Thom Mayne "Architektur ist konstante Infragestellung"

Thom Mayne gilt als einer der Vorreiter nachhaltigen Bauens, als Bad Boy der amerikanischen Architektur, und sorgt mit seinen Entwürfen international immer wieder für Furore. manager-magazin.de sprach mit dem Pritzker-Preisträger über bauliche Airbags, falsche Ambitionen und die Folgen der Krise.

mm.de: Herr Mayne, nachdem es in den vergangenen Jahren einen regelrechten Bauboom gegeben hat und am Golf ein Turm nach dem anderen in den Himmel geschraubt wurde, werden angesichts der Krise derzeit viele Projekte verschoben oder sogar ganz abgesagt. Wie wird die Branche das verkraften?

Mayne: Die Krise trifft alle Unternehmen - auch Architekten mit einer enormer Wucht. Es wird verdammt schwer werden. Auch bei uns sind schon einige Projekte abgesagt worden oder verzögern sich. Aber alles in allem sind wir - weil wir vor allem für institutionelle Auftraggeber arbeiten - bislang noch sehr glimpflich davon gekommen.

mm.de: Eines Ihrer Projekte, das in den vergangene Monaten für Aufsehen sorgte, ist ja der 300 Meter hohe Tour Phare, der im Pariser Stadtteil la Defense entstehen soll. Wie ist da denn der aktuelle Stand? Steht das Projekt noch?

Mayne: Bislang scheint alles zu laufen. In ein paar Monaten wissen wir mehr.

mm.de: Und architektonisch - glauben Sie, dass die Zeiten, in denen ein Höhenrekord nach dem anderen gebrochen wurde, erst einmal vorbei sind?

Mayne: Das ganze Modell hoher Gebäude ist verbraucht. Anstatt nur auf immer größere Höhen zu schielen, sollten wir uns lieber darum kümmern, angemessene Gebäude zu entwickeln, die in unsere städtischen Umgebungen passen.

mm.de: Heißt das, angesichts der Krise ist jetzt erst einmal Bescheidenheit angesagt?

Mayne: Vielleicht werden die Projekte jetzt erst einmal etwas kleiner und bescheidener - aber dafür umso innovativer. Man macht mit weniger mehr. Ich bin überzeugt, dass die Umwälzungen, die gerade stattfinden, die Architektur veranlassen werden, sich selbst und die eigene Rolle in der Gesellschaft zu überdenken. Die Krise wird vieles verändern - auch ökologische und soziale Werte. Wir müssen unsere Prioritäten anpassen.

Leider wird uns die Krise aber auch Humankapital kosten. Leute werden entlassen werden, die nie zur Architektur zurückkehren werden. Das ist Kapital, das wir nie zurückbekommen werden.

Ich bin nicht "easy listening"

mm.de: Sie gelten als Bad Boy der Architektur - zu Recht?

Mayne: Den Titel habe ich vor zwanzig Jahren bekommen - und er verlässt mich nicht. Ich bin nicht radikal. Ich bin eigentlich ein ganz verträglicher Typ - aber ich kämpfe für meine Ideen, insistiere, gebe nicht klein bei, bin nicht "easy listening".

Was mich treibt ist Innovation und die hat meist mit funktionellen Faktoren, mit Umweltbedingungen zu tun. Wir müssen Probleme lösen, uns auf die vielschichtigen sozialen, ökonomischen, Umweltveränderungen einstellen. Die machen eine Antwort nötig. In Architektur manifestiert sich, wie wir die Welt sehen.

mm.de: Halten Sie es denn für möglich, dass Ihre Antwort für manche Menschen zu extrem ausfällt. Beim Wettbewerb für den Neubau der EZB in Frankfurt wurde ihr Entwurf ja von einigen als zu radikal kritisiert.

Mayne: Frankfurt war ein besonderer Fall. Die Unterlagen legten nahe, dass ein Turm gewünscht war. Aber als wir uns die Dimensionen anschauten, wurde deutlich, dass eine Vielzahl von Gebäuden die EZB überragen würde - der Neubau also nur ein Hochhaus unter vielen sein würde. Und da wir der Ansicht waren, dass das Gebäude der Europäischen Zentralbank etwas kulturell, sozial und ökologisch bedeutsames sein sollte, haben wir eine Reihe niedrigerer Gebäude konzipiert, als Teil einer größeren Infrastruktur - mit einem sehr ambitionierten Nachhaltigkeitskonzept. Das war aber nicht radikal - eher im Gegenteil. Der Kunde wollte aber offenbar einen ganz konventionellen Turm. Keine Ahnung warum.

mm.de: Sie haben das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Sie gelten in den USA ja als einer der Vorreiter auf diesem Gebiet

Mayne: So ziemlich alles, was wir machen ist was Nachhaltigkeit angeht auf dem aktuellsten Stand der Technik. Das ist einfach eine ethische Anforderung - keine Haupteigenschaft. Autos würde man heutzutage sicher auch nicht anhand ihrer Airbags vergleichen, sondern anhand anderer Gesichtspunkte. Aber beim Thema Nachhaltigkeit scheint es öfter so, als ob man ein Auto anhand seines Airbags beschreibt. Das ist okay - aber der Airbag ist nicht alles. Ich hatte nie Interesse daran, ein "grüner" Architekt zu werden. Das ist ein Aspekt von vielen - allerdings einer der in den USA derzeit schwer "in" ist.

"Architektur beginnt mit Fragen"

mm.de: Was ist denn derzeit Ihr Lieblingsprojekt?

Mayne: Das ist wie eine Frage nach dem Lieblingskind. Sie sind alle unterschiedlich. Das prominenteste und prestigeträchtigste ist sicher der Tour Phare in Paris. Aber auch unser Campusprojekt in Shanghai, der Entwurf einer Theaterschule in L.A. und das Museum, das wir gerade in Dallas planen, sind faszinierend. Jedes Projekt ist besonders, hat neue Aspekte und fordert den Intellekt auf ganz eigene Weise heraus. Das kommt meiner Arbeitsweise sehr entgegen: Mein Gehirn will sich nicht nur auf eine Sache konzentrieren, es arbeitet eher assoziativ.

mm.de: Welcher Teil der Arbeit macht Ihnen denn am meisten Freude?

Mayne: Es macht mit Spaß mit Problemen umzugehen, für die es keine Lösung zu geben scheint. Am Anfang eines Projektes geht es nicht darum, wie etwas aussehen soll. Es geht um Lösungen oder manchmal sogar darum, wie man an eine Fragestellung herangeht. Architektur beginnt mit Fragen und ist konstante Infragestellung.

mm.de: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie denn unbedingt mal gerne entwerfen?

Mayne: Ich würde gerne mal einen Flughafen bauen. Das hat bislang noch nie geklappt. Mich faszinieren Projekte, die eine gewisse Größenordnung und städtischen Bezug haben

mm.de: Was braucht die Welt Ihrer Ansicht nach denn architektonisch?

Mayne: Eine Architektur, die fesselt und deren Erfahrung den Blick auf die Welt verändert. Die wie alle ernsthaften Kunstformen ermöglicht, die Welt anders zu verstehen als zuvor. Die nicht ausschließlich um formelle Schönheit kreist, nicht "easy listening" ist, sondern auch mal provokant und interessant sein kann, von mir aus auch schon mal seltsam oder plump. Architektur muss etwas aussagen, einen bewegen, einen mitnehmen.

Thom Mayne: Seine spektakulärsten Projekte in Bildern

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