Wandgestaltung Knallfarbig und kreischbunt

Die vornehme Zurückhaltung mit gedeckten Beigetönen und allenfalls sanftem mediterranen Gelb und Terracotta ist vorbei. Endlich kommt Farbe an die Wand - und das nicht zu knapp. Knallige Kombinationen mit satten Kontrasten liegen im Trend.

Berlin - Ein tiefblaues Sofa vor einer violetten Wand, dazu ein Teppich in Rosa - solche Farbkombinationen sind nicht gerade typisch für hiesige Wohnzimmer. Helle Wände und Möbel in dezenten Tönen sind noch immer das Maß der Dinge. Und doch sind außergewöhnliche Farben im Kommen. Was oft mit einzelnen Möbelstücken oder Accessoires beginnt, wird schließlich mit einer bunten Wand gekrönt.

Bislang warfen Experten den Deutschen immer Angst vor Farbe vor. Das habe sich aber geändert, beobachtet der Farbexperte Axel Venn, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim: "Der Mut hat sogar ziemlich stark zugenommen." An erster Stelle stehe derzeit Rot, an zweiter Grün. "Die gelbe Herrlichkeit, das mediterrane Flair - das ist langsam vorbei."

Statt pastelliger Wisch- und Schwammtechniken sei jetzt eine "kreischende Farbigkeit" angesagt. Der Mittelmeerraum wird farblich von exotischeren Inspirationsquellen wie Indien, Indonesien, Mexiko und China abgelöst. "Flamingo-Rot, Königsblau, Purpur, Violett und Rosa-Reste von vor zwei Jahren", zählt Venn, der ein Designbüro in Berlin hat, die typischen Töne auf. Außerdem gebe es noch eine neue Liebe zur "infantilen Farbigkeit". Dabei werden Anleihen bei knallbunten Kinderzimmern genommen: Kräftiges Orange trifft zum Beispiel auf Purpur, dazu kommen Gelbgrün und Rosa-Nuancen.

Highlights in leuchtendem Pink

Ob man sich inmitten einer derartig schrillen Mixtur wohlfühlt, muss jeder für sich entscheiden, sagt Hildegard Kalthegener von der Natural-Color-System-Farbschule in Berlin. Einen ganzen Raum oder sogar eine ganze Wohnung in diversen Knallfarben zu gestalten, kann sich die Designerin aber nicht als Massenphänomen vorstellen: "Die Leute streichen damit vielleicht eine Wand - zum Beispiel hinter dem Bett oder einem großen Sofa - da kann man nicht viel verkehrt machen."

"Knallige Töne eignen sich besonders gut, um Highlights zu setzen", sagt Ludger Küper, Direktor des Paint Quality Institute in Frankfurt am Main. Dabei wird zum Beispiel nur eine Wand in leuchtendem Pink gestrichen. "Das reicht für den Effekt völlig aus." Accessoires wie Kissen, Decken, Teppiche oder Vorhänge, in denen sich die Farbe wiederfindet, unterstrichen den neuen Look. Eine andere Möglichkeit sei, ein Möbelstück knallbunt als Hingucker zu lackieren.

Eine heikle Angelegenheit ist die Kombination mehrerer Knallfarben. "Man kann es machen, muss die Farben dann aber sehr gut durchdacht und sehr gezielt einsetzen", rät Küper. Ein harmonisches Paar seien zum Beispiel leuchtendes Grün und ein kräftiges Wasserblau. "Das funktioniert, weil das Blau zwar sehr stark ist, aber trotzdem eine kühle Wirkung hat."

Schwarz ohne Schockwirkung

Wie bei fast allem im Leben gilt auch bei Knallfarben: Die richtige Dosis macht's. "Vier rote Wände gehen nicht, da wird man verrückt", warnt Axel Venn. Eine bunte Wand brauche immer einen Ausgleich. Bei Rot könne zum Beispiel Beige oder ein sanftes Grün das Gegenstück bilden und die Wirkung der intensiven Farbe dämpfen.

Möbel sind ebenfalls eine Möglichkeit, um Gegenpole zu bilden. Die kühle Wirkung einer in Blau gestrichenen Wand lässt sich zum Beispiel durch Möbel in warmen Holztönen auffangen, rät Hildegard Kalthegener. Selbst einer schwarzen Wand werde mit dem entsprechenden Mobiliar die Schockwirkung genommen. "Das kann dann durchaus elegant wirken."

Bevor es ans Streichen geht, sollte man sich überlegen, welche Stimmung er überhaupt erreichen möchte. Axel Venn empfiehlt, erst einmal eine Ton-in-Ton-Farbigkeit zu schaffen: "Am besten beginnt man mit einer großen Fläche wie der Wand." Kontraste kämen immer erst zum Schluss ins Spiel - etwa mit Kissen, Vasen, Decken und Überwürfen.

Letztlich muss jeder für sich entscheiden, wie viel Buntes er ertragen kann. Selbst Alleinlebende müssen beachten, dass starke Farben oft auch eine starke Wirkung haben. Gefallen sollten die Knalltöne laut Venn aber nicht nur einem selbst, auch der Partner und die Freunde müssen sich wohlfühlen. "Die laufen einem ja sonst weg." Grundsätzlich sollte sich aber jeder einfach einmal an knallige Farben heranwagen: "Das macht das Leben lustig."

Wie bestimmte Farben an der Wand wirken, lässt sich gut mit bunten Bettlaken austesten. "Bestimmt gibt es auch Geschenkpapier in einem ähnlichen Farbton - davon kann man ein, zwei Bahnen an der Wand fixieren", rät Ludger Küper vom Paint Quality Institute in Frankfurt am Main. Wichtig sei dabei, auf die Lichtverhältnisse zu achten und die Wirkung zu mehreren Tageszeiten auszuprobieren.

Sandra Cantzler, dpa

Fotostrecke: Knallfarben erobern die Wohnung

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