Sebastian Conran Die Bauhaus-DNA

Für immer mehr Designer zählt Exklusivität weniger als größtmögliche Breitenwirkung. Sebastian Conran, Sohn des Habitat-Gründers Terence Conran und Kreativdirektor der Conran-Group, arbeitet für den Kaffeeröster Tchibo. Ein Gespräch über die Verwandtschaft von Duschköpfen und iPods, über Bauhaus-DNA und Markenbewusstsein.

mm.de: Sie plädieren für demokratisches Design. Kann erstklassiges und damit teures Design wirklich demokratisch sein? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Conran: Oh, ganz und gar nicht. Es gibt viele Beispiele für demokratisches Design. Was ein Produkt demokratisch macht, ist doch folgende Überlegung: Wenn man etwas gut gestalten möchte, muss man sehr viel Mühe in die einzelnen Entwicklungsschritte stecken und viel Zeit auf die Vorbereitung der Produktion verwenden.

Sagen wir beispielsweise, es kostet 5000 Euro, ein Produkt zu gestalten und einen Prototypen herzustellen. Dann vielleicht noch einmal 25.000 Euro, die Formen für die Maschinen zu produzieren. Und dann hat man schon mal eine Rechnung über 30.000 Euro, bevor man irgendetwas hergestellt hat. Wenn man jetzt nur 10.000 Teile herstellt, sind bei jedem dieser Teile schon mal 3 Euro von diesen Kosten enthalten.

Aber wenn ich 100.000 Teile herstelle, liegen die Entwicklungskosten anteilig nur mehr bei 30 Cent. Für mich ist es wunderbar, Dinge in großer Auflage produzieren zu können. Das bedeutet doch, dass wir viel mehr Aufwand in das Design stecken können.

mm.de: Wenn Sie das konsequent zu Ende denken, dürften Sie aber nicht für Tchibo arbeiten, sondern müssten Verträge mit Aldi oder Lidl machen...

Conran: Man kann ja nur für einen Auftraggeber arbeiten, und Tchibo ist für uns der richtige Partner. Die Hingabe an die Qualität, der Aufwand, der für Werbung und Verpackung betrieben wird - das stimmt für uns alles, und die Kommunikation klappt auch gut. Wir haben die Produktionsstätten besichtigt und sind auch damit sehr zufrieden. Wir wollen keinen One-Night-Stand. Wir wollen eine langfristige Beziehung, deshalb haben wir uns auch für mehrere Jahre gebunden. Außerdem bin ich schon früher immer mit meiner deutschen Frau in die Tchibo-Läden gegangen, weil ich das Konzept interessant fand. Als sich die Gelegenheit zur Zusammenarbeit bot, habe ich gedacht: Das hört sich nach Spaß an. Und es spricht meinen Intellekt an.

mm.de: Inwiefern?

Conran: Die Leute kommen hier rein, und wenn sie keinen Anreiz haben, die Produkte zu kaufen, dann hilft auch ein günstiger Preis nichts. Wir müssen Sehnsüchte wecken. Als Jugendlicher habe ich in den Schulferien in den damaligen Habitat-Läden meines Vaters gearbeitet. Der hat mir immer aufgetragen, ich solle die Kunden beobachten. Das habe ich gemacht und festgestellt: Sie greifen immer wieder zu bestimmten Dingen, andere lassen sie liegen. Beim Ausverkauf am Ende einer Saison lagen immer Dinge da, die entweder zu avantgardistisch oder schon wieder out waren. Etwas sehr Modisches ist auch sehr schnell wieder out.

"Sonne, Sonne, Sonne"

mm.de: Was zeichnet denn Ihr Design aus? Was ist Conran an einem Conran-Entwurf?

Conran: Wir versuchen, Dinge mit Persönlichkeit zu gestalten, aber nicht overdesignt. Wir glauben, dass Eleganz in der Einfachheit liegt. Wir mögen keine technischen Spielereien. Wir mögen Nützlichkeit, die sich mit Charme verbindet.

mm.de: Nun ja. In Ihrer neuen Badlinie finden sich Sticker für die Badezimmertür mit Wettersymbolen, die die eigene Stimmung anzeigen. Und die Badezimmerwaage kann man als Uhr an die Wand hängen. Wenn das nicht verspielt ist…

Conran: Was die Waage als Uhr angeht: Nein. Das ist doch eine logische Verknüpfung und sehr rationell. Die Wolken und Sonnen, das ist verspielt, ja. Die habe ich gestaltet, weil ich etwas machen wollte, das eine echte Breitenwirkung hat. Ich mochte die Wettersymbole immer, die sich morgens auf meinem Computer zeigen. Wie wird die Woche sein? Wenn Sie auf die Wettervorhersage schauen und Sonne, Sonne, Sonne sehen, wissen Sie: Die Woche wird gut. Das sind Symbole, die uns mit der Natur in Kontakt bringen. Fundstücke.

mm.de: Was ist der Unterschied zwischen einem Designprodukt und einem No-name-Artikel?

Conran: Alle Produkte sind designt. Es gibt nur schlecht gestaltete und welche, über die nicht gut nachgedacht wurde oder die sogar zynisch gestaltet sind. Ich möchte, dass meine Produkte das Leben der Leute verbessern, die sie benutzen. Sie sollen diese Produkte genießen. Dabei geht es weniger um den einen großen Entwurf als um Kleinigkeiten. Ich möchte jedes Mal, wenn ich etwas benutze, denken: Das ist nett. Jemand hat darüber nachgedacht. Man muss den Leuten doch einen Grund geben, warum sie diese Sachen kaufen wollen.

mm.de: Wer waren Ihre Vorbilder?

Conran: Dieter Rams natürlich. Jonathan Ive von Apple - der ist ein Held für mich. Nicht nur, weil er ein guter Designer ist, sondern weil er so viel getan hat für unseren Beruf, weil er den Menschen gezeigt hat, welchen Unterschied gute Gestaltung für ihr Leben macht. Mein Duschkopf aus der aktuellen Badkollektion ist übrigens eine Hommage an den iPod.

Ich liebe auch den italienischen Industriedesigner Achille Castiglioni. Philippe Starck ist auch großartig. Seine Entwürfe sind ganz anders als meine, aber sie bringen Freude, sie sind intelligent und humorvoll. Charles Eames natürlich. George Nelson ist phantastisch. Zaha Hadid, die Architektin… es gibt so viele gute Designer.

mm.de: Und wie sehen Sie Ihre Rolle als Designer?

Conran: Angenommen, ich lege zwei Bücher vor Sie hin, und eines ist ein Bestseller, das andere nicht. Sie kosten aber das Gleiche. Was unterscheidet die Bücher? Die intellektuelle Qualität des Bestsellers ist besser. Und die intellektuelle Qualität von gutem Design ist eben auch besser. Außerdem sucht ein Bestsellerautor die Öffentlichkeit. Er geht raus und bewirbt sein Produkt.

Als Designer bin ich gewissermaßen Herausgeber eines Produkts. Es ist doch so: Wenn Ihnen ein Buch gefallen hat, kaufen Sie mehr vom gleichen Autor. Wenn Sie Ihren Mercedes-Benz mögen, bleiben Sie der Marke treu. Wenn Sie Ihre Philippe-Starck-Zahnbürste mögen, kaufen Sie sich wieder eine. Ein Designer kann genauso eine Marke sein wie ein Hersteller. Ich denke, die Zukunft liegt genau in dem, was ich hier mache: Ich positioniere mich als Marke.

"Bauhaus-DNA"

mm.de: Was ist der Unterschied zwischen dem britischen und dem deutschen Verbraucher?

Conran: Die Deutschen denken viel mehr über die Produkte nach, die sie kaufen. Ihre Qualitätsansprüche sind deutlich höher. Auch der Respekt, den sie gutem Design zollen, ist größer. Es gibt eine Nachfrage nach gutem Design mit Bauhaus-DNA. Diesen Einfluss können Sie auch in unseren Produkten sehen. Die Kultur schreitet fort, und man kann nicht das wiederholen, was vor einem Jahrhundert da war. Aber man kann davon lernen und die Fackel guten Designs weiter leuchten lassen. Es ist im Grunde ganz einfach: Wir wollen dazu beitragen, die Erde zu einem besseren Platz machen.

mm.de: Sie treten mit Ihrem Vater Terence als Designer-Duo auf. Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit beschreiben?

Conran: Ich war mal Chefdesigner bei Mothercare, einer Firma, die Produkte für Kinder herstellt. 99 Prozent der Kunden dort waren Frauen. Ich habe dort fünf Jahre lang gearbeitet, und das hat einen spürbaren Einfluss auf meine Gestaltung gehabt. Aber ich hatte mal ein Interview zusammen mit meinem Vater, und der sah das anders. Die Journalistin fragte nach unseren Unterschieden als Designer. Und Terence sagte: Oh, ich denke, meine feminine Seite ist stärker entwickelt. Sebastian ist maskuliner.

Mein Vater sieht mich als jemanden, der sehr gut in technischen Dingen ist. Ich könnte Ihr Aufnahmegerät da auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, und im frühen Alter habe ich auch nahezu alles auseinandergebaut. Ich war sehr neugierig. Ich weiß gerne, wie alles funktioniert. Aber ich habe jetzt den Punkt hinter mir gelassen, an dem ich mein Motorrad auseinander nehmen und wieder zusammensetzen muss, bevor ich mich draufsetze.

Wenn man ein Produkt gestaltet, ist es hilfreich, zu verstehen, wie es hergestellt wird. Dann sind Qualität, Verlässlichkeit und Wert schon in der Gestaltung mit eingeschlossen. Jeder Idiot kann Dinge gestalten, die schwierig herzustellen sind. Aber man braucht wirklich Geschick, um Dinge zu gestalten, die einfach zu fertigen sind.

mm.de: Und wie arbeiten Sie konkret zusammen? Sie und Ihr Vater?

Conran: Ich nehme jede Zeichnung unter die Lupe. Ich bin für alles von der Rohzeichnung bis zum fertigen Entwurf zuständig und achte auf jedes Detail. Mein Vater ist vor allem in den sehr frühen Stadien beteiligt. Ich gehe zum Briefing, und dann reden wir darüber, ich frage ihn nach seiner Meinung und teile ihm meine mit. Wir zeichnen zusammen. Manchmal schickt er mir auch eine Zeichnung, oder er kommt runter und sagt: "Ich habe eine Idee". Er ist an den Konzepten beteiligt, und dann diskutieren wir die ersten Entwürfe mit ihm. Er sagt dann: "Hm, es könnte besser sein, es so zu machen" oder "Warum macht ihr es nicht so?". Und er hat ausnahmslos recht.

Fotostrecke: Designerware vom Kaffeeröster

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