Bosch-Design Gefühle für Kühlschränke

Haushaltsgeräte muss man emotionalisieren, findet Robert Sachon. manager-magazin.de sprach mit dem Bosch-Chefdesigner über Bedienlogiken, neue Trendfarben und sinnliche Perfektion - und über unschöne Geräusche in der Küche.

mm.de: Warum sind Espressomaschinen oft exklusive Designobjekte, aber Geschirrspüler nicht?

Sachon: Ich würde diesen Satz so nicht unterschreiben. Gutes Design muss nicht immer vordergründig sein. Eine Espressomaschine hat man meist sichtbar auf der Arbeitsplatte stehen; vollintegrierte Spülmaschinen zeichnen sich durch ihre Integrationsfähigkeit aus und glänzen eher durch innere Werte. Design kann aber auch diese Geräte emotionalisieren.

Bei Spülmaschinen arbeiten wir dabei sehr stark mit Materialien. Wir haben Metallgriffe an den Körben und eine LED-Beleuchtung im Innenraum. Bei Backöfen, Kochfeldern und Dunstabzugshauben steht das Äußere wesentlich stärker im Vordergrund. Das ist ein Prozess des Wandels. Ein schönes Beispiel dafür ist der Kühlschrank. Vor einigen Jahren waren Kühlgeräte etwas, das man überwiegend aus funktionellen Aspekten kaufte; mittlerweile sind sie zu Lifestyleprodukten geworden. Wir haben als erste Glasfronten auf Kühlschränke appliziert und sind damit Trendsetter in Europa geworden.

mm.de: Der gewölbte Bosch-Klassiker von 1949 wurde als Retrodesign immer wieder aufgegriffen.

Sachon: Der Kühlschrank als funktionales Gerät hatte über Jahre hinweg unter starkem Preisverfall zu leiden. Dann wurde es Zeit für eine Kehrtwende: Für Design geben die Leute am Ende mehr aus, als sie das für die reine Funktionalität tun würden. Das spiegelt den Stellenwert wider, den das Thema neue Wohnlichkeit in der Küche hat. Den Bosch Classic siedelt man dabei immer unter dem Thema Retro an. Wer so eine Ikone hat, ist gut beraten, sie zu pflegen. Äußerlich blieb das Gerät über viele Jahre unverändert, aber innen haben wir ihn komplett modernisiert, mit neuester Technik und völlig neuem Innendesign mit Aluminium und Holz.

mm.de: Warum sind die meisten Haushaltsgeräte immer noch weiß?

Sachon: Die sind gerade erst wieder weiß geworden. Unsere Branche heißt ja "weiße Ware", weil die Geräte früher aus praktischen Gründen emailliert waren - genauso wie die Unterhaltungselektronik "braune Ware" hieß, weil deren Gehäuse klassischerweise aus Holz waren. Weiß erlebt derzeit eine Renaissance, nicht nur im Automobilbereich, sondern auch bei den Haushaltsgeräten.

Das haben wir relativ früh vorausgesehen und ein sehr umfangreiches Programm mit weißen Geräten am Markt generiert. Als das Edelstahl aus dem Profiküchenbereich auch für Privatküchen aktuell wurde, gerieten die weißen Geräte immer mehr in den Billigsektor. Wir haben das umgekehrt und weiße Glasfronten mit hoher Materialwertigkeit von hinten bedruckt - mit großem Erfolg.

mm.de: Aus welchen Branchen kommen die Trends, die den Haushaltsgerätesektor prägen?

Sachon: Wir haben unterschiedlichste Branchen auf unserem Trendradar. Wir schauen, was die Automobilindustrie macht. Auch Unterhaltungselektronik und Möbel sind für uns interessant, und wir versuchen, daraus unsere Rückschlüsse zu ziehen.

Aber nicht alles, was man dort sieht, ist auf ein Hausgerät übertragbar. Viele Geräte etwa aus der Unterhaltungselektronik oder der Telekommunikation hat man, wenn sie lange halten, zwei Jahre - deshalb sind die wesentlich modischer gestaltet. Da wird eher etwas probiert, das man sich nach zwei Jahren vielleicht satt gesehen hat. Unsere Gerätelebenszyklen betragen dagegen im Schnitt 15 Jahre und länger. Uns als Designern ist es ein Anliegen, Geräte zu gestalten, die die Leute über viele Jahre hinweg begleiten.

"Psychoakustik wird immer wichtiger"

mm.de: Wie lange ist ein gutes Design gültig?

Sachon: Kein Gerät kann seine Entstehungszeit verleugnen. Wir versuchen aber, Geräte zu entwerfen, die keine modischen Wegwerfprodukte sind. Das bedeutet mitunter den bewussten Verzicht auf reißerische Formen. Die Qualität eines Designs offenbart sich nicht nur im Moment des Kaufs, sondern zum Teil erst Jahre danach.

mm.de: Sie legen viel Wert auf Sounddesign. Was sind denn abtörnende Geräusche in der Küche?

Sachon: Alle, die keine Wertigkeit ausstrahlen. Der Kunde schaut sich das Gerät im Laden ja nicht nur an, er macht auch die Tür auf und zu, berührt es, probiert die Knöpfe aus. Das ist wie beim Auto. In unserem Unternehmen arbeiten insgesamt 50 Leute an verschiedenen Standorten daran, ansprechende Sounds zu gestalten. In der Vergangenheit ging es dabei sehr stark um Geräuschvermeidung. Man wollte möglichst lautlose Geräuschweltmeister kreieren. In den vergangenen Jahren ist das Feld der Psychoakustik immer wichtiger geworden. Wir versuchen gezielt, Gerätesounds wie das Öffnen einer Tür zu beeinflussen.

mm.de: Aber ein Geschirrspüler zum Beispiel sollte doch am liebsten lautlos sein.

Sachon: Das stimmt. Aber es geht nicht nur um die reine Dezibelzahl, sondern vor allem um die Reduktion unangenehmer Geräusche. Am Ende der Spülgänge pumpt die Pumpe das Wasser heraus. Wenn es weg ist, zieht sie Luft, und es gibt ein unschönes Gurgeln - das ist nicht einmal besonders laut, aber eben unangenehm. In der aktuellen Spülergeneration setzen wir deshalb eine Technik ein, die dieses Geräusch vermeidet.

Auch im Bereich der Bedienlogiken wird die Akustik immer wichtiger. Wir arbeiten an produktkategorieübergreifenden Systemsounds und eingängigen Tastenquittierungen. Ein ebenso wichtiges Thema ist die Haptik. Unsere Gestaltungsmaxime ist sinnliche Perfektion. Das umfasst nicht nur die Optik und die Akustik, sondern auch den Tastsinn.

mm.de: Was für Trends sehen Sie da im Moment? Ist das Ende der Edelstahl-Ära erreicht?

Sachon: Nein, auf keinen Fall. Edelstahl verkörpert Professionalität. Aber es gibt auch den gegenläufigen Trend zu einer neuen Wohnlichkeit, die die Küche zum Wohnraum hin öffnet. Dem widmen wir viel Augenmerk und spielen dabei mit Materialien wie Glas und mit Farben, schwerpunktmäßig derzeit Weiß und Schwarz. In Zukunft wird Braun sicherlich ein Trendthema. Braun war früher eher eine Farbe für reaktionäre Ersatzbedarfkäufer, die passend zu ihrer Holzküche einen braunen Herd wollten. Das hat nicht immer gut gepasst.

Wir wollen ein modernes Gewand. Und hier ist die Automobilindustrie tatsächlich Vorreiter, weil sie hilft, Themen beim Endverbraucher im Bewusstsein zu verankern. Die neuen Autos auf der IAA waren alle braun. Auf der Mailänder Eurocucina im April 2010 werden wir unsere Designkooperation mit dem Küchenhersteller Alno und dem Glasproduzenten Schott vorstellen, an der wir zwei Jahre gearbeitet haben. Wir führen Küche und Küchengerät zusammen. Die Geräte sind zu 100 Prozent auf die Küchenfronten abgestimmt. Wir arbeiten mit satiniertem Glas und glänzenden Oberflächen; dieser Kontrast entwickelt einen ganz eigenen Reiz. Das ganze Thema haben wir in Braun, und die Reaktionen darauf waren sehr euphorisch.

Nachhaltigkeit ist natürlich auch ein wichtiges Thema. Und die Wende zur Wohnlichkeit hat auch das Bad erfasst, das immer mehr zum Personal Spa wird.

"Auch die grifflose Küche hat ihre Tücken"

mm.de: In ein Personal Spa passen Waschmaschine und Trockner nicht wirklich gut hinein.

Sachon: Früher fanden Waschen und Trocknen versteckt im Keller statt. Leistung und Preis der Geräte standen im Vordergrund. Aber viele Leute haben gar keinen Keller mehr. Die Geräte stehen im Bad, und damit steht auch Waschmaschinen und Trocknern eine Welle der Ästhetisierung bevor, weil sie sonst nicht mehr in dieses Umfeld hineinpassen.

mm.de: Wo steht denn Ihre Waschmaschine?

Sachon: In einem Einbauschrank im Bad.

mm.de: Wie verläuft der Entwicklungsprozess für neue Geräte?

Sachon: Zunächst entwickeln wir die Geräte in Projektteams, in denen Designer mit Entwicklern, Marketing- und Vertriebsleuten zusammenarbeiten. Jeder bringt seine Sichtweise ein. Als großes Unternehmen arbeiten wir natürlich auch mit den klassischen Marktforschungsinstrumenten. Wir haben Akzeptanztests und Usability-Tests, die aber erst gegen Ende des Projekts eingesetzt werden. Daher müssen wir die Arbeitsprozesse so flexibel wie möglich halten. In Projekten muss man bereit sein, Risiken an Stellen einzugehen, wo man das vielleicht gar nicht mehr so gerne möchte.

mm.de: Hausgeräte haben eine Fülle vorgegebener industrieller Normen. Wie viel Spielraum haben Sie überhaupt als Designer?

Sachon: Wir versuchen, Familienzusammenhänge zu generieren: Ein Backofendesign ist abgestimmt auf Ergänzungsgeräte wie die Mikrowelle und den Kaffeevollautomaten. Die sollen alle nebeneinander eingebaut werden können, und deshalb sind Bedienelemente, Griffe und Linienfluchten aufeinander abgestimmt. Das ist eine hohe Anforderung an das Design. Schon durch die Materialwahl kann man Akzente setzen. Wir haben Vollmetallgriffe eingeführt und neue Touchsensoren entwickelt, bei denen man auf eine wertige Metalloberfläche tastet, die wie eine Intarsienarbeit in die Ofenfront eingelassen ist. Das sind Details, die der Kunde schätzt. Solche Features treiben die Emotionalität der Produkte voran.

Wir arbeiten mit einem Designbegriff, der nicht nur die äußere Form beinhaltet, sondern auch die ergonomische Funktionalität. Neben der Gestaltung der Bedienelemente wird daher die Gestaltung der Bedienabläufe immer wichtiger. Hier sehe ich künftig ein Hauptdifferenzierungsfeld der Marken.

mm.de: Was bedeutet das für die Küche? Im Moment geht der Trend dazu, sie komplett grifflos zu gestalten.

Sachon: Auch die grifflose Küche hat ihre Tücken. Ich habe auf einer Messe gesehen, wie eine Frau an einen Schrank tippte. Der ging auf, sie trat erschrocken zurück und stieß mit dem Rücken an die Kochinsel, aus der prompt eine Schublade ausfuhr. Die wusste gar nicht, wie ihr geschah.

Natürlich soll die Küche einen stärkeren Möbelcharakter haben. Da sollen die Griffe nicht im Vordergrund sein. Aber wie alle Bewegungen verläuft auch diese in Wellen. Irgendwann, wenn alle, auch die ganz preiswerten Küchen, komplett grifflos sind, wird ein Vorreiter kommen und sagen: Jetzt mache ich da einen wirklich schönen, dominanten Griff drauf.

Haushaltsgeräte: Robert Sachons Design in Bildern

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