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Antike Louis-Vuitton-Koffer: Zweites Leben als Zimmerbar und Couchtisch

Foto: The Vintage Luggage Company / René Staud Studios

Antike Luxuskoffer Die große Zeit des Reisens

Eine alte Truhe kann den Wert eines Mittelklassewagens haben, vorausgesetzt, sie ist vom richtigen Hersteller. Wer aufs Geld nicht achten muss, zahlt sogar fünfstellige Summen für ein lederbeschlagenes Reisemöbel von Louis Vuitton.

Hamburg - Der Koffer mit den schweren Beschlägen ist lang und sperrig, das rot ausgeschlagene Innere sorgsam unterteilt in mehrere Fächer von Schuhkartongröße. Der Hamburger Antiquitätenhändler Joachim-Michael Lemcke lässt seine Kunden gerne raten, wozu das gute Stück aus dem Jahr 1911 diente.

Aber kaum einer kommt darauf. Es war eigens zum Transport der Encyklopedia Britannica bestimmt, quasi ein USB-Stick für Globetrotter der vorvergangenen Jahrhundertwende, die auf langen Reisen nicht auf ein zuverlässiges Nachschlagewerk verzichten mochten.

Direkt daneben steht in Lemckes nüchternem Lagerraum der "Laptop der 1920er Jahre" - eine riesige Truhe mit soliden Griffen, deren bloßer Anblick Rückenschmerzen verursacht. Klappt man den Deckel nach vorne auf, erscheint ein richtiges kleines Büro: Klapptisch, Aktenfächer, Schubladen, alles sinnreich arrangiert und tadellos in Schuss.

"Diese Truhen stammen aus der goldenen Zeit des Reisens", erläutert Lemcke, "damals waren reiche Leute oft Monate lang mit ihren Familien und Angestellen unterwegs, und der Tross hatte zehn bis 15 Truhen dabei. Die Art des Reisens war eine andere." Wohl wahr. Die traditionelle Grand Tour durch Europa konnte schon ihre sechs Monate dauern, man zog sich gerne, dem jeweiligen Anlass entsprechend, mehrfach am Tag um - und Louis Vuitton, der 1854 seinen ersten Kofferladen in Paris eröffnet hatte, stattete die Reichen mit dem passenden Gepäck aus.

Kampferholz für Pelze, Aluminium für Safarizubehör

Sein erster Coup war 1858, wie die Firmenhistorie behauptet, die Erfindung der flachen und damit stapelbaren Reihetruhe. Für Pelze fertigte er Kampferholztruhen, damit sich keine Motten einnisteten; Safarireisende bevorzugten Truhen aus dem damals revolutionären Material Aluminium. Schuhe wurden in einem eigenen Koffer mit sinnreicher Fächerunterteilung untergebracht, und die Tagesgarderobe fand Platz in einem mobilen Reiseschrank mit ausklappbarer Bügelschiene und Unterwäscheschubladen.

Man wird wehmütig, wenn man die voluminösen Truhen betrachtet. Reisen war noch ein Abenteuer, das Wort "Handgepäck" hatte weiter keine Bedeutung, und niemand, der es sich anders leisten konnte, wäre auf den Gedanken gekommen, seine Siebensachen auf dem Rücken zu tragen oder ständig auf Rollen hinter sich herzuziehen. Reisen war Aufwand, war Abenteuer, ein Unterfangen voller kleiner und großer Unsicherheiten. Kleidertruhe, Schuhkoffer und Reisesekretär boten die Möglichkeit, der Fremde ein wenig von ihrer Fremde zu nehmen und sich nebenbei gleich selbst mit in Szene zu setzen.

Spätestens mit dem Aufkommen des Flugverkehrs hatte es ein Ende mit dem Truhenpacken. Trotzdem sind die alten Riesenkoffer aus der Zeit von 1880 bis etwa 1930 beliebt. Die mobile Gesellschaft globalisierter Sehrgutverdiener hat ihren Symbolwert für das eigene Leben erkannt: Wer viel unterwegs ist, stellt sich zu Hause gerne eine alte Reisetruhe hin. Das mag ein Widerspruch sein, aber ein schmucker. Auch teure Hotels dekorieren deshalb gerne mit altem Louis-Vuitton-Gepäck.

"Meine Kunden sind die Wohlhabenden dieser Welt. Das ist ein Artikel, den niemand dringend braucht", fasst der Braunschweiger Händler Burkhard Wendt die Koffer-Klientel lakonisch zusammen. "Die Wertentwicklung hat sich seit der D-Mark-Zeit mehr als verdoppelt", meint er. Schließlich steckten in einem fertig restaurierten Stück mindestens 300 Stunden Arbeit. "Unter 20.000 Euro wird man deshalb nichts finden."

Stolze 40.000 Euro gab Teenieschwarm Zac Efron vor zwei Jahren für einen Vuitton-Schrankkoffer aus den 1920er Jahren aus, den er seiner damaligen Freundin Vanessa Hugens schenkte. Es geht allerdings auch billiger. Das Auktionshaus Hampel in München versteigerte einen kleinen Koffer aus derselben Zeit für 1400 Euro, eine etwas ältere große Reisetruhe ging beim Lindauer Auktionator Zeller schon für 3600 Euro weg.

Bei Leder gilt: Kaputt ist kaputt

"Man findet vielleicht mal eine Truhe für 4000 Euro", räumt Wendt ein, "aber damit kann man nichts mehr machen, außer sie anschauen und feststellen, dass sie von Louis Vuitton ist. Eine Truhe, die viel durch die Welt gereist ist und die vergangenen 80 Jahre nicht optimal irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden gelagert wurde, ist im Regelfall in einem katastrophalen Zustand."

Die ungefähre Datierung der Stücke fällt auch Laien leicht. 1854 verwendete der Koffermacher grauen Leinenstoff, ab 1872 gab es rot-beige Streifen, die vier Jahre später durch eine Ton-in-Ton-Variante abgelöst wurde. 1888 trat ein Schachbrettmuster in Erscheinung - und erst 1896 der typische LV-Monogramm-Stoff, der heutigen Taschenträger als weithin sichtbarer Mitgliedsausweis im Klub der Luxusgüterkonsumenten dient.

Einen Überblick über die Geschichte der Vuitton-Koffer im Wandel der Zeiten gibt eine

aktuelle Ausstellung im Pariser Musée Carnavalet. Die besten Koffer hatten Messingecken, Messingbeschläge und Lederkanten, nicht ganz so edle Eisenbeschläge und Eisenblechkanten. Die ganz edle Variante war der komplett lederbeschlagene Koffer. Aber diese Exemplare sind, da nicht restaurierbar, selten. "Bei Leder gilt: Kaputt ist kaputt", sagt Lemcke.

Reisetruhen werden zu Barschränken

"Louis Vuitton gibt keine Auskunft über Zahlen. Vielleicht wurden 100.000 Truhen hergestellt, aber man weiß nicht, wie viele es tatsächlich waren und vor allem, wie viele es noch gibt", erläutert Lemcke. " In Amerika finden sich immer wieder Exemplare auf Dachböden und sogar in Scheunen; auch in Indien gibt es sicherlich noch große Bestände. Die Maharadschas dort wissen gar nicht, wo in den Palästen vielleicht noch alte Truhen stehen."

Die neuen Besitzer nutzen die alten Truhen meist als Möbel. Wendts Kunden nutzen die Stücke gerne etwa zur repräsentativen Aufbewahrung von Kissen oder Bettwäsche. Lemcke baut sie auch mal zu Barschränken oder Couchtischen um. "Wir gehen dabei aber nie an die Substanz", sagt er, "alles lässt sich komplett rückgängig machen." Die richtige Art der Restauration ist dabei umstritten. Was dem einen als sorgfältiges Arbeiten gilt, ist für den anderen eine zu geglättete Bearbeitung; und was dem einen eine authentische Restauration ist, ist dem anderen nicht fachgerecht genug.

So oder so: Wenn erst einmal eine Glasplatte über dem alten Reisekoffer liegt, wird er nur noch selten geöffnet - weshalb, Ironie der Geschichte, etliche der neuen Besitzer in den kostbaren antiken Stücken vor allem Dinge aufbewahren, die eigentlich entsorgt gehörten, weil sie ohnehin niemand mehr zu Hand nimmt. Alte Unterlagen etwa oder VHS-Videokassetten.

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