibt es 20 Jahre Patentschutz.

Konträr argumentiert Bayer-Mann Wulff: "Wir halten uns durch Beteiligungen und Kooperationen das Tor zur Biotechnologie offen. Wir werden uns dann stärker engagieren, wenn diese Technologie weniger spekulativ bewertet wird."

Als Eintrittsticket hat Wulff 1998 drei Forschungskooperationen geschlossen und sich mit bescheidenen 25 Millionen Dollar am Agrar-Biotech-Kapitalfonds der Burrill & Company Bank beteiligt.

BASF beginnt Aufholjagd

BASF hat mit der Aufholjagd begonnen

Amerikaner vorn
Die zehn größten Saatgutfirmen
Name Umsatz* Land
Pioneer 3062 USA
Monsanto 2160 USA
Novartis 1760 CH
Limagrain 1833 F
Advanta 785 NL/GB
Seminis 751 MEX
Takii 667 J
KWS 663 D
Sakata 580 J
Agribiotech 534 USA
*In Millionen Mark.
Quelle: ISAAA, Geschäftsberichte und Deutsche-Morgan-Grenfell-Schätzungen.
Nicht mehr kleckern, sondern klotzen, heißt inzwischen die Devise bei BASF. Der Vorstand der Nummer zehn der traditionellen Pflanzenschutzkonzerne weltweit hat die Entscheidung getroffen, binnen einer Dekade zu den Top ten der Pflanzen-Biotechnologie aufschließen. Koste es, was es wolle.

Friedrich Vogel (51), oberster Pflanzenschutzmanager der BASF, grast jetzt die Welt nach Forschungspartnern und Saatgutunternehmen ab. Im Januar erwarb Vogel eine Beteiligung von 40 Prozent am schwedischen Pflanzenzüchter Svalöf Weibull. Beide Partner gründen in Ludwigshafen ein neues Zentrum für biotechnologische Forschung. Die Holding soll die neue Heimat für wissenschaftliche Spin-offs und weitere Saatgutfirmen werden.

Mit der Aufholjagd hält sich BASF an die Losung, die Forscher Wenzel ausgibt: "Die Unternehmen, die massiv in die grüne Gentechnik investieren, werden damit nicht reich. Aber sie werden in wenigen Jahren sehr arm, wenn sie es nicht tun."


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