Topmanager Die Ego-Falle

Fusionen scheitern, Gewinne schrumpfen, Kurse sinken - das Bild, das viele Manager von sich haben, hat mit der Realität oft wenig gemein. mm analysiert das Führungsdilemma in deutschen Chefetagen.

Im Antlitz lässt sich die Metamorphose vom Treiber zum Getriebenen nicht verbergen. Die Bedrängnis hinterlässt Spuren: Die Stirn faltet sich, der Blick fällt ins Leere, aufeinander gepresste Lippen nagen über Brillenbügel.

Dann ist meistens die Rede von wackligen Stühlen, dann versichern Großaktionäre mechanisch volle Rückendeckung, bekunden Aufsichtsräte salbungsvoll Solidarität. Und die Protagonisten sondern starke Sprüche ab, zur Stabilität des Selbstwerts und, sicher ist sicher, der Stuhlbeine.

Da gibt Telekom-Chef Ron Sommer (52) in Davos Ende Januar auf die Frage, ob der Job eines CEO einer Mission impossible ähnele, schnippisch zurück: "Bei Amtsantritt sagte man mir, ich hätte den schwierigsten Job Europas; heute weiß ich, es waren einfache Dinge, die es zu tun galt."

Von März 2000 bis März 2001 sank der Wert der Telekom so einfach um 230 Milliarden Euro. Rücktritt? "Klare Antwort: nein", erklärt Sommer Ende Februar vor TV-Publikum.

Da lässt Jürgen Schrempp (56) keinen Zweifel daran aufkommen, dass er jede Firma der Welt übernehmen kann. Nach dem Chrysler-Schock muss sich "The Überboss" ("Business Week") mit der Umkehrthese auseinander setzen: Wie schützen wir uns davor, dass wir selbst gekauft werden?

Kursverfall der Daimler-Chrysler-Aktie: rund 50 Prozent seit dem Höchststand vor knapp zwei Jahren. Demission? "Es gibt keinen größeren Druck als den, unter den ich mich selbst setze", wischt Schrempp die Frage nach Rücktritt bei der Vorstellung der Bilanz Ende Februar wie eine lästige Fliege von der Frontscheibe.

Deutschlands Starmanager haben eine dramatische Wandlung durchgemacht: der Telekommunikator Sommer "vom Börsenstar zum Minus-Mann" ("Bild"), der Automobillenker Schrempp "vom selbstgefälligen Propheten des Shareholder-Value zum Opfer der eigenen Heilslehre", wie die "Zeit" hämisch kommentiert.

Es steht viel auf dem Spiel, nicht nur für die Karrieren der Entmystifizierten: Am Fall Daimler will die Wirtschaftswelt ablesen, ob deutsche Unternehmen wirklich zum Global Player taugen; am Schicksal der Volksaktie Telekom möchte das Ausland beobachten, wie ernst der deutsche Kapitalmarkt zu nehmen ist.

Sind Schrempp und Sommer die Richtigen für so herkulische Aufgaben? Oder haben wir die Falschen an der Spitze unserer Vorzeigekonzerne?

So exponiert die beiden sind, die Frage stellt sich nicht nur in Bonn oder Stuttgart. Auch andere deutsche Topmanager tragen schwer an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Gescheiterte Fusionen, peinliche Flops im Ausland, Gaunereien am Neuen Markt: Zwei Drittel der deutschen Vorstände, bilanziert ein Headhunter, gehören sonstwo hin, nur nicht in die Chefetage.

Lange Zeit verbarg das dichte Gestrüpp der Deutschland AG viele Fehler. Jetzt bricht das System allmählich auf, treten prompt die Schwächen deutscher Unternehmensführung zu Tage: bei den Machern selbst, aber auch bei denen, die sie kontrollieren sollen - und im Zusammenspiel zwischen beiden. Von einer schwierigen Umbruchphase spricht der Unternehmensberater Roland Berger: "Wir müssen uns nach den Regeln der globalen Wirtschaft richten und immer noch die deutschen Inselregeln befolgen."

Die Gemengelage bietet keinen sicheren Halt mehr, schürt Ängste und provoziert so noch mehr Fehler.

Das Führungsdilemma in deutschen Chefetagen ­ Bestandsaufnahme, Ursachenanalyse, Auswege.

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Fusionen scheitern, Gewinne schrumpfen, Kurse sinken - das Bild, das viele Manager von sich haben, hat mit der Realität oft wenig gemein. mm analysiert das Führungsdilemma in deutschen Chefetagen.

Teil 1: Die Ego-Falle Teil 2: Die überforderte Elite Teil 3: Die Angst vor dem Scheitern Teil 4: Der Webfehler im System Teil 5: Das A-Syndrom Teil 6: Die Selbstdarsteller Teil 7: Alles Goldman oder was? Teil 8: Fazit - Sturmtief von den Azoren

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