Topmanager Der Webfehler im System

Am liebsten hätte André Leysen (73) den Streit mit der Deutschen Bank friedlich beigelegt; der Verwaltungsratsvorsitzende der belgischen Gevaert-Gruppe hatte eine Mediation, eine außergerichtliche Schlichtung, vorgeschlagen - vergeblich.

Nun verklagt der freundliche Senior Europas größtes Geldhaus auf 320 Millionen Mark Schadensersatz. Der Flame fühlt sich von der Deutschen Bank gelinkt, weil diese ihm 1998 ein Aktienpaket von Philipp Holzmann verkauft hat, obwohl sie gewusst habe, dass der Baukonzern damals schon fast am Ende war; schließlich hätten die Banker dort über Jahrzehnte den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden besetzt.

Dass in deutschen Konzernen vieles schief läuft, liegt nicht nur an den Machern selbst, sondern auch an denen, die sie überwachen. Die Hälfte der Mitglieder sitze nicht wegen ihrer Kompetenz in den Aufsichtsräten, räusperte sich Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Hilmar Kopper (66) auf einer Podiumsdiskussion, "sondern weil es der liebe Willi ist".

Mittlerweile muss sich Kopper wohl selbst zur Willi-Fraktion rechnen. Als Daimler-Chrysler-Aufsichtsratschef füllte er seine Coach-Rolle eher schlecht als recht aus: Dem halsbrecherischen Expansionstempo Schrempps hatte er zu wenig entgegenzusetzen.

Kompetenz allein reicht nicht, wenn die Räte von Eigeninteressen gesteuert sind, wie im Fall Dresdner Bank. Da plädiert der Aufsichtsratschef (Alfons Titzrath) für eine Fusion mit der Commerzbank, dagegen sträubt sich der Hauptaktionär (Allianz). Da trauert der Vertreter des Hauptaktionärs (Henning Schulte-Noelle) dem Merger mit der Deutschen Bank nach, den der Dresdner-Vorstand verhinderte. Und da wollte der Vorstand das Paket des Commerzbank-Aktionärs Cobra kaufen, das blockierte die Allianz. Wie soll Dresdner-Chef Bernd Fahrholz (53) sein Institut da nach vorn bringen?

Der Vorstand managt, der Aufsichtsrat kontrolliert. So steht es im Gesetz. Die Praxis hat mit dieser Vorschrift wenig gemein. Die Deutsche Bank etwa wird in Wahrheit von einer Dreierspitze regiert: von den Vorständen Breuer/Ackermann und dem Aufsichtsratschef Kopper. Steht wirklich Wichtiges an, entscheiden bei Thyssen-Krupp weder Vorstand noch Kontrolleure, sondern die greisen Ehrenaufseher Berthold Beitz (87) und Günter Vogelsang (80).

Im Aufsichtsrat des Energieriesen Eon macht sich leiser Unmut breit, weil allzu viel bilateral ausgekungelt wird: zwischen Eon-Chef Ulrich Hartmann (62) und Oberkontrolleur Klaus Liesen (69) oder zwischen Hartmann und seinem Duzfreund und Ratsmitglied Rolf-E. Breuer.

Viele Aufseher haben zu viele Mandate. Wer zehn Jobs annimmt, die gesetzliche Maximalzahl, kommt locker auf 100 Arbeitstage im Jahr, bei manchmal lausiger Entlohnung.

Da verwundert es kaum, wenn es um die Arbeitsmoral nicht zum Besten bestellt ist. "Die wenigsten knien sich rein", erzählt ein Kontrolleur, viele ersetzten Sachkenntnis durch "goldene Worte" aus ihrer glorreichen Unternehmerzeit.

Schlimmer noch wirke ein "Webfehler des Systems", meint Berater Berger: die paritätische Mitbestimmung. Anteilseigner und Arbeitnehmer kommen im Aufsichtsrat oft nur noch zusammen, um Formalien abzunicken. Brisantes wird in getrennten Vorgesprächen erledigt, die eigentliche Sitzung verkommt zur Farce.

Das System der deutschen Unternehmenskontrolle diene nicht der Wertschaffung des Unternehmens, sondern der Stabilisierung der Macht, schimpft der Vorstandschef eines Dax-Konzerns. Die Hälfte seiner Arbeitszeit, so die Bilanz des Managers, entfalle auf die "Moderation" des Beziehungsgeflechts.

Aber die Mitbestimmung im Aufsichtsrat ist politisch tabu. Statt dessen bleibt es bei systemimmanenten Verbesserungsvorschlägen: häufigere Sitzungen, kleinere Gremien. Erwünscht: unabhängige, gut dotierte Profikontrolleure im besten Manageralter.

Fortschrittliche Firmen lassen solche Aufsichtsräte schon per Headhunter suchen. Die Tochtergesellschaft eines deutschen Großkonzerns hatte nach einem Fähigkeitenprofil schließlich zwölf Kandidaten in die engere Wahl genommen. Da schritt der oberste Konzernchef ein: richtig gute Aufsichtsräte, die mitreden können - diese Neuerung war dann wohl doch zu progressiv.

Weiter zu Teil 5: Das A-Syndrom


Zurück zu Teil 1

Verwandte Artikel