Topmanager Fazit

Sturmtief von den Azoren

Sicher sind deutsche Manager per se nicht schlechter als die anderer Provenienz. Aber das heimische Konsensmodell produziert noch zu viele politisch taktierende Anpasser, die sich nach allen Seiten absichern und unternehmerisches Risiko scheuen. Gleichzeitig lässt es Raum für die Großmannsspiele selbstherrlicher Egomanen.

Die CEO amerikanischer Unternehmen leisten sich genauso viele Pannen wie deutsche Topmanager, mindestens. Aber dort sind die Verantwortlichkeiten klarer, die Entscheidungswege transparenter; Missstände werden schneller behoben, Fehler früher korrigiert - im Zweifel durch den fixen Austausch des Chefs.

Natürlich, das amerikanische Führungsmodell lässt sich nicht einfach auf Deutschland übertragen; die Differenzen sind auch Ausdruck unterschiedlicher Kulturen: rasches Chancenergreifen dort, Stetigkeit und Kontinuität hier. Aber es gibt nur einen internationalen, angelsächsisch geprägten Kapitalmarkt. Und der bestimmt das System.

"Das Treffen mit den Amerikanern findet nicht auf den Azoren statt", glaubt der Aufsichtsrat und Ex-Continental-Chef Hubertus von Grünberg (58), der 20 Jahre für US-Unternehmen gearbeitet hat, "das Sturmtief kommt zu uns."

Das Klima ist längst rauer geworden in Deutschland. Kleinaktionäre verklagen Großmanager; in der Chefetage wird die Verweildauer immer kürzer.

Es kommt Drive hinein in die Deutschland AG, der Schutzschirm der gegenseitigen Kapitalverflechtungen wird löchrig, das per-sonelle Netzwerk hält nur noch so lange, bis die greisen Eminenzen in den Aufsichtsräten abtreten.

Derweil steigen die Anforderungen an den modernen Unternehmenslenker weiter. Der amerikanische Yale-Professor Jeffrey Garten hat für sein neues Buch weltweit 40 CEO befragt. Viele, so sein Befund, seien "überwältigt von der Komplexität, die von ihnen verlangt wird".

Dabei würden sie fortan eine noch schwierigere Rolle spielen müssen: als Manager weltweiter Umweltprobleme zum Beispiel, als Architekten neuer Institutionen für Handel, Finanzen und Kommunikation. Sonst, mahnt Garten, ende Globalisierung "in Chaos und Anarchie".

Zu viel für einen Normalsterblichen? Zu hohe Vorgaben, die nur ein "visionär-perfekt-knallhart-guter Alleskönner" erfüllen kann, wie der Ex-McKinsey-Partner Dieter Pommerening in seiner Aphorismensammlung "Manager Superman" schreibt?

Wenn dem so ist, hilft nur mehr Toleranz gegenüber Fehlern, empfehlen die Überforderten; die Medien dürften nicht bei jedem kleinen Versäumnis nach Rücktritt rufen. Sonst riskiere bald keiner mehr etwas.

Mag sein. Aber eine gewisse Lockerheit und Souveränität könnte auch nicht schaden - das erleichtert die Bewältigung des Scheiterns.

"Winney", sprach der Spartenchef eines US-Konzerns in entspannter Runde übers Telefon zu seiner Frau, kurz vor einem Board-Meeting, auf dem er sich für 320 Millionen Dollar Verlust verantworten musste. "Winney, heute komme ich sehr spät nach Hause. Aber morgen bin ich vielleicht den ganzen Tag verfügbar."

Und Winney war's zufrieden und freute sich, mal wieder gemeinsam mit ihrem Mann einkaufen gehen zu können.

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