Graft-Architekten Die Berlin-Connection

Zuerst Los Angeles, dann Berlin und Peking. Der Name Graft steht für ein Architekturbüro, das von drei Kontinenten aus weltweit operiert. Mit Anschubhilfe aus Hollywood hat sich das Gründertrio auch in Deutschland einen Namen gemacht - und mit so manchen Konventionen und Klischees gebrochen.
Von Sandra Hofmeister

Berlin - Es gibt Ecken in Berlin, an denen die Zeit anscheinend spurlos vorbeigegangen ist. Die Heidestraße, nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, ist so ein Winkel: Zwischen Lagerhallen und Baracken stapeln Automechaniker gebrauchte Reifen am Straßenrand, Speditionen nutzen brachliegende Flächen als Parkplatz. Kaum zu glauben, dass sich ausgerechnet hier ein Team von Kreativen angesiedelt hat, denen der Ruf von Stararchitekten vorauseilt.

Auf den langen Tischreihen in der obersten Etage eines alten Gewerbebaus, Hausnummer 50, stapeln sich Bücher und Zeitschriften zwischen Computerbildschirmen und Baumodellen. Etwa 50 Berliner "Grafts" arbeiten hier - eine große Familie junger Entwerfer. "Die Jungs sind gleich da", sagt einer von ihnen in Jeans und bedrucktem T-Shirt, der sich als Max vorstellt.

Die Jungs, das sind die Graft-Gründer Lars Krückeberg, 42, Wolfram Putz, 41, und Thomas Willemeit, 41. Kennengelernt haben sie sich beim Architekturstudium in Braunschweig - und später zu einer Bürogemeinschaft in Los Angeles zusammengefunden. 2001 eröffnete ein zweites Graft-Büro in Berlin, 2004 kam eine weitere Niederlassung in Beijing hinzu. Der Starkult um Brad Pitt, für den die smarten Deutschen ein Atelierhaus in den Hügeln von Hollywood entworfen hatten, ist dem Trio an die Spree gefolgt.

So konstant wie Graft seitdem an immer neuen Projekten mit Brad Pitt tüftelt - einem Hotelkomplex in Dubai, einem Urlaubsresort in der Dominikanischen Republik oder einem Wohnturm in Tokio - hält sich auch der Hype um die Graft-Gründer. Ihre Entwürfe werden stets mit perfekten Renderings präsentiert; ob sie tatsächlich gebaut werden, spielt für die Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle.

Die Jungs stehen längst auch ohne Brad Pitt im Rampenlicht. Ihre Handschrift sind fließende Räume mit weichen Kurven und sanften, geschwungenen Linien. Interiors, die wie Traumszenarien wirken - so die Zahnarztpraxis KU 64 und das Hotel Q in Berlin, belegen eine Raumauffassung, die mit gängigen Konventionen bricht.

Decken und Böden bäumen sich wie Dünen zu schwingenden Formen auf und binden Funktionsbereiche wie Rezeption oder Loungezonen, aber auch Betten und Badewannen optisch in das Raumkontinuum ein. "Es geht darum, das Leben wie ein Spiel zu begreifen", sagt Thomas Willemeit. "Ein Spiel, das eine zusätzliche Lebensqualität schafft."

"Architektur muss komplex sein"

Diese Qualität kann unterschiedlich aussehen. So, wie im kürzlich eröffneten Ginko Bacchus Restaurant im chinesischen Chengdu, das wie eine dionysische Spiegelhöhle inszeniert ist. Oder so wie im preisgekürten Entwurf für eine Kirche in Wünsdorf, die sich wie ein leuchtender Kristall vom umliegenden Wald abhebt.

Einen Unterschied zwischen Interiors und Hochbauten mache Graft nicht. "Michelangelo ist auch nicht als Innenarchitekt zu kategorisieren", meint Lars Krückeberg dazu nur. So gestalten die Architekten mit demselben Enthusiasmus Waschbecken und Einfamilienhäuser, Hochhauskomplexe wie den im chinesischen Dalian und Masterpläne für ganze Stadtquartiere. Derzeit arbeiten sie an Projekten in Kuala Lumpur und Tiflis, New York und Hamburg.

meint Krückeberg und fügt hinzu, "reich an möglichen Lesarten, Atmosphären und kleinen Geschichten." Pluralität ist ein wichtiges Stichwort, das bereits im Büronamen anklingt. Der englische Begriff "graft/grafting" steht für die Veredelung von Pflanzen durch Aufpfropfen - und somit die Vielfalt innerhalb einer Einheit.

In ihren Jeans, mit Badelatschen und Lederband samt Talisman um den Hals wirken Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit in ihrer Berliner Kreativbude wie Kumpels aus der Kneipe nebenan. Ihr Selbstverständnis als Architekten gewinnen sie aus einem gemeinsamen Lebensentwurf, der viel kalifornischen Spirit hat und trotzdem auf Professionalität und Ernsthaftigkeit pocht.

"Wir haben in Kalifornien genug Sonne gefressen und glauben daran, dass es Teil unseres Jobs ist, Spaß zu haben an dem, was wir tun", erklärt Lars Krückeberg bündig. Zu dieser Haltung passt, dass sich die Architekten auch das Streben nach Glück auf die Fahne geschrieben haben, ganz wie in der US-amerikanischen Verfassung. Der deutsche Überernst beim Entwerfen läge ihnen nicht, konstatiert Krückeberg und ist sich wie seine Partner bewusst, wie sehr sich Graft allein schon äußerlich vom klassischen Klischee des Architekten mit schwarzem Rollkragen und dunkelrandiger Brille unterscheidet.

Sich mit den Grafts zu unterhalten, erfordert Weitsicht und Verständnis für globale Zusammenhänge. Da ist die Rede von Jiu-Jitsu und von den Möglichkeiten der Re-Allegorisierung, dann wieder beziehen sich die Jungs auf den Kunsthistoriker Erwin Panofsky, auf den Alten Fritz und Marco Polo, erläutern die Qualitäten des Hospitality-Designs und legen sich vehement für Social Sustainability, Nachhaltigkeit, ins Zeug.

"Alles richtig machen"

Dogmatismus liegt ihnen genauso fern wie ihren Partnern Alejandra Lillo und Gregor Hoheisel, die die Büros in Los Angeles und Beijing leiten. "Wir haben die drei Büros nicht, weil wir größenwahnsinnig sind, sondern weil wir der Überzeugung sind, dass man heutzutage einen globalen Überbau braucht", stellt Lars Krückeberg fest. Um Probleme global anzugehen, müsse man lokal agieren.

Eines dieser Probleme, für die Graft gemeinsam mit verschiedenen Experten Lösungen sucht, ist der Klimawandel und der Umgang mit Energieressourcen.

So sieht ihr Entwurf für die Bird-Island-Villen in Malaysia Lamellenwände vor, die für kühlenden Luftstrom sorgen, während Solarsysteme und Regenwasser energiesparend das Heizen übernehmen. Alles richtig machen wollten die drei von Graft auch bei der Planung ihrer Low-Budget-Wohnhäuser für das "Make It Right"-Programm zum Wiederaufbau eines vom Hurrikan zerstörten Wohngebiets in New Orleans.

"Wenn wir die Welt positiv verändern wollen, muss es uns unbedingt gelingen, sustainability auch im breiten Markt für einfache Häuser anzuwenden", fordert Krückeberg. Nach dem ökologischen "Cradle to Cradle"-Prinzip errichtet, stehe das gesamte, von Brad Pitt initiierte Siedlungsvorhaben, bei dem sich neben vielen anderen Architekten auch Gehry & Partners und Shigeru Ban mit eigenen Entwürfen einbringen, für eine soziale Nachhaltigkeit, die vorbildlich werden könnte.

Ihre Projekte sind über die Kontinente verteilt. Die Graft-Jungs selbst residieren seit nunmehr acht Jahren in Berlin-Mitte. Aus den "jungen Wilden" sind Familienväter und mit internationalen Preisen ausgezeichnete Architekten geworden.

In der deutschen Hauptstadt mischt sich das Trio gern in lokale Debatten ein - und sorgt für einen Hauch von Hollywood. Schon bei der Berlinale 2010 wird das auch auf der Straße sichtbar sein: Im Februar soll der "Boulevard der Stars", eine "Walk of Fame"-Meile am Potsdamer Platz, zum größten Teil fertiggestellt sein. Auf rot eingefärbtem Asphalt glänzen dann goldene Sterne für die Stars der Berliner Filmfestspiele - fast wie auf dem Sunset-Boulevard.

Im Fluss: Architektur von Graft in Bildern

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