Interview Fünf Minuten Lagerfeld

Designer Karl Lagerfeld versucht sich einmal mehr als Inneneinrichter - diesmal in einem neuen, 340 Millionen Euro schweren Luxuswohnviertel an der Hamburger Alster. Ein sehr kurzes Gespräch über Krise, Küchennutzung und Kreativität.

Hamburg - Warten auf Karl den Großen. Pressetermin im Hamburger Nobelstadtteil Harvestehude: Der Bauträger des neuen Edelquartiers Sophienterrassen will das Projekt vorstellen. Damit auch alle kommen, hat die Frankonia Eurobau AG ein publicityträchtiges Zugpferd angeheuert - Designer Karl Lagerfeld soll zwei Villen, ein Restaurant sowie Rezeption und Lounge gestalten.

Vor dem Eingang der Villa lungert eine Horde Fotografen und lichtet vorsichtshalber schon mal jeden ab, der den roten Teppich betritt. Im goldornamentierten Festzelt werden Getränke serviert. Alles ist in Weiß gehalten - von den iPod-weißen Stühlen über die Callas bis zum weißen Bechstein-Flügel auf der Bühne. Der Tross begibt sich in Stellung: Elf Kameraleute samt Tonmännern mit Puschelmikrofonen lauern auf die Ankunft des Modezaren.

Vergebens. "Ein kleiner Hinweis: Wir dürfen uns alle noch ein wenig gedulden - also, wir haben genügend Zeit, noch ein wenig miteinander zu plaudern", kündigt ein Vertreter des Bauträgers munter an. Die Kellner vertreiben sich die Wartezeit bis zur Ankunft des Meisters mit einem lustigen Spiel: Ein Team verteilt Gläser mit Wasser und Säften. Die Gäste trinken die Getränke, und das Team muss versuchen, die leeren Gläser wieder zurück auf die Tabletts zu bekommen, bevor das gegnerische Kellnerteam, das mit Flaschen ausgerüstet ist, nachschenken kann.

"Kein sozialer Wohnungsbau"

Eine halbe Stunde später immer noch kein Lagerfeld. Die Organisatoren fangen einfach mal an. Ein PR-Film - eine Mischung aus "Titanic" und "Werther's Echte"-Werbung - schwadroniert über die gepflegte Urbanität der neuen Gated Community an der Hamburger Außenalster. "Hier fragt man nicht nach Sekunden, zählt nicht Minuten oder Stunden. Hier nimmt man sie sich so, wie man einen Apfel vom Baum pflückt." Das tun auch die Vertreter von Bauträger und Stadt, die sich nun als Lückenfüller versuchen.

Nach weitschweifigen Ausführungen über das außergewöhnliche Interesse am Markt und sanften Appellen für eine "angemessene Berichterstattung" macht ein Mann vom Finanzdienstleister Versam noch einmal klar, welche Kundschaft bedient werden soll: "Hier geht es nicht um sozialen Wohnungsbau".

Der Mann von der beteiligten Privatbank M. M. Warburg soll noch erläutern, wie man als Wohlhabender heute standesgemäß residiert: "Man möchte nicht mehr in der Peripherie wohnen, wo man in den 70er Jahren …" - dieser Satz wird nie vollendet werden, denn nun stürmt eine Horde Fotografen das Pressezelt. In der Mitte des Clusters Karl Lagerfeld: In schwarzer Kluft mit überdimensioniertem Hemdkragen, schwarzer Sonnenbrille, weiß gepudertem Pferdeschwanz, schwarzen Nietenhandschuhe - und einer gigantischen Schlüsselkette um den Hals.

"Ich lächle nie"

König Karl nimmt im Blitzlichtgewitter auf dem Podium Platz - und hält Audienz. "Ich lächle nie", kommentiert er die Bitte eines Journalisten nach einem Lächeln und berichtet, wie sehr er es liebe, "Häuser zu machen" - allerdings habe er wegen der Probleme mit dem Personal seine eigenen Landhäuser mittlerweile verkauft.

Der Tross bewegt sich aus dem weißen Zelt in den Showroom nebenan. Lagerfeld posiert in einem als Wohnzimmer ausstaffierten Raum, die Fotografen und Kameraleute drängeln. Die wilde Meute hat im benachbarten Pseudo-Esszimmer schon einen der Tischläufer von der hochglanzpolierten Holzplatte gerissen, im Hinausgehen schubst einer eine dekorative Silberdose von der Fensterbank.

Der Ton der PR-Betreuerinnen wird einen Tick schärfer: "Vorsicht doch, bitte." Hier drängeln sich jetzt wahrscheinlich genau die Leute, die später vom Doorman draußen gehalten werden sollen.

Der Tross zieht nach oben. Wer eines Einzelinterviews mit Karl dem Großen für würdig erachtet wurde, muss auf dem Flur warten. Lagerfeld empfängt in der Küche. Im Fünf-Minuten-Takt werden die Medien durchgeschleust. Die erste Fernsehjournalistin kommt zurück. "Und? Wie isser so?" Die Kollegin lässt sich nicht in die Karten blicken: "Puschelig", entgegnet sie. Und wie viele Fragen bekommt man in fünf Minuten unter? "Der redet so viel, man muss gar nichts fragen." Aha.

Zack, rein, Zack, erste Frage

Jetzt passiert etwas, womit niemand gerechnet hätte, der weiß, wie eng ein Designeranzug von Hedi Slimane sitzt: Karl Lagerfeld hat Hunger. Angeblich. Das erfährt man von einem Mann, der als gut informiert gilt, weil über seinem rechten Ohr ein durchsichtiges Spiralkabel hängt. Deshalb muss es jetzt noch schneller gehen.

Eine junge Kollegin von der Klatschpresse schaut noch einmal nervös auf ihren Block: Da steht in schönster Mädchenhandschrift: "Gucken Sie GNTM?" Das soll wahrscheinlich Germany' s Next Topmodel heißen. Kuriose Vorstellung, wie Karl Lagerfeld zu Hause vorm Fernseher hockt und sich durch seine getönten Gläser Heidi Klums Mädchentruppe anschaut. Aber zum Nachdenken bleibt wenig Zeit. Zack, rein, zack, die erste Frage, jeder hat schließlich nur fünf Minuten.

mm.de: Sie haben gesagt, die Ära des Bling sei vorbei - was kommt denn jetzt als Nächstes?

Lagerfeld: Eine etwas reserviertere Elégance (Lagerfeld spricht das wirklich französisch aus und hebt dazu die rechte Augenbraue um etwa vier Nanometer) - man kann das auch die neue Bescheidenheit nennen.

"Weniger Bling-Bling"

mm.de: Wie sieht die aus? Was sind die Farben der Rezession?

Lagerfeld: Das sind wahrscheinlich weniger Gold, weniger Bling-Bling, weniger Feuerrot … ja.

(Von diesem Konzept dürften die neuen Sophienterrassen sich abheben; das Logo der Luxusdomizile ist ein verschlungenes Goldgebilde aus barocken Schnörkeln - und in der Eingangshalle zum Showroom hängt eine riesige Lampe, eine umgekehrte Etagére aus mehreren blattgoldbeschichteten Riesentellern. Mehr Gold geht nicht - und die Veranstalter greifen das Motiv mit großen Schalen voller golden schimmernder Ferrero Rochers auf.)

mm.de: Korrelieren in Ihren Augen Schönheit und Reichtum?

Lagerfeld: Ja. Ja. (denkt kurz nach) Ja.

mm.de: Was bereitet Ihrem ästhetischen Sinn Schmerzen? Sie haben bei einem Fotoshooting auf der Berlinale Til Schweiger als Erstes darauf hingewiesen, dass sein Anzug die falsche Größe hat …

Lagerfeld: Nein - er hatte einen Anzug an, der zu groß für ihn war. Man hatte das Gefühl, er hatte Vaters oder Großvaters Anzug an. Ich weiß nicht, wer ihm den gegeben hat. Til Schweiger ist ein wirklich hübscher Mann. Der sollte keinen Anzug tragen, der zwei Nummern zu groß ist. Das war eher ein Kompliment als etwas anderes.

mm.de: Sie haben vor einigen Monaten gesagt, angesichts der Finanzkrise würden Europa und Amerika nicht mehr die große Rolle spielen - Indien, China und andere Märkte würden wichtiger …

Lagerfeld: Darum mache ich auch die Sache in Dubai. (Lagerfeld stattet im Emirat einige Villen aus.)

mm.de: Aber gerade Dubai keucht ja auch unter der Finanzkrise.

Lagerfeld: Ja. Aber nicht das Projekt, an dem ich arbeite, weil das dem Emir gehört.

mm.de: Aber wo zieht der Weltgeist hin? Trotzdem in die Neue Welt?

Lagerfeld: Diese Krise wird ja nicht ewig dauern. Die Welt wird ja nicht davon untergehen.

mm.de: Gibt es mal einen Tag, an dem Sie den ganzen Tag zu Hause sind? Sitzen Sie auf dem Sofa?

Lagerfeld: Wenn Sie mein Sofa sehen, dann werden Sie sehen, dass man darauf nicht so gut sitzen kann, da liegt man besser drauf. Aber ich muss ja auch mal in Ruhe zeichnen. Das kann man schon besser an einem Tag machen, an dem man nicht aus dem Haus geht.

mm.de: Sie sind Modedesigner, Innenarchitekt, Fotograf, Sie machen alles Mögliche.

Lagerfeld: Alles Unmögliche auch.

mm.de: Sie sind ein Mensch und eine Marke. Was erfüllt Sie wirklich mit Leidenschaft? Was weckt Ihr brennendes Interesse?

Lagerfeld: Wenn ich mich für all das brennend interessiere, was ich schon mache, dann bleibt da kaum noch Feuer über, das noch für viele andere Sachen brennen könnte.

mm.de: Ich hätte Sie für einen rastlosen Geist gehalten, der sich immer neue Felder sucht.

Lagerfeld: Da sind nicht so viele in meiner Direktion. Filme vielleicht. Ich habe kürzlich einen gemacht, was ich ja früher nicht wollte, und fand das auch sehr interessant. Aber ich habe nicht soviel Zeit. Ich mache ja allein für Chanel schon acht Kollektionen im Jahr. Ich mache ja alles selber, ich habe keine Assistenten, die das für mich machen. Ich bin ja Heimarbeiter.

mm.de: Haben Sie bei sich zu Hause eine Küche, die Sie benutzen?

Lagerfeld: Ich weiß kaum, wie man eine Eisschranktür öffnet.

mm.de: Gehen Sie denn schon mal in Ihre Küche? Öffnen Sie den Kühlschrank, und holen Sie sich da etwas heraus?

Lagerfeld: Zur Not eine Diet Coke. Aber damit hört es auch schon auf.

Hamburger Luxusvillen: Karl Lagerfelds neues Designprojekt

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