Gartenbaukunst Nachhilfe fürs Paradies

Ein Stück Rasen mit einer Forsythie, dazu ein sauber gekärcherter Weg - das mag ein Grundstück sein, ist aber noch lange kein Garten, findet Gabriella Pape. Mit ihrer "Königlichen Gartenakademie" in Berlin will die Gartenarchitektin den Deutschen die vergessene Kunst der Hortikultur wieder nahebringen.

Berlin - Jetzt, im beginnenden Herbst, bricht die Heide wieder aus in Deutschlands Gärten. Überall krautet es, in Töpfen und Beeten, flächendeckend erobert die Erika das Terrain. Schließlich blüht ja bald sonst nichts mehr. Oder doch? In Gabriella Papes "Königlicher Gartenakademie" in Berlins Villenviertel Dahlem findet man jede Menge Herbst- und Winterblüher, Erika sucht man allerdings vergebens.

Für die Gartenarchitektin ist die alljährliche Verheidekrautung deutscher Beete ein beispielhaftes Symptom bedauernswerter Einfallslosigkeit. "Heide ist schrecklich. Die Leute wissen einfach nicht, dass es noch so viele andere Pflanzen gibt, die man stattdessen pflanzen könnte. Und dadurch, dass die Leute immer das Gleiche kaufen, gibt es auch nichts anderes", schildert Pape den Teufelskreis fehlender Gestaltungslust. "Wir haben unsere Tradition verloren und wurden an das Thema Gartenkultur nicht herangeführt. Nach dem Krieg war kein Platz für die Blume. Die Gärtner sind auch nicht gut ausgebildet, und es gibt keine herausfordernden Kunden."

In England machte die 45-Jährige vor zwei Jahren Furore, als sie mit einem Senkgarten auf der Chelsea Flower Show eine Silbermedaille gewann - der ultimative Ritterschlag der Gartenbauszene, zumal auch Prinz Charles und die Queen sich von dem blühenden Staudenparadies angetan zeigten. Nach zweieinhalb Jahrzehnten Arbeit in England fand Pape, die Zeit sei reif für eine Renaissance der Hortikultur im Garten-Entwicklungsland Deutschland - und dafür, die hiesigen Gärten endlich vom "Rasen-Carport-Kriechwacholder-Syndrom zu kurieren".

Manufactum und Blütenkonfekt

In Dahlem, nahe der Technischen Universität, fand die gebürtige Hamburgerin, die nach einer Gärtnerlehre in den englischen Kew Gardens Gartenarchitektur studierte, den passenden Standort: Sie baute das 9000 Quadratmeter große Gelände der alten Lennéschen Königlichen Gärtnerlehranstalt zu ihrer "Königlichen Gartenakademie" aus. Seit Mai 2008 gibt sie hier mit ihrer Geschäftspartnerin, der Gartenhistorikerin Isabelle Van Groeningen, Seminare, verkauft Pflanzen, Zubehör und ihre Gartenbücher und plant Gärten für ihre Kunden - zum Einstiegspreis von einem Euro pro Quadratmeter. Sechs bis zehn kleine Gärten plant sie in der Woche, für die solvente Kundschaft nimmt sie jährlich 30 bis 40 größere Projekte in Angriff.

Einen Teil ihrer Flächen auf dem Gelände und in den historischen Gewächshäusern hat Pape verpachtet. Das Edelversandhaus Manufactum betreibt hier eine Dependance. Eine Baumschule, ein Garten- und Landschaftsbauer, eine Staudengärtnerei und ein Laden mit Garten- und Innendekoration sind auch mit im Boot. Für Papes Gartenseminare mit Titeln wie "Grundlagen der Gestaltung" oder "Es wird durchgeblüht" gibt es Wartelisten.

Das Café unter der alten Mädchenhaarkiefer serviert Blütenkonfekt und einen Business-Lunch, die feinen Damen aus dem alten Westberlin nehmen in dem gediegenen Ambiente gerne ihren Vormittagscappuccino. Gegenüber steht ein unprätentiöser alter Ziegelbau. In dem ehemaligen Wurzelbeobachtungshaus der Lennéschen Gärtnerschule zeichnet Pape ihre Entwürfe; wer zur Chefin will, muss einen altmodischen Türklopfer in Form eines Stiefelchens betätigen.

Nach Büroschluss kommen auch die jüngeren Leute aufs Gelände. "Die Generation der Mittdreißiger hat Interesse am schicken Garten - die wollen mehr als nur Rasen, Laube und Forsythie", sagt Pape. Sie glaubt daran, dass nach dem lukrativen Koch-Boom als Nächstes der Garten-Hype ausbrechen wird.

Marketing mit der Queen

Im Schaugarten führen gepflasterte Wege an üppigen Staudenrabatten vorbei. In den Rasen versenkte Trittsteine führen zu einem Teepavillon, überall gaukeln Schmetterlinge und Bienen, jede Perspektive ist gestalterisch durchkomponiert. Nach Ladenschluss entspannt sich die Gartenarchitektin hier gerne schon einmal beim Unkrautzupfen. Ihren eigenen Garten hat sie in England zurückgelassen. In Berlin muss vorerst eine Etagenwohnung reichen - ihre Lust aufs Selbstgärtnern lebt Pape in ihrer Akademie aus.

"Ich habe hier viele Millionen investiert, und das ohne einen Cent staatliche Unterstützung", erzählt Pape stolz, "Zuversicht ist ein Keyword - ich glaube daran, dass man ernsthaft Zuversicht haben muss. Eine gute Gärtnerin war ich. Geschäftsfrau bin ich erst geworden." Auch die deutschen Banken waren skeptisch gegenüber dem Projekt. Das Kapital kam größtenteils aus England, wo man sich eher vorstellen konnte, dass im Gartensektor Geld zu verdienen ist. "Die Banken fragten aber schon: Who the heck is Pape? Da haben die Bilder von Prince Charles und der Queen auf der Chelsea Flower Show schon sehr geholfen. Damit kann man Marketing machen."

Und die Finanzkrise? Pape lehnt sich lässig zurück: "Es wusste ja jeder, dass es demnächst knallt - die Engländer waren groß darin, 'bad value for good money' zu verkaufen. Mein Projekt hier war geplant für den Moment, in dem die Leute auf etwas zurückgreifen, das seinen Wert behält. Ich bin zwar Gärtnerin, aber nicht blöd - ich bin da nicht blauäugig reingegangen. Wir haben mit 60 Besuchern am Tag gerechnet, die Banken haben nur an 30 geglaubt - und jetzt kommen 350." Auf dem Parkplatz vor der Gartenakademie stehen vor allem Mercedes und BMWs. In denen kommen Kunden, die auch mal einen vierstelligen Betrag für eine opulente Pflanzschale in die Hand nehmen.

Aber Geld ist, wie überall, noch kein Garant für guten Geschmack. "Ein Stück Rasen mit einer Forsythie ist kein Garten", meint die Gartendesignerin, "es gibt Gegenden, da ist noch nicht mal der Zaun schön. Selbst in Villenvierteln sind vielleicht 10 Prozent der Grundstücke echte Gärten; viele sind einfach nur Wüsten mit geharktem grauen Sand und Pollerleuchten. Dabei soll es doch in Vorgärten eigentlich am schönsten sein. Ein Vorgarten ist dazu da, einen morgens mutig ins Leben zu schicken und abends fröhlich zu empfangen. Bei 90 Prozent dieser Gärten ist das aber nicht der Fall."

Gärtnerin Pape setzt ihr Ideal dagegen: "Ein Garten ist ein kleines Paradies, da kriegt man alles, was man reinsteckt, auch zurück. Man schöpft Kraft im Garten. Sonst wird das Gärtnern auch zur Gartenarbeit. Aber nur die Pflanze in den Boden zu setzen, reicht nicht. Ich muss auch etwas für ihr Gedeihen tun. Einem Paar, das große Probleme mit seinen Rosen hatte, habe ich einmal gesagt: Wenn ich hier nackt und ohne etwas zu trinken mit den Füßen im Kies stünde, würde ich auch Läuse bekommen."

Blütezeit: Die Königliche Gartenakademie in Berlin

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