Möbeldesign Harte Sessel, weiche Schränke

Tische zum Hineinkriechen, Stühle in Kaktusform, Lampen aus Kuhdung, Schränke aus Schaumgummi und Hocker mit integriertem Megafon - im Möbeldesign scheint es nur noch ein Tabu zu geben: Langeweile. Ein neuer Bildband dokumentiert die überschäumende Gestaltungslust der ausgehenden ersten Dekade des neuen Jahrtausends.

Omas Sofa hatte ein dezentes bräunliches Blumenmuster auf beigem Grund. Die kurzen Holzbeinchen bedeckte ein züchtiger Fransensaum, und wo die alten Damen bei ihren Kaffeerunden die ondulierten Hinterköpfe anlehnten, schonten spitzenumhäkelte Deckchen das gute Stück. Die stickige Gemütlichkeit, die das weithin verbreitete Sitzmöbel ausstrahlte, griff der Möbeldesigner Hannes Grebin auf - und verkehrte sie brutal ins Ironische. Sein scharfkantiges "Spiesser Sofa" wirkt mit Fransen, Spitzendeckchen und Brokatstoff wie der Albtraum eines Kubisten.

Humor ist eine relativ neue Kategorie im Möbeldesign, und er ist eine der schwierigsten Disziplinen - kaum jemand gibt gerne viel Geld für einen simplen, aber aufwendig produzierten Gag aus. Aber in der ausgehenden ersten Dekade des dritten Jahrtausends gibt es offenbar nur noch ein Tabu, und das heißt Langeweile.

Die Einfälle der Designer überstürzen sich, und das Gebot der Stunde heißt Experimentieren: Mit neuen Materialien von wasserfesten Stoffen über vernickeltes Aluminium bis zum Plastikstrohhalm, neuen Bearbeitungsformen von Laserschnitt bis Multilayer-Werkstoffen aus Holz und Recyclingkunststoffen und neuen Verschmelzungen zwischen konträren Gestaltungsformen - da kommt dann der Chesterfieldsessel als luftgefüllter Sitzsack daher, und Photoshop-Bearbeitungen von Möbelbildern mit Verzerrungen und Verläufen werden wieder dreidimensional umgesetzt.

Die Lebenswelten haben sich verändert, und immer mehr Designer begreifen ihr Tun als ein kommentierendes. Ökos wie Florian Kräutli, der seine "animal chairs" um Stahlrahmen vom Sperrmüll herum baut, Karin Frankenstein und Tomas Aurun, die Lampen und Stühle aus Kuhdung produzieren und das Scrap Lab, das schicke Sessel aus Plastikmüll baut.

Andere werden philosophisch: Da gibt es weiche Schränke, die erst durch Inhalt Stabilität gewinnen, da gibt es Tische, in deren Stoffhöhlen man seinen Kopf stecken und sich so komplett ins Private zurückziehen kann. Multifunktionale Module wie Christian Halleröds mobiles Büro, ein Stahlrohrkubus mit beliebig veränderbarer Innenaufteilung, künden vom Flexibilitätszwang moderner Berufsnomaden.

Und manche Designer wagen den Sprung ins absurde Reich der l'art pour l'art, wie das Studio Niels & Sven mit einem komplett aus Holz gezimmerten und daher völlig unbrauchbaren Grill. Richard Huttons Cloud Chair führt die Idee des weichen Sessels ad absurdum - die gefälligen Kugelformen sind aus hartem Aluminium. Die gegnerische Fraktion entdeckt das Luxussegment neu und belebt die Wohnwelt mit kostbaren Werkstoffen, Intarsien und äußerst aufwendiger und komplett ironiefreier Handarbeit.

Robert Klanten, Sven Ehmann, Andrej Kupetz und Shonquis Moreno bieten mit dem englischsprachigen Bildband "Once upon a chair" eine interessante Gesamtschau über das kontemporäre Möbeldesign - von neuer Romantik über die immer noch virulente Bauhausseligkeit und verkopfte Spielereien von Jungdesignern bis zu Kunsthandwerk im besten Sinne des Wortes.

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