Kein Freizeitstress: Der Grundsatz "Eine Sache zu einer Zeit" erlebt eine Renaissance
Kein Freizeitstress: Der Grundsatz "Eine Sache zu einer Zeit" erlebt eine Renaissance
Foto: Stefan Zeitz / imago images

Wie Corona unsere Freizeitgestaltung verändert hat "Corona hat bei einigen den Reset-Knopf gedrückt"

Endlich wieder reisen, shoppen, ausgehen – die Menschen genießen den Wegfall der meisten Corona-Beschränkungen. Doch der Konsumrausch dürfte nicht von Dauer sein, warnt Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. Wie die Pandemie unser Freizeitverhalten dauerhaft verändert und welche Branchen sich Sorgen machen müssen, erklärt er hier.
Das Interview führte Claus Gorgs

manager magazin: Herr Prof. Reinhardt, die Impfquote steigt, die Corona-Beschränkungen fallen: Kommt jetzt der Freizeit- und Konsumrausch – oder bleiben die Deutschen vorsichtig?

Ulrich Reinhardt: Beides. Zum einen gibt es nach den Beschränkungen der vergangenen Monate ein großes Nachholbedürfnis. Die Menschen wollen wieder ins Kino, in den Freizeitpark oder zum Training mit ihrer Mannschaft. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit: Wo gilt noch eine Maskenpflicht? In welche Länder kann ich reisen? Und was ist eigentlich wirklich sicher? Solange hier Bedenken und Beklommenheit herrschen, wird ein Teil der Bürger zurückhaltend bleiben. Wann diese Unsicherheit vorbei ist, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

Wird die Corona-Zeit dauerhafte Auswirkungen auf das Freizeitverhalten haben?

Das denke ich schon. Die Leute denken mehr darüber nach, was ihnen wirklich wichtig ist. Freizeit bedingt Freiwilligkeit. Aber wenn wir für unsere Studien die Bürger danach fragen, was sie in ihrer freien Zeit am liebsten tun wollen, ist das in der Regel nicht das, was sie tatsächlich machen. Viele geben an, sich mehr Zeit für Freunde, Sport oder zum Ausruhen zu wünschen, verbringen aber tatsächlich viel Zeit online oder springen von Highlight zu Highlight – aus Angst, etwas zu verpassen. Hierfür gibt es auch einen Begriff: FOMO – Fear of missing out.

Und dank Corona ist jetzt Schluss mit dem Freizeitstress?

Wir beobachten tatsächlich einen neuen Trend: JOMO – Joy of missing out. Corona hat bei einigen den Reset-Knopf gedrückt. Sie wollen das Leben wieder mehr genießen und "müssen" nicht mehr überall dabei sein. Der Grundsatz "Eine Sache zu einer Zeit" erlebt eine Renaissance. Also entweder Freunde treffen oder ins Restaurant gehen, Fernsehen oder telefonieren, und das auch gern mal länger als zwei Stunden am Stück.

"Corona hat bei einigen den Reset-Knopf gedrückt"

Zukunftsforscher Ulrich Reinahrdt

Beim Blick in die Cafés, Fußgängerzonen und Einkaufszentren bekommt man einen anderen Eindruck.

Freizeit ist immer auch eine Frage der Möglichkeiten. Wäre das Angebot wieder bei 100 Prozent dessen, was vor Corona möglich war, würden wahrscheinlich drei von vier Bürgern wieder so agieren wie vorher. Und das ist selbstverständlich auch gut so. Würden alle auf Dauer nur zu Hause hocken, wäre das eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe. Aber die Entscheidung, wie sie ihre knappe Zeit einsetzen, treffen viele eben deutlich bewusster.

Welche Branchen werden von den Verschiebungen, die Sie erwarten, am stärksten betroffen sein?

Die Pandemie hat die Digitalisierung des Lebens beschleunigt. Das stellt zum Beispiel Kinobetreiber vor große Herausforderungen. Die letzte wirkliche Innovation war für viele Besucher gefühlt die Popcorn-Maschine. Und Netflix hat sich während der Pandemie als durchaus attraktive Alternative erwiesen. Hier sind neue Konzepte, die es teilweise ja auch schon gibt, notwendig, sonst wird es schwer.

Was ist mit dem stationären Einzelhandel?

Kurzfristig werden viele Kunden in die Läden stürmen, einfach weil es wieder möglich ist. Langfristig aber werden die Umsätze zurückgehen, weil während des Lockdowns deutlich geworden ist, wie einfach und bequem es ist, online zu bestellen. Der Handel hätte die Zeit nutzen können, um neue Konzepte voranzutreiben, seine Beratungs- und Serviceangebote auszubauen oder neue Kooperationen vorzubereiten. Ist das passiert? Von Einzelfällen abgesehen eher nicht.

"Die Anzahl der Geschäfte wird zurückgehen, und die zum Teil sehr hohen Mieten in den Toplagen dürften kaum mehr zu halten sein"

Welche Konsequenzen hat das für die Innenstädte?

Die ökonomischen Folgen könnten erheblich sein. Die Anzahl der Geschäfte wird zurückgehen, und die zum Teil sehr hohen Mieten in den Toplagen dürften kaum mehr zu halten sein. Man könnte es aber auch so sehen: Die Innenstädte werden den Menschen zurückgegeben. Es wird mehr Außengastronomie und Freiflächen geben, das Wohnen in der City könnte wieder für mehr Bewohner erschwinglich werden und mehr Raum für Kunst und Kultur entstehen. Das wäre eine echte Renaissance der Innenstädte.

Gilt das auch für die Gastronomie?

Auch hier werden wir zunächst einen Run erleben, aber ob das dauerhaft so bleibt, da mache ich ein Fragezeichen. Es wird nach der Pandemie mehr Homeoffice und weniger Dienstreisen geben. So manches Business-Lunch fällt da weg. Und im Privaten haben wir in den letzten Monaten die Annehmlichkeiten eines gelieferten Essens zu schätzen gelernt, nicht nur Familien mit kleinen Kindern. Auch hat die Lust, sich schick zu machen, um ins Restaurant zu gehen, nachgelassen. Wenn mein Lieblingsitaliener auch liefert, kann ich die Jogginghose anlassen.

Viele Restaurants haben ihre während des Lockdowns eingeführten Bringdienste wieder eingestellt.

Ich halte das für kurzsichtig. Zwar liefert der Getränkeabsatz die beste Marge – und der fällt beim Liefern ja meist weg. Langfristig ist das aber nicht der richtige Weg, geht es doch an den veränderten Bedürfnissen der Kunden vorbei.

Zu Beginn der Pandemie erwarteten manche einen Trend zu nachhaltigerem Freizeitverhalten. Können Sie das bestätigen?

Leider nicht. Während Nachhaltigkeit im Alltag einfach ist – Müll trennen, Stand-by-Modus ausschalten, Bioprodukte kaufen, richtig lüften –, fällt dies in der Freizeit deutlich schwerer. Die Lust, für ein Wochenende nach London, Paris oder Rom zu fliegen, ist weiterhin vorhanden ebenso wie die Unlust, in seiner Freizeit über Nachhaltigkeit nachzudenken. Freizeit bleibt besonders – hier wollen fast alle genießen.

Für viele Angestellte wird das Homeoffice Teil des Arbeitsalltags bleiben. Welche Auswirkungen hat das auf die Freizeit?

Arbeit und Freizeit werden sich deutlich stärker vermischen. Vor der Pandemie haben sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaften Homeoffice abgelehnt. Die einen fürchteten, die Leute würden nur noch Kaffee trinken, statt zu arbeiten, die anderen hatten Angst um die Work-Life-Balance der Beschäftigten. In der Pandemie haben plötzliche alle gemerkt: Es funktioniert! Die Arbeit wird erledigt – und oftmals sogar stressfreier.

"Homeoffice funktioniert! Die Arbeit wird erledigt – und oftmals sogar stressfreier"

Aber leidet nicht das Privatleben, wenn das Diensthandy ständig auf dem Küchentisch liegt?

Wenn Homeoffice als permanente Verfügbarkeit interpretiert wird, stimmt das. Wenn es aber bedeutet, dass die Arbeit dann erledigt wird, wenn es passt, empfinden die Menschen das als sehr positiv. Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Option für einen Großteil der Berufstätigen gar nicht besteht. Hier droht eine Spaltung der Gesellschaft.

Sie meinen eine soziale Spaltung?

Nein, dieser Riss läuft quer zu den sozialen Schichten: Ein Arzt kann ebenso wenig Homeoffice machen wie eine Kassiererin oder ein Industriearbeiter. Es profitieren diejenigen, die digital und ortsunabhängig arbeiten können. Und natürlich all die Unternehmen und Agenturen, die jetzt weniger Bürofläche brauchen und dadurch Kosten sparen. Soziale Härten hat Corona aber selbstverständlich ebenso verursacht, besonders bei den Beziehern niedriger Einkommen, für die das Kurzarbeitergeld zu wenig war, die vielleicht sogar ihren Job verloren haben oder bei den vielen Künstlern und anderen Solo-Selbstständigen. Das ist keine Frage.

Braucht es hier mehr staatliche Unterstützung?

Der Staat kann und muss für gute Rahmenbedingungen sorgen, zentral aber ist die Frage, wie wir langfristig leben wollen. In der Pandemie haben viele Bürger darüber nachgedacht und zum Beispiel große Solidarität mit Geschäften vor Ort gezeigt. Ich bin daher zuversichtlich, dass der kleine Buchladen um die Ecke und der örtliche Sportverein überleben werden. Sie sind und bleiben den Menschen wichtig und tragen zur Lebensqualität bei. Am Ende werden nicht die Großen die Kleinen verdrängen, sondern die Attraktiven die Unattraktiven.

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