Microsoft "Ich bin Optimist"

Steven Ballmer galt bisher als Microsofts Mann fürs Grobe. Jetzt ist er Präsident der größten Softwarefirma. mm sprach mit ihm über seine neue Rolle, die Arbeitsteilung mit Bill Gates und die Folgen der Kartellklage.
Von Helene Laube und Jochen Rieker

mm*:

Herr Ballmer, Microsoft geht durch eine schwierige Phase. Das Kartellverfahren des US-Justizministeriums beherrscht die Schlagzeilen. Verdirbt Ihnen das die Laune?

Ballmer: Es ist schon hart. Wir müssen ein Prinzip verteidigen, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: daß wir unsere Produkte verbessern und weiterentwickeln dürfen. Wir wollen unsere Software um neue Funktionen erweitern, mehr nicht. Das kann nicht illegal sein. Deshalb bin ich überzeugt, daß das Gesetz auf unserer Seite steht und die Kunden ebenfalls.

mm: Das Justizministerium wirft Ihnen vor, Ihre Monopolstellungll bei PC-Betriebssystemen mit illegalen Mitteln zu verteidigen.

Ballmer: Sie versuchen, uns in die Ecke zu stellen. Sie sagen: "Egal, was ihr mit euren Produkten anstellt, es stecken schlechte Absichten dahinter." Es schmerzt mich, so dargestellt zu werden. Wir haben uns immer korrekt verhalten. Deshalb widerstrebt es mir, in der Zeitung zu lesen, wie hinterhältig wir angeblich sind. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich meinen Leuten sage: Ich finde dieses Unternehmen großartig. Ich liebe es. Und ich bin überzeugt, daß wir nie gegen irgendwelche Gesetze verstoßen haben. Wir sind nicht in der Situation von Bill Clinton. Wir suchen keine juristischen Schlupflöcher.

mm: Haben Sie die Folgen des Prozesses unterschätzt?

Ballmer: In juristischer Hinsicht glaube ich nicht, daß wir den Fall anders hätten handhaben sollen. Aber was unsere Öffentlichkeitsarbeit angeht, da hätten wir zweifelsohne einen geschickteren Kurs fahren können. Ich bezweifle, daß irgend jemand bei Microsoft glaubt, daß wir die Situation perfekt gemeistert haben.

mm: Wie wollen Sie weiter verfahren?

Ballmer: Für uns geht es jetzt vor allem darum, den Prozeß zu gewinnen – ob in der ersten Runde oder in der Berufung. Nicht weil Gewinnen alles ist, sondern weil wir unser fundamentales Recht auf Innovation verteidigen.

mm: In dem Verfahren steht nicht die Innovationskraft von Microsoft zur Debatte, sondern Ihr Verhalten im Wettbewerb mit Netscape um den Markt für Internet-Browser.

Ballmer: Es geht nicht nur um den Browser. Die Frage ist: Welche Produkte und Weiterentwicklungenl müssen wir als nächstes zurücknehmen, wenn wir diesen Prozeß verlieren? Nehmen wir einmal den folgenden Fall: In die nächste Version von Windows NT werden wir neue Funktionen für das Management von Unternehmensnetzen integrieren. Es gibt bereits Produkte von Firmen, die das können. Heißt das nun, daß wir die neuen Funktionen nicht integrieren dürfen, weil Konkurrenten betroffen sein könnten? Können wir unsere Programme nicht erweitern, wenn es anderen deshalb schlechter geht? Hier geht es ums Prinzip. Da können wir keine Kompromisse eingehen.

mm: Hat das Kartellverfahren Ihrem Ruf geschadet?

Ballmer: Unsere Kunden fragen sich bestimmt, was an den Zeitungsberichten dran ist. Aber letztendlich zählt für sie, wer das beste Produkt liefert. Wenn wir den besten Service, die besten Partner und die beste Software haben, dann kaufen die Leute bei uns.

mm: Als wir vor einem Jahr mit Bill Gates sprachen, malte er die Microsoft-Zukunft in den rosigsten Farben. Sind Sie auch so euphorisch?

Ballmer: In Sachen Technologie ist Bill ein unverbesserlicher Optimist. Er versteht davon auch mehr (lacht). Das heißt nicht, daß ich seinem Urteil nicht vertraue, im Gegenteil. Manchmal befürchte ich nur, daß er mit seinen Prognosen – wie soll ich sagen – etwas früh dran ist. Andererseits ist das ein Vorteil. Es zwingt uns, über neue Technologien zum richtigen Zeitpunkt zu verfügen. Und was das Geschäft betrifft: Da bin ich auch Optimist.

mm: Viele Beobachter sagen dem PC eine schwierige Zukunft voraus. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Ballmer: Ich bin überzeugt, daß Personalcomputer in den nächsten 20 Jahren mehr verändern werden als in den vergangenen 20 Jahren. Nehmen Sie das Gesundheitswesen, die Wirtschaft, das private Umfeld: PC werden überall sein – ob als kleines Taschengerät, als Notebook oder Server. Wenn ich daran glaube, ist es einfach, optimistisch zu sein. Das bedeutet Wachstum fast ohne Ende.

mm: Lassen Sie die Wirtschaftskrisen in Asien, Rußland und Südamerika unbeeindruckt?

Ballmer: Das Geschäft läuft nicht mehr ganz so wie früher. Aber unsere Marktanteile in diesen Regionen sind nach wie vor gut. Ich sage meinen Leuten, die sich darüber natürlich Sorgen machen: "Wenn euer Marktanteil abnimmt, dann werde ich sauer, sehr sauer sogar." Aber über die Konjunktur kann ich mich nicht aufregen.

mm: Verglichen mit anderen IT-Werten hat sich die Microsoft-Aktie beim jüngsten Crash erstaunlich gut gehalten. Was ist der Grund?

Ballmer: Der Aktienmarkt ist völlig irrational. Manchmal denke ich, daß die Investoren uns zu positiv beurteilen. Ich kann es immer noch nicht fassen, daß Microsoft das Unternehmen mit dem höchsten Marktwert der Welt sein soll. Es ist natürlich großartig, aber dennoch. Für mich sind Konzerne wie Ford, wo mein Vater arbeitete, die Größten der Welt. Sie existieren seit Jahrzehnten, haben Fabriken, große Gebäude, Armeen von Angestellten.

mm: Wie krisensicher ist denn Ihr Geschäft? Kürzen Unternehmen ihre IT-Ausgaben nicht genauso schnell wie andere Budgets?

Ballmer: Informationstechnologie ist ein besonderes Investment. Aber es fehlt in den meisten Branchen noch das Verständnis für die Notwendigkeit. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Chef einer internationalen Airline beschließt innerhalb von zwei Minuten die Renovierung der First-class-Lounge. Wenn es aber darum geht, das Netzwerk zu modernisieren, das sein Reservierungs- und Gepäckabfertigungssystem in Gang hält, quält sich der gleiche CEO endlos lange. Man kann ihn für verrückt erklären, aber es ist nun einmal so: Für den einen Bereich hat er ein Bauchgefühl, er versteht ihn. Die Informationstechnologie dagegen ist ihm fremd. Vielen Managern in der ganzen Welt geht es ähnlich. Aber das ändert sich langsam.

mm: Wie wichtig ist das Unternehmensgeschäft für Microsoft?

Ballmer: Wir machen 35 Prozent unseres Umsatzes mit Firmenkunden.

mm: Reicht Ihnen das?

Ballmer: Nein. Wir müssen unsere Präsenz im Bereich der großen betriebswirtschaftlichen Systeme stärken. Planung, Rechnungswesen, Logistik, Vertriebssteuerung – das kann alles auf unserer Software laufen, auf unseren Betriebssystemen und unseren Datenbanken. Das heißt, daß sich der PC-Server gegenüber Unix-Systemen und Mainframes durchsetzen muß.

mm: Viele Branchenexperten bezweifeln, daß Microsoft auch im Unternehmenskundengeschäft die Vorherrschaft übernehmen kann.

Ballmer: Für uns ist es strategisch wichtig, in der Groß-EDV ganz vorn dabeizusein. Deshalb verwenden wir 65 Prozent unserer Ressourcen auf das Geschäft mit Unternehmenskunden. Und im Vergleich zum Wettbewerb machen wir schon jetzt – ich sage es mal vorsichtig – gute Fortschritte.

mm: Es ist noch nicht so lange her, da wetterten Sie gegen die Konkurrenz wie kein zweiter. Heute erwähnen Sie die anderen nicht einmal namentlich. Warum so zurückhaltend?

Ballmer: Ich versuche vermutlich, präsidial zu wirken. Aber Sie haben recht. Ich hätte sagen sollen: Wir haben Lotus überholt. Und wir wollen besser sein als Oracle. Wie ist das?

mm: Sehr direkt. Schätzen Ihre Kunden die Dauerfehde, die Sie sich mit Ihren Konkurrenten liefern?

Ballmer: Wettbewerb ist in jeder Branche ein Plus.

mm: Aber nirgendwo gibt es so ein Hauen und Stechen wie in der IT-Industrie. Halten Sie die Glaubenskriege und PR-Schlachten, die da geschlagen werden, für unverzichtbar?

Ballmer: Die Leidenschaft der IT-Branche ist ein produktiver Faktor. Wir ringen alle um Innovation und versuchen, die Technologie für uns zu nutzen und auf Kundenwünsche einzugehen. Dieses Engagement finde ich sehr positiv, auch wenn es zuweilen vielleicht etwas ausartet.

mm: Microsoft gilt als nicht gerade zimperlich. Haben Sie das richtige Image, um im Unternehmensgeschäft erfolgreich zu sein?

Ballmer: Unsere Großkunden erwarten sicher nicht, daß wir unsere Wettbewerber lieben. Was sie aber erwarten – und da müssen wir tatsächlich an unserem Ruf arbeiten – ist die Bereitschaft zur Kooperation. Sie wollen von uns ein klares, lautes Jawohl hören: Jawohl, unsere Software wird mit Konkurrenzprodukten kompatibel sein, wenn das für den Kunden wichtig ist. In der Hinsicht können wir uns sicherlich noch verbessern.

mm: Seit Mitte des Jahres sind Sie Präsident von Microsoft. Was sehen Sie als Ihre wichtigste Aufgabe?

Ballmer: Kundenzufriedenheit. Wir sind da schon ziemlich gut, aber die Welt wird immer komplizierter. Das Kundenspektrum für alle unsere Produkte hat sich dramatisch erweitert. Office war beispielsweise ein Produkt, das sich vorwiegend an versierte PC-Nutzer richtete. Heute müssen wir uns noch um ganz andere Kunden kümmern: um Führungskräfte, die über den Einsatz neuer Programme entscheiden; um IT-Manager, die die Systeme verwalten; um Entwickler, die Zusatzprogramme schreiben. Deshalb hat die Kundenorientierung bei uns absolute Priorität.

mm: Was hat sich für Sie durch die Beförderung zur offiziellen Nummer zwei bei Microsoft verändert?

Ballmer: Ich bin ja schon relativ lange die Nummer zwei. Aber ich hatte nie eine so breite Verantwortung. Neben Marketing und Vertrieb kümmere ich mich jetzt auch um das Produktmanagement, den Ausbau des Führungsteams, die Profitabilität und um unsere Kunden.

mm: Wie verteilen Sie und Bill Gates die Aufgaben?

Ballmer: Bill ist der Technologie-Guru, der voraussieht, wozu Technologie fähig sein wird. Ich sorge dafür, daß unsere Leute ihr Bestes geben. Bei Microsoft besteht ein großes Bedürfnis nach einem "Mann des Volkes" – einem, der für Mitarbeiter und Kunden da ist. Das bin ich.

mm: Die Wirtschaftspresse in den Vereinigten Staaten charakterisiert Sie aber mit Vorliebe als unermüdliche Kampfmaschine und knallharten Heerführer.

Ballmer: Mit Verlaub, das empfinde ich als nicht sehr zutreffend. Aber bis zu einem gewissen Grad kann ich verstehen, daß ich so rüberkomme. Das Problem ist, daß ich erstens sehr leidenschaftlich bin, was viele Leute überfordert. Zweitens bin ich nicht unbedingt schmächtig, weshalb sofort angenommen wird, daß ich aggressiv bin. Drittens war der Vertrieb lange Jahre meine Mission; dort muß man nun mal Ziele erreichen und Marktanteile ausbauen.

mm: Werden Sie künftig mehr wie ein Staatsmann auftreten?

Ballmer: Na, ein Staatsmann bin ich nicht gerade. Das würde mir ziemlich schwerfallen. Staatsmänner benehmen sich nicht wie ich.

mm: Also keine Anpassung an Ihre neue Rolle?

Ballmer: Doch, natürlich. Ich will meine Energie, meinen Enthusiasmus, meine Leidenschaft nicht verlieren. Aber für das Wohl von Microsoft muß ich zwei Veränderungen vornehmen. Ich fälle jede an mich herangetragene Entscheidung gern sofort. In meiner neuen Funktion muß ich auch andere Leute entscheiden lassen. Ich darf nicht mehr einzelne Schlachten kämpfen, sondern muß das Gesamtbild im Auge behalten. Außerdem muß ich die Integration unseres Teams vorantreiben. Unsere größte Stärke ist, daß wir als Ganzes besser sind als die Summe unserer Teile. Das muß ich bewahren.

mm: Sie sind seit fast zwei Jahrzehnten bei Microsoft. Davor waren Sie bei Procter & Gamble. Was ist das Besondere an der IT-Industrie?

Ballmer: Die Bedeutung von Partnerschaften. In unserer Branche überlebt man ohne Partner nicht – ob das nun die Compaqs oder HPs sind, die Ciscos oder SAPs. Wir alle brauchen einander. Das zu verinnerlichen, es wirklich zu begreifen, dafür habe ich zehn Jahre gebraucht.

Der Präsident Die Anklage der US-Kartellbehörde

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