Architektur "Mehr Sinnlichkeit"

Das Architektenbüro Sauerbruch-Hutton gilt als Vorreiter beim nachhaltigen Bauen und sorgte erst kürzlich wieder mit seinem farbenfrohen Entwurf des Münchener Museum Brandhorst für Furore. manager-magazin.de sprach mit Matthias Sauerbruch über echte Zukunftsarchitektur, bauliche Vergangenheitsbewältigung und deutsche Defizite.

mm.de: Herr Sauerbruch, ihr letztes Projekt, das Museum Brandhorst in München, ist wahrscheinlich von den Kritikern so gefeiert worden wie keines zuvor - allerdings gab es auch Kritiker, die es angesichts der Baukosten "underwhelming" fanden. Sind wir Deutschen, was Architektur angeht, spießig?

Sauerbruch: Die Kritiken waren ja unheimlich positiv - also wir waren eher "overwhelmed". Aber natürlich gibt es auch an diesem Museum kontroverse Aspekte - wenn nicht, dann wäre es auch schade.

mm.de: Also doch nicht so spießig?

Sauerbruch: In verschiedenen Länder ist die Architektur einfach auf einem unterschiedlichen Stand - was Aspekte wie Nachhaltigkeit oder Baukultur angeht. Während das Thema Nachhaltigkeit in Italien beispielsweise noch ziemlich unterentwickelt ist, sieht es bei der Baukultur anders aus. Wenn die Italiener sich entscheiden, mit einem bestimmten Architekten zusammen zu arbeiten, dann würdigen sie ihn sehr. Das ist in Deutschland nicht unbedingt der Fall.

mm.de: Sind die Italiener mutiger?

Sauerbruch: Das hängt natürlich von den Individuen ab, mit denen man es zu tun hat. Aber in unserem Fall: Ja!

mm.de: Ihre Projekte zeichnen sich ja häufig durch extreme Farbigkeit aus. Ist die hierzulande Mangelware?

Sauerbruch: Sagen wir mal so: Zeitgenössische Architektur kann mehr Sinnlichkeit vertragen. Ob das mit Farbe, sinnlichen Formen, schönen Materialien oder durch Manipulation des Lichts passiert, sei dahin gestellt. Es gibt viele Mittel - Farbe ist eines davon.

Wir haben Farbe für uns wieder entdeckt als Element - oder fast als Material, mit dem man nicht nur Großzügigkeit herstellen kann, wo keine ist, oder Raum modellieren kann, sondern auch stark atmosphärisch beeinflussen kann. Ein Raum, der weiß ist, wirkt natürlich ganz anders als ein dunkelroter. Das gilt nicht nur für Innenräume, sondern auch für Stadträume.

"Berlin ist ja im eigentlichen Sinne keine schöne Stadt"

mm.de: Welche Stadt in Deutschland hätte Ihrer Ansicht nach denn am dringendsten Verschönerung nötig?

Sauerbruch: Deutschland hat viel mitgemacht - aber das ist es ja teilweise auch das, was die Städte interessant macht. Auch Berlin ist ja im eigentlichen Sinne keine schöne Stadt. Aber die Hässlichkeit macht sie zum Teil sehr interessant, weil sie voller Geschichte ist, Fragen offen lässt und auch Raum offen lässt. In Paris dagegen ist die Innenstadt zwar großartig und ein Touristenziel erster Güte. Sie ist aber auch zementiert und verfügt über wenig Projektionsfläche. In Berlin ist so viel offen, so viel ungesagt, noch so viel zu tun.

mm.de: Aber gibt es gerade in Berlin nicht das Bestreben, Relikte aus der DDR-Zeit auszumerzen, die ja auch Teil der Stadtgeschichte sind?

Sauerbruch: Absolut. Es gibt natürlich diesen Wunsch, Narben zu überdecken und ungeschehen zu machen - und das ist sicher falsch. Es wird auch nicht gelingen. Das sieht man auch an den Visionen, die da um das Schloss herum gesponnen werden. Das sieht aus wie eine Retortenstadt, wirkt völlig künstlich und ein bisschen lächerlich.

Ich glaube, im Berliner Innenstadtbereich und in anderen ostdeutschen Städten muss das DDR-Erbe im positiven Sinne irgendwie mitverarbeitet werden. Es gab ja nicht nur schlechte Ideen. Es gab auch einige großartige Bauten in dieser Zeit und auch einige gute Ideen - und aus denen muss man ebenso etwas machen, wie aus den Fragmenten, die man aus dem 18. oder 19. Jahrhundert findet.

Es wird nie gelingen, eine ganze Stadt aus einem Guss zu machen. Es wird immer eine Akkumulation von vielen kleinen Schritten über die Jahre sein. Da ist eine Kombination aus ästhetischer Absicht und Pragmatismus glaube ich nicht schlecht.

mm.de: Was muss gute Architektur den leisten?

Sauerbruch: Architektur muss in erster Linie ihren Zwecke erfüllen - was nicht immer selbstverständlich ist. Darüber hinaus ist Architektur gebaute Umwelt und im weitesten Sinne das Umfeld, in dem wir leben - also auch Straßen, Fahrradwege und städtische Infrastruktur. Da muss man sich natürlich fragen, in welcher Welt wollen wir leben? Und meine Antwort ist: eine, die gesund ist, von der kein Schaden ausgeht, die vielfältig ist, Spaß macht, die Sinne anregt, lebenswert ist und letztlich Freude macht. Und das geht über die Funktion hinaus.

"Eine Vielzahl Projekte sind im Entscheidungsstau"

mm.de: Sie haben vorhin gesagt, in Italien sei man, was Nachhaltigkeit angeht, noch nicht so weit. Wo steht momentan denn Deutschland?

Sauerbruch: Deutschland steht im Augenblick eigentlich ganz gut da - ist aber vermutlich gerade dabei, den Vorsprung deutlich zu verlieren, weil die Politik hierzulande zwar viel von Nachhaltigkeit redet aber tatsächlich nicht wirklich so wahnsinnig viel tut was Investitionsprogramme angeht. Die Autoindustrie wird da offenbar für wesentlich wichtiger gehalten. Ich denke mal, dass die Amerikaner uns daher in Kürze überholen werden.

mm.de : Ist das Ihrer Meinung nach eine Auswirkung der Krise?

Sauerbruch: Ich denke, es ist eine Auswirkung der Politik. US-Präsident Barack Obama macht entschiedene Schritte in Richtung Nachhaltigkeit. Ob das alles gut geht, ist zwar noch die Frage. Aber es ähnelt der Agenda, die die Grünen eigentlich seit 20 Jahren vor sich hertragen und wo sie stückchenweise auch Erfolge erzielt haben.

mm.de: Inwieweit wirkt sich den die Krise denn auf ihre Arbeit aus?

Sauerbruch: Auf das Geschäft der Architektur wirkt sie sich - zumindest in unserem Fall - sehr spürbar aus. Eine Vielzahl Projekte sind im Entscheidungsstau, wo die Bauherren sich nicht mehr vorwagen wollen, abwarten, keine Entscheidungen mehr treffen. Das ist sehr spürbar.

mm.de: Und in der Art der Bauten? Ist die Glamourarchitektur, wie viele sagen, am Ende?

Sauerbruch: Ob das wirklich der Fall sein wird, weiß ich nicht. Das ist vielleicht ein etwas voreiliger Schluss, den einige Kritiker da gezogen haben. Aber in der Tat wird auch in unserem Umfeld jetzt sparsamer gedacht. Einige Bauherren revidieren mittlerweile sogar Entscheidungen, die sie schon getroffen haben, um Kosten einsparen zu können. Und da sind nicht immer nur die langfristigen Kosten im Blick sondern auch die kurzfristigen Investitionskosten.

Man würde sich ja wünschen, dass sich mit einem gewissen Umdenken die Vorstellung von Wirtschaftlichkeit etwas ändert und langfristiger gedacht wird. Das führt ja manchmal zu etwas höheren Investitionen zu Beginn. Die Einsparungen werden dann erst mit der Zeit spürbar.

"Der Konsument der Zukunft muss mitdenken"

mm.de: Ihr erklärtes Ziel ist es ja, ein Null-Energiehaus zu bauen. Wann ist es soweit?

Sauerbruch: Das kann ich im Augenblick noch nicht sagen. Wir haben in Kopenhagen gerade einen Wettbewerb für ein Null-Energie-Bürogebäude gewonnen. Da ist in Folge der Krise allerdings der Mieter abgesprungen. Wie es weitergeht ist noch offen. Aber es ist eine Frage der Zeit. Irgendwann werden wir es schaffen.

mm.de: Fordert so ein Haus von den Nutzern nicht auch eine ganze Menge Kompromissfähigkeit?

Sauerbruch: Ja, vielleicht kann man das so sagen. Es verlangt auf alle Fälle ein verändertes Verhalten. Sie müssen mitdenken wollen. Nicht nur einfach morgens ins Büro reinkommen, die Heizung einschalten und erwarten, dass alles funktioniert. Sondern eben auch etwas reflektieren: Mach ich jetzt den Sonnenschutz runter, wenn die Sonne reinscheint, lass ich das Fenster über Nacht auf, damit es abkühlt. Sie müssen etwas verstehen, wie Raumklima zustande kommt und wie man es beeinflussen kann. Und wie man auch Energie sparen kann.

mm.de: Der (Be)Wohner der Zukunft muss mitdenken?

Sauerbruch: Auf alle Fälle. Ich würde sogar sagen, der Konsument der Zukunft muss mitdenken, sich in seinem Verhalten verändern. Das ist die einfachste, wirksamste und wahrscheinlich auch die schnellste Variante, dem Klimawandel zu begegnen.

mm.de: Wie viel Perfektionismus gehört denn zum Job. Sie haben ja sogar Teile der Inneneinrichtung des Museums Brandhorst selbst mit entwickelt?

Sauerbruch: Als Architekt muss man bei 150 Prozent ansetzen, wenn man 90 Prozent erreichen will. Man muss hohe Ansprüche haben - schief läuft es von alleine. Und bei so viel Beteiligten beim Bau ist das Potential für Pannen riesig. Alles kann man nicht vermeiden. Wenn man das weiß, muss man schon ziemlich unnachgiebig und perfektionistisch sein.

"Da könnte Deutschland von lernen"

mm.de: Und zu Hause? Es soll ja Menschen geben, die wohnen jahrelang in fast leeren Wohnungen weil sie keine Kompromisse machen wollen und warten, bis sie DEN richtiges Tisch, DEN perfekten Stuhl fürs Wohnzimmer gefunden haben. Ticken Sie auch so?

Sauerbruch: Bei uns [Sauerbruch ist mit seiner Büropartnerin Louisa Hutton verheiratet] ist das noch viel schlimmer. Wir kaufen den Stuhl nicht, wir entwerfen ihn. Das dauert noch viel länger.

mm.de: In der Zwischenzeit sitzen Sie auf dem Fußboden?

Sauerbruch: Genau. Alles oder nichts.

mm.de: Und welcher Teil Ihrer Arbeit macht am meisten Spaß?

Sauerbruch: Architektur ist ein sehr haariges Geschäft und ein sehr anstrengender Beruf, weil man ständig zwischen den Stühlen sitzt. Man ist teils Künstler, teils Unternehmer, teils Berater und teils Kommunikator oder Vermittler. Man fragt sich immer wieder warum man das tut, weil es ja jetzt nicht unbedingt ein wahnsinnig gut bezahlter Job ist. Aber wenn man dann ein Gebäude entstehen sieht, das man selbst am Computer geplant hat, gibt einem das einen richtigen Kick. Das ist ein tolles Gefühl und macht dann wieder einiges gut.

mm.de: Woran mangelt es denn architektonisch gesehen in Deutschland?

Sauerbruch: Das Niveau der Architektur könnte in Deutschland höher sein. Da sind unsere kleinen Nachbarn Schweiz, Österreich, Dänemark, Holland uns einiges voraus. In diesen Ländern wird Architektur einfach mehr Bedeutung zugemessen und von daher ist auch die Qualität entsprechend höher. Da könnte Deutschland von lernen.

Wir haben in Deutschland eine Konsenskultur, wo es solides Mittelmaß gibt und wenig herausragende Leistungen - die holen wir uns dann in der Regel aus dem Ausland. Da hätte Deutschland als kultureller Standort schon noch Nachholbedarf.

mm.de: Also brauchen wir mehr Mut?

Sauerbruch: Ja. Mehr Mut und mehr Experimentierfreude. Experimente können auch in die Hose gehen. Aber ohne Experimente kein Fortschritt.

Kunst am Bau: Gebäude von Sauerbruch Hutton

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