Dienstag, 18. Juni 2019

Bosch Hüter des Grals

Der Technikkonzern muss schneller und flexibler werden. Notwendig wäre eine Kulturrevolution. Doch Chef Hermann Scholl traut sich nicht.

Zuletzt hat sich Hans L. Merkle nur noch als Ratgeber verstanden. Wenn er in Sitzungen der Robert Bosch Industrietreuhand KG, dem Machtzentrum des Stuttgarter Konzerns, das Wort ergriff, erklärte er stets: "Ich habe nun keinen Sitz und keine Stimme mehr in diesem Gremium" - erst dann wies er "in aller Bescheidenheit" auf diesen oder jenen Punkt hin.

 Kommt am überlebensgroßen Vermächtnis nicht vorbei: Bosch-Chef Hermann Scholl ist die dringend notwendige Abkehr von "Gottvater" Merkles Prinzipien kaum zuzutrauen
[M]: DPA; mm.de
Kommt am überlebensgroßen Vermächtnis nicht vorbei: Bosch-Chef Hermann Scholl ist die dringend notwendige Abkehr von "Gottvater" Merkles Prinzipien kaum zuzutrauen
Gottvater, wie Merkle im Konzern ehrfürchtig genannt wurde, hatte schon seit 1993 kein Amt mehr bei Bosch. Gleichwohl arbeitete er Tag für Tag in seinem Büro im 6. Stock der Bosch-Zentrale auf der Gerlinger Schillerhöhe.

Und Merkle wusste, sein Rat würde gehört; nein, die Worte des Mannes, der Bosch 40 Jahre wie ein Patriarch geführt hatte, besaßen Gesetzeskraft.

Merkle war Bosch, und Bosch war Merkle. Der Mann verschaffte dem schwäbischen Tüftlerunternehmen Weltgeltung. Und er verpasste der Firma eine Unternehmenskultur, die ihresgleichen unter deutschen Konzernen sucht: Bosch, das ist eine alles durchdringende Bürokratie, die nichts dem Zufall überlässt; eine militärisch straffe Führungsorganisation, die Dienen vor Eigeninitiative und die Einhaltung der Form vor Kreativität setzt.

Eigentlich könnte es mit dieser Form der Konzernführung nun vorbei sein.

Am 22. September vergangenen Jahres starb der Majordomus im Alter von 87 Jahren. Und nur wenige Wochen später, am 25. November, verstarb mit Marcus Bierich auch der zweite Mann in der inoffiziellen Hierarchie des Hauses Bosch.

Seitdem liegt alle Macht in den Händen von Hermann Scholl, bereits seit acht Jahren Vorsitzender der Geschäftsführung.

Der 65-jährige Schwabe muss schleunigst handeln, wenn Bosch weiterhin gute Mitarbeiter anziehen und einer der weltweit führenden Automobilzulieferer bleiben will. Und er kann das nun auch, nach dem Tod der beiden großen Alten.

Doch die Zweifel sind groß, ob Scholl den Durchbruch wagt. Jahrzehntelang hat der Mann nichts anderes geatmet als Bosch-Luft, wie kein Zweiter hat er das System Merkle verinnerlicht.

Bringt Scholl dennoch das Kunststück fertig, die Traditionsfirma zu entstauben? Kann ausgerechnet dieser eher biedere Ingenieur im eigenen Haus eine Kulturrevolution anzetteln? Oder steht Scholl der überfälligen Modernisierung letztlich im Weg?

Ein schneller Kulturwandel würde einen gewaltigen Kraftakt erfordern. Bosch ist durchdrungen von preußischschwäbischem Korpsgeist. Dessen Wurzeln reichen weit zurück, mindestens bis 1964.

Damals verpasste Merkle, als Testamentsvollstrecker Robert Boschs, der Firma die noch heute geltende Stiftungskonstruktion. Die Nachfahren des Firmengründers übertrugen ihre Anteile fast vollständig auf die Bosch-Stiftung. Die Stimmrechte allerdings gingen an die Robert Bosch Industrietreuhand KG, deren acht Stühle Merkle mit Vertrauten besetzte (siehe: "Der Klub der Honoratioren").

Für das Management eine ideale Konstellation: Über den Unternehmenschefs wachen keine kritischen Aktionäre, die Geschäftsführung kontrolliert sich selbst. Hermann Scholl, der als Vorsitzender der Geschäftsführung intern das Kürzel F1 trägt, leitet gleichzeitig die Sitzungen des obersten Kontrollorgans, der Industrietreuhand KG.

Natürlich hat Bosch einen Aufsichtsrat - zu sagen hat dieser jedoch nichts: Er ist bei dem Stiftungsunternehmen kein Gesellschafterorgan.

Dieses sonderbare Konstrukt machte es möglich, dass Merkle jenes antiquierte Gefüge absolutistischer Herrschaft kultivieren konnte, das bis heute wirksam ist. Und das ein gewaltiges formelles und informelles Regelwerk geschaffen hat.

Eine Sitzung etwa beginnt bei Bosch um 10 Uhr und nicht um 10.01 Uhr; und sie endet um 12 Uhr und nicht um 12.01 Uhr.

Auch beim internen Schriftverkehr muss die Form gewahrt werden: Überschrift, Unterzeile, Zusammenfassung und Textlauf dürfen zusammen nicht mehr als anderthalb Seiten in Anspruch nehmen. Gleiches gilt bei Folienvorträgen. Selbst gestandene Manager üben ihre Reden exakt ein, um die vorgeschriebene Redezeit nur ja nicht zu überschreiten.

Scholl selbst ist einer, der besonders penibel auf die Einhaltung des Bosch-Knigges achtet. "Sogar für hochrangige Führungskräfte ist es manchmal schwer, mit Scholl ein Telefonat zu führen, wenn das nicht vorher verabredet war", berichtet ein ehemaliger Bosch-Manager.

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