Tel Aviv Bauhaus satt

Freunde schnörkelloser Bauten kommen in Tel Aviv auf ihre Kosten: Mehr als 3500 Gebäude im Stil von Bauhaus, International Style und Neuer Sachlichkeit sind hier zu finden. Allerdings sind die meisten in schlechtem Zustand. Das will die Verwaltung jetzt ändern - und setzt auf Architektur-Tourismus.

Tel Aviv - Schon mal im Kino übernachtet? In Israels quirliger Metropole Tel Aviv ist das problemlos möglich. Das an der Zamenhoffstraße gelegene "Cinema" wurde zum Hotel umfunktioniert. Ein Projektor im Foyer und Poster entlang der Treppe erinnern an selige Film-Zeiten. Architektonisch bekennt sich der 1939 errichtete Komplex vom Türknauf bis zur schneeweißen Fassade zum Bauhausstil.

Nichts Besonderes in Tel Aviv. Denn die zweitgrößte Stadt im Land verfügt über rund 3500 Gebäude, die zwischen 1928 und 1945 errichtet wurden und schnörkellos den Ideen des deutschen Bauhauses und dessen Stil-Verwandten, International Style und Neue Sachlichkeit, frönen. In ganzen Straßen folgt die Form der Funktion, Fenster verschmelzen bündig mit der Fassade, luftige Treppenaufgänge künden vom "demokratischen Wohnen". Fans kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seit fünf Jahren darf Tel Aviv sich Unesco-Weltkulturerbe nennen.

In der sogenannten vorstaatlichen Zeit vor 1948 wuchs das erst 1909 gegründete Tel Aviv als eine auf dem Reißbrett entworfene Metropole am Mittelmeer. Architekten aus aller Herren Länder machten es sich planmäßig zur Aufgabe, Flachdachhäuser in vielen Varianten neu zu definieren oder dem warmen Klima anzupassen.

Vermauerte Fensterhöhlen

Letzteres stellt heute ein ästhetisches Problem dar. Klimaanlagen und vermauerte Fensterhöhlen zerstören so manche Ansicht, Etagenaufbauten oder Kunststoffjalousien wirken der einst perfekten Symmetrie entgegen. Zusätzlich macht die salzige Seeluft den Fassaden zu schaffen. Doch vielen Hausbesitzern fehlt das Geld zu denkmalgerechter Sanierung.

Außerdem wollen viele der Eigentümer einfach zusätzliche Wohnräume, und vielen ist die Tradition auch schlicht egal. So kommt es, dass beispielsweise das Haus des Jiddischen Theaters in der Bialikstraße baupolizeilich gesperrt wurde. Nur in ein paar Erdgeschossräumen agiert das Theaterbüro noch.

Doch inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. So hat die Stadtverwaltung Sonderprogramme für Geschossrückbauten und Sanierungen zur Verfügung gestellt. In leer stehende Bau-Juwelen zogen Galerien.

Der Traum von der weißen Stadt am Meer

Der Traum von der weißen Stadt am Meer

Nicht nur an den Boulevards Dizengoff und Rothschild, sondern in manch verträumten Seitenstraßen beleben Espressobars und Cafés die Erdgeschosse. Sie werden von jungen Israelis betrieben, die - gut gebildet und in der Welt herumgekommen - um die Wirkung guten Designs. In der Bialikstraße 21, die von Milliardär Ron Lauder renoviert wurde, agiert seit Jahresbeginn mit städtischer Förderung das Bauhaus-Museum.

Nun hat die Reisebranche das Thema als Lockmittel entdeckt. Gezielt werben Kataloge mit "Bauhaus satt" für die Stadt, deren Name Frühlingshügel bedeutet. Im Tel Aviver Bauhaus-Shop finden sich nicht nur die üblichen Devotionalien wie bedruckte Tassen, Shirts und Schlüsselanhänger.

Die zweistöckige Galerie bietet auch Führungen und Spezialkarten an. Darauf sind alle sehenswerten Quartiere farblich nach Stilrichtung, Architekten und Entstehungszeit geordnet. Klapppläne geben über frühere und heutige Nutzung Auskunft.

Der Laden grenzt ans Tel Aviver Stil-Highlight: den Dizengoff-Platz. Das Ende der dreißiger Jahre entstandene riesige Rondell wird von schier endlosen Balkonbändern in Weiß flankiert. Einige der geschwungenen Bauten stehen leer, da und dort verfallen Etagen. Einige wurden jedoch bereits zu neuem Leben erweckt, wie das vom Ehepaar Nathaniel errichtete "Cinema". Die Pariser Juden waren 1926 ausgewandert, um mit an einem Traum zu bauen: der weißen Stadt am Meer.

Von Torsten Hilscher, ddp

Tel Aviv: Die weiße Stadt am Meer

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