Editorial Blind vertraut

Jürgen Schrempp ist ein Kämpfer. In Krisenzeiten, sagen die, die ihn gut zu kennen glauben, laufe der Mann erst zu seiner wahren Form auf. Nicht auszuschließen also, dass er sich und seinen Weltkonzern doch noch vor dem Crash bewahren kann. Aber sicher ist das mitnichten, das Unternehmen und sein Chef stecken in einer bösen Situation.

Wie konnte es so weit kommen? Was ist schief gelaufen bei Chrysler? Wir in der Redaktion von manager magazin wollten uns nicht abfinden mit den dargereichten Erklärungen - wie dem Niedergang der US-Konjunktur oder dem verschärften Wettbewerb auf dem Markt der Minivans.

Wir wollten wissen, was sich in den vergangenen Jahren hinter den Fenstern im Chrysler-Hauptquartier abgespielt hat; wie viel Hausgemachtes zu dem Absturz in milliardenschwere Verluste beigetragen hat. Die Redakteure Jörg Schmitt und Frank Scholtys recherchierten vor Ort. Sie konnten, unter Zusicherung absoluter Vertraulichkeit, mit Schlüsselfiguren aus dem alten Chrysler-Management sprechen; keinem anderen deutschen Medium ist das bisher gelungen.

Die Geschichte, die Schmitt und Scholtys mitbrachten, ist eine erschreckende Chronologie unternehmerischer Fehlleistungen. Sie benennt einen Hauptverantwortlichen für dieses grandiose Missmanagement: Bob Eaton, jenen Chrysler-Chef, der vor einem Jahr abtrat, mit 70 Millionen Dollar Zehrgeld ausgestattet.

Mitverantwortlich ist aber auch Schrempp selbst, der viel zu spät erkannte, was in Auburn Hills gespielt wurde, und dem schwer entschuldbare personelle Fehlentscheidungen unterliefen. Müßig anzumerken, dass der Aufsichtsrat und sein Chef Hilmar Kopper sich bei all dem die hier zu Lande übliche Zurückhaltung in der Unternehmenskontrolle auferlegt haben.

Was bleibt? Erst einmal die Bestätigung, dass auch Manager nicht gewillt sind, aus der Geschichte zu lernen. Die Parallelen zu dem Drama BMW/Rover sind verblüffend. So wie Schrempp blind einem Bob Eaton vertraut hat, so hatte einst Bernd Pischetsrieder bei Rover den Nonvaleur John Towers gewähren lassen. Offenkundig tun sich die Deutschen, vergangenheitsbelastet, schwer, in ausländischen Unternehmen wirkungsvoll durchzugreifen. Eine im Ergebnis teure Zurückhaltung.

Es verstärken sich, zum Zweiten, die Zweifel, dass Weltkonzerne dieser Dimension überhaupt führbar sind. Die Zahl der Baustellen bei Daimler ist kaum noch zu überblicken. Neben Chrysler und Mitsubishi hängt das Lkw-Geschäft in den USA und in Europa durch, der Smart kostet nach wie vor viel Geld, beim Cash-Lieferanten Mercedes-Pkw ist in diesem Jahr kein höherer Umsatz zu erwarten. Vielleicht lernen die Stuttgarter da doch noch von den Münchenern. Und treten rechtzeitig den Rückzug auf eine überschaubare Größe an.

Wolfgang Kaden

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