Architektur Der Weiterdenker

Es sind nicht nur die markanten Formen seiner Bauten, mit denen sich Architekt Stefan Behnisch und sein Büro einen Namen gemacht haben. Es geht ihm nicht nur um die Form, sondern um neue Qualitäten, um eine Veränderung der Architektur. Mit diesen Ideen feiert er auch in Amerika Erfolge.
Von Dirk Meyhöfer und Robert Fischer

Hamburg - Ein respektloses "Klettergerüst" hat sich in der ehrwürdigen Hamburger Handelskammer breitgemacht, die im Stil der italienischen Renaissance erbaut ist. Hereingestellt hat es Stefan Behnisch. Und es wurde sein Meisterwerk. Als er den Auftrag bekam, eine Erweiterung nach innen in die hohe Westhalle zu setzen, bot sich ihm die Chance, ein "Haus im Haus" zu bauen – ohne Rücksicht auf lästige Bauvorschriften, Wärmedämmung, Wind und Wetter.

Auf fünf Ebenen bietet es nun 1000 Quadratmeter Nutzfläche für ein Gründerzentrum, Ausstellungen, Bibliothek und Börsenclub. Eine "begehbare Skulptur", ganz wörtlich genommen:

Auf einer eleganten, einläufigen Treppe müssen Besucher und Angestellte sich die Büros ersteigen. Die Etagen scheinen zu schweben. Denn, genialer Einfall, die Decken bestehen aus einem innovativen LED-Lichtsystem, und die Wände werden optisch durch transluzide Lamellen abgeschirmt.

Stefan Behnisch (geboren 1957) ist der Sohn von Günter Behnisch (geboren 1922). Der hatte zusammen mit Frei Otto 1972 die Stadiendächer von München entworfen und damit das Miesepeterimage Deutschlands aus den 60-er Jahren international aufpoliert.

Zwischen 1989 und 2005 führten Vater und Sohn eigene Büros, arbeiteten aber eng zusammen. Dann machte Stefan Behnisch in einer unscheinbaren Fabrik aus den 50er-Jahren an der Stuttgarter Rotebühlstraße eine neue Architekturwerkstatt auf – mit bald 100 Mitarbeitern.

Kein schwarzer Dresscode verrät den Architektenchef. Ein Primus inter Pares, der aber innerhalb von Sekunden Disziplin durch ein Zischen erzeugt: "Nun seid’s einmal ruhig!" Er ist ein Team-Architekt, führt zusammen mit seinen Partnern David Cook und Martin Haas das Büro.

Die Stimmung ist schwäbisch gelassen, nicht so angestrengt wie in anderen Architekturschmieden der Welt. Stefan Behnisch besuchte eine Waldorfschule, in die auch seine Kinder gehen. Er baut, sagt er, dennoch nicht anthroposophisch, sondern so, "wie die Steiner-Schützlinge heute bauen sollten. Weil die Anthroposophie sich in der Architektur einer notwendigen Entwicklung verweigert hat".

Kuben aus Glas und Stahl

Kuben aus Glas und Stahl

Stefan Behnisch verweigert sich nicht. Wie der eigenwillig verschachtelte Turm für die Norddeutsche Landesbank in Hannover (2002) beweist, dessen Kontur an aufgezogene Schubladen erinnert. Ein verdrehter Stapel von Kuben aus Glas und Stahl.

Rund um das Hochhaus liegt ein gläserner Gürtel mit Restaurants, Läden, Büros und einem öffentlichen Innenhof. Was so futuristisch wirkt und deswegen schon mal als TV-Büro der "Tatort"- Kommissarin Maria Furtwängler dient, ist eine vorbildlich komponierte Bürolandschaft mit Ausblicken in das Gartenatrium oder über die City.

In Bad Aibling grüßen seit September 2007 neckische weiße Rundlinge, die von einem Glaskörper durchstoßen werden: das neue Thermalbad. Unter den kleinen Kuppeln, die innen wie die Gewölbe einer Sternwarte bemustert sind, wartet eine Wasserlandschaft der neuen Generation: weniger Sportbad, dafür Wellness im Iglu.

Um Wasser geht es auch beim Ozeaneum in Stralsund, das im Sommer eröffnet wird. Die Erweiterung des Deutschen Meeresmuseums auf der nördlichen Hafeninsel bekommt, über einem verbindenden Sockelgeschoss, vier unterschiedlich geneigte Rotunden für Ausstellung, das Ostsee- und Nordsee-Aquarium sowie die "Riesen der Meere".

Behnisch Architekten holen das Unesco-geschützte Backsteinensemble der alten Hansestadt auf provokante Weise in die heutige Zeit: "Es wird ein offenes Haus, ähnlich wie vom Wasser umspülte Steine im Meer – und durchströmt von Menschen und Licht."

Der Wettbewerb wurde 2001 noch mit dem Vater gemeinsam gewonnen. Dessen demokratische, offene, auch spielerische Entwurfshaltung, die viele Variationen zulässt, weil sie sich keiner Architekturideologie unterwirft, hat der Sohn übernommen.

Sinnlichkeit und Vernunft

Sinnlichkeit und Vernunft

Es kommt jetzt Neues dazu, für besonders wichtig hält Stefan Behnisch die Nachhaltigkeit. "Qualität zählt, weil jedes neue Gebäude ein nachhaltiger Eingriff ist und unsere Welt verändert." In der Hamburger Hafencity baut er gerade mit dem Unilever House und dem Marco Polo Tower zwei Beispiele dafür, wie das aussehen kann.

Das Bürohaus und der Wohnturm sind, was Energiebilanz und -konzept betrifft, Ideallösungen. Aber wer glaubt, es wären nur ideologisch korrekte Null-Energie-Autisten, irrt: Mit Schwung und Glas erreichen sie eine Sinnlichkeit, die moderne Kastenarchitektur oft vermissen lässt.

Den deutschen Erfolgen stehen inzwischen internationale zur Seite. Stefan Behnisch ist so etwas wie der Exportstar des neuen "Made in Germany" in der Architektur. Er winkt ab, ist sogar skeptisch: Architektur exportieren könne man gar nicht. "Ich kann nur Ideen transportieren."

Das erste US-Projekt, das Hauptquartier des Biotech-Konzerns Genzyme in Cambridge, war, wie fast alle Behnisch-Projekte, ein Wettbewerbserfolg. Der Entwurf, der die Amerikaner überraschte, zeigte ein Atriumhaus mit zum Hof hin offenen Räumen; Innenfassaden schließen sich nur im Brandfall.

Entlang dem Atrium laden Plätze und Treppen zu Reisen durchs Gebäude, die das Haus noch kommunikativer werden lassen. Derzeit baut Behnisch in Harvard ein Forschungszentrum, in dem er den Energieverbrauch, gemessen an amerikanischen Standards, um 60 bis 70 Prozent verringern will.

"Die Veränderungen, die wir im Übergang von der postindustriellen zur Wissenschaftsgesellschaft erleben, hat unsere Architektur noch nicht richtig mitgemacht", sagt Behnisch. Mit seinen Wohnprojekten in den USA versucht er aufzuholen. So sollen sich in der Downtown von Los Angeles in loftähnlichen Strukturen Gewerbe und Wohnen verbinden. Ähnliches in Chicago.

Dort werden Behnisch Architekten auch "re-use" anwenden – eine Praxis, bei der Rohbau und Strukturen der Altsubstanz gerettet und für den Neubau genutzt werden. Auch das ist Nachhaltigkeit. "Insgesamt bewegt sich die Architektur weg von der formalen Debatte hin zur inhaltlichen", sagt Stefan Behnisch. Er sucht "nicht die offensichtliche Lösung, sondern die richtige!".

Behnisch-Bauten: Die Highlights

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