Loft-Look Für alles offen

Verschmelzende Räume, großzügige Sitzlandschaften und Möbel, die sich bei Bedarf verändern lassen. In einem Loft leben zwar nur die wenigsten, aber Offenheit in den eigenen vier Wänden liegt schwer im Trend. Für so viel Flexibilität braucht man allerdings die passenden Möbel.

Köln - Vorne hui, von hinten aber leider nur eine Pressspanplatte oder ein schlichter Stoffbezug? Diese Zeiten sind vorbei. Sich nur von einer Schokoladenseite zeigen zu können, reicht für die neuen Möbel nicht mehr aus. Denn laut den Trendexperten verschmelzen die einzelnen Zimmer immer häufiger zu großzügigen Wohnzonen. Vor allem Sofas und Regale stehen deshalb nicht mehr unbedingt an der Wand, sondern oft frei im Raum. Aber auch für andere Möbel hat die aktuelle Entwicklung Folgen.

Aus Bad und Schlafzimmer wird ein privater Rückzugs- und Wellness-Bereich, aus Küche, Ess- und Wohnzimmer eine halb-öffentliche, kommunikative Zone: So beschreiben die Fachleute der internationalen Möbelmesse "imm cologne" in Köln den Trend. Die dazu passenden Möbel müssen vielseitig einsetzbar und nicht zweckbezogen sein. "Alle Möbel passen überall hin", formuliert es der Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef.

Ausgelöst wurde die neue Flexibilität durch den Trend zum Loft. Zwar wohnen nur wenige Menschen tatsächlich in alten Fabrik- oder Büroetagen ohne störende Zwischenwände. Doch viele Möbelhersteller inszenieren ihre Entwürfe am liebsten in einem derartigen Ambiente.

Diesem Look würde der Normalverbraucher gerne nacheifern. Doch die Realität hält dem Wunschbild nicht immer stand, denn Platz sei rar und teuer, heißt es bei der Kölnmesse. In herkömmlichen Häusern und Wohnungen müsse deshalb durch eine Umstrukturierung des Platzangebots der Eindruck der Großzügigkeit erzielt werden. Im Klartext: Tote Winkel und nur selten genutzte Bereiche sind ein Auslaufmodell.

"Wir wollen ein wirkliches Leben in allen Räumen", erklärt die Inneneinrichtungsexpertin Katharina Semling aus Oldenburg. Wenn schon kein Loft, dann sollen zumindest im Reihenhaus die Mauern zwischen Küche, Ess- und Wohnzimmer fallen, damit ein offener Wohnbereich entsteht. Entsprechend verändert sich die Einrichtung. So wird die klassische Einbauzeile beispielsweise um Kochinseln erweitert, an denen mehrere Menschen gleichzeitig in den Töpfen rühren können.

Ebenfalls im Trend seien Sitzbänke für den Küchenbereich. Die hätten aber nichts zu tun mit dem altbekannten Eckbank-Ensemble. "Das sind jetzt ganz edle Teile, zum Beispiel aus Vollholz und Leder." Ein Beispiel dafür ist die minimalistische Sitzbank "Foster 510" vom Unternehmen Walter Knoll aus Herrenberg (Baden-Württemberg), bei der feines Leder und ein filigranes Stahlgestell aufeinandertreffen. Für "Quant" von Cor aus Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) werden dagegen Hölzer wie Nussbaum, Kirsche oder Eiche mit dicken Polstern im Retro-Look kombiniert.

Die neueste Stuhlgeneration zeichnet sich durch mehr Komfort aus - schließlich wird mit den Gästen lange am Tisch gesessen, ob in der Wohnküche oder im Esszimmer. Mit Leder oder Stoff überzogen und weich gepolstert wirken viele Stühle fast schon wie Sessel - etwa die Modelle "Elsa" und "So" des französischen Herstellers Ligne Roset oder "Aston" von Arper aus Italien.

Büro zum Ausklappen

Bei den Tischen ist Funktion wichtig. Typisch sind die Entwürfe von Team 7 aus Österreich: Dunkle Hölzer, puristische Linien und große Formate. Für kleinere Räume haben so gut wie alle Hersteller mittlerweile Tische im Programm, die durch Ausklappen, -schwenken oder -ziehen ihre Maße vergrößern können. So können bei Bedarf neben Küchenarbeiten am einen Ende auch Büroarbeiten am anderen Ende erledigt werden.

Wenn Mauern im Haus fallen, heißt das zugleich: Es gibt weniger Stellplatz an der Wand. Deshalb müssen die neuen Möbel auch von hinten gut aussehen. "Stand ein Sofa bisher an der Wand, steht es heute offen und frei im Raum und ist gern zumindest teilweise drehbar und damit in jeder Raumrichtung nutzbar", heißt es beim VDM.

"Die Räume werden größer und immer unstrukturierter - man braucht deshalb Möbel, die dem Raum eine gewisse Struktur verleihen und frei stehen können", erklärt Jürgen Hopf von der Rolf-Benz-Pressestelle. Bei dem Unternehmen aus Nagold (Baden-Württemberg) nennt sich die Antwort auf die veränderten Verhältnisse "Cosmo": Das Sofasystem besteht nicht nur aus einzelnen Modulen, die immer wieder neu angeordnet werden können - auf Wunsch wird es auch mit integrierten Regalen im Rückenteil geliefert.

Die Möglichkeit zur Nischenbildung sieht auch der israelisch-französische Designer Arik Levy derzeit als eine der großen Herausforderungen im Möbelbereich. "Durch die neue, offene Architektur ist die Notwendigkeit da, neue Typen des Raumteilers zu entwerfen", sagt er.

"SH05 Arie" lautet der Name seines Lösungsvorschlags, den er für e15 aus Oberursel entworfen hat. Hinter der nüchternen Ziffern- und Buchstaben-Kombination verbirgt sich ein Regal, das ohne Rück- und Seitenwände auskommt und so von allen Seiten benutzt werden kann. Außerdem ist es im Prinzip unendlich erweiterbar - werden viele Elemente aneinandergefügt, gliedert das Regal fast wie eine Wand den Raum. Und das sei gerade in Zeiten der loftartigen Architektur wichtig, sagt Levy. Denn die Räume hätten sich zwar verändert - die Menschen mit ihrem Bedürfnis für Rückzugsecken jedoch nicht.

Während Koch-, Ess- und Wohnbereich zu einer öffentlichen Zone für Bewohner und Gäste werden, sind Bad und Schlafzimmer künftig stärker abgeschirmt. Trendexperten sagen auch dem Nass- und dem Schlafbereich ein Verschmelzen zur privaten Spa-Oase voraus. Tatsächlich bieten Firmen wie etwa Ruhe & Raum aus Münster mittlerweile Schlafzimmer mit integrierter Luxus-Badewanne an.

Doch Einrichtungspraktiker wie die Wohnberaterin Katharina Semling aus Oldenburg sehen das noch als absolute Zukunftsmusik: "Das Bad und Schlafzimmer zusammengelegt sind, sehe ich sehr selten."

Sandra Cantzler, dpa

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.