Designermöbel Ming trifft Acryl

Antike Ming-Stühle mit Acryllehnen, Qing-Tische mit Stahlbeinen: Shao Fans westöstliche Möbel-Collagen, Zwittergebilde aus alten asiatischen Stücken und westlicher Formensprachen, sind begehrte Sammlerstücke. Im Dezember zeigt er sie auf der Art Basel Miami Beach.
Von Camilla Péus

Peking - Abseits der verstopften Highwaysder 17-Millionen-Metropole Peking hat sich der Bildhauer und Designer Shao Fan seine eigene Welt geschaffen. Auf einem kargen Acker, hinter einem rostigen Eisentor baute sich der 44-Jährige mit dem mondrunden Gesicht und dem pinseldünnen Pferdeschwanz die moderne Version eines traditionellen Hutongs, ein aus grauen Ziegeln errichtetes Hofhaus, von denen Unzählige die Straßen Chinas säumen.

Anders als es in den engen Altstadtgassen Pekings möglich wäre, hat das Gebäude hier luxuriöse Ausmaße. Neben den Privaträumen bietet es Platz für ein Empfangszimmer, ein Atelier mit einem Siebenmeterschreibtisch, einen Patio und einen turnhallengroßen Showroom für Shao Fans fertige Werke.

Der Chinese erfindet Möbelskulpturen. Zwittergebilde aus Fragmenten antiker chinesischer Stühle und Industriematerialien wie MDF und Kunststoff. Schon als Jugendlicher beschäftigte sich der Spross einer Künstlerfamilie kritisch mit seiner Kultur.

Kreative Antworten auf dreiste Fälschungen

Beide Eltern waren Kunstprofessoren an der Pekinger Universität. Während der Kulturrevolution 1966 bis 1976 malten sie Propagandaplakate für Mao Tse-tung. Shao Fan ärgerte sich am meisten über die zahlreichen Fälschungen von Antiquitäten aus der Ming-Zeit zwischen 1368 und 1644, die heute noch auf dem Markt zu haben sind.

Seine kreative Antwort: Er montiert die für antike chinesische Möbel charakteristischen Elemente, wie hufeisenförmige Rückenlehnen und geschwungene Beine, ab und kombiniert die einzelnen Teile mit Acrylglas. Oder er setzt selbst zusammengezimmerte Stühle aus pechschwarz lackiertem, unedlem Katalpaholz zwischen patinierte Stuhlfragmente und schafft damit beides: funktionale Möbel und Designunikate.

Das Neue mogelt sich zwischen das Alte

Das Neue mogelt sich zwischen das Alte

Mit seinen Möbelhybriden spielt Shao Fan auf die rasant fortschreitende Modernisierung Chinas an. "Das Alte wird zerstört, das Neue mogelt sich dazwischen", sagt er und zeigt auf sein berühmtestes Stück, den "Moon Chair". Der Sessel, ein Werk aus Armlehnen und Beinen antiker Stühle, die scheinbar schwerelos zwischen Acrylglasplatten schweben, erinnert mit seinen vielen Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen an chinesische Schriftzeichen.

Das Londoner Victoria & Albert-Museum erwarb ihn 2004 für seine Sammlung - als erstes Objekt eines chinesischen Designers. Hinter dem Deal steckt Shao Fans Galeristin, die extravagante Madame Pearl Lam. Als sie den Künstler und Designer vor vier Jahren in ihrer Contrasts Gallery, Asiens führender Galerie für Avantgardedesign, unter Vertrag nahm, kannte ihn noch kaum jemand.

Inzwischen präsentiert sie Shao Fans Werke auf Messen wie der Design Art London. Gerade verschiffte sie seine neuesten Werke zur Art Basel Miami Beach, wo sie im Dezember gezeigt werden - und vielleicht für 20.000 bis 50.000 Dollar den Besitzer wechseln.

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