Multimedia Hightech im Ohrensessel

Vorbei die Zeiten, als man im Sessel selige Ruhe genoss. Die neuen Multimediasitze rücken ihren Besitzern mit Körperschallmembranen und Massagemotoren auf den Leib. Und auch in Schränken und Regalen tut sich einiges. Clever versteckte Technik macht das Wohnzimmer zum Entertainment-Center.

Bad Honnef - Sessel sind zum Sitzen und Entspannen da. Meistens zumindest. Manchmal aber kann man auf ihnen auch richtig Gas geben oder rasante Abenteuer erleben. Hightech-Sessel bieten wesentlich mehr als einen bequemen Platz zum Fernsehen - und reihen sich damit ein in den Trend weg vom klassischen Wohnzimmer, hin zum Entertainmentbereich.

"Doch die Technik ist nicht mehr so präsent, sie wird versteckt, nicht nur in Regalen und Sideboards, sondern auch in sogenannten Multimedia-Sesseln", sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef. Multimedia-Sessel sind Sitzgelegenheiten, die es in sich haben. Sie sind ausgestattet mit Lautsprechern, Subwoofern, Klangmembranen, Anschlüssen für diverse technische Geräte, Joysticks oder sogar Computern.

Zielgruppe sind vor allem jüngere Vielspieler. Aber auch ältere Multimediafans werden bedient - mit hochgerüsteten Luxussesseln, für die im Gegensatz zu den Jugendmodellen tief in die Tasche gegriffen werden muss.

Massage beim Computerspiel

Eine der günstigeren Varianten heißt Commander II und erinnert eher an einen sportlichen Autositz als an ein Wohnzimmermöbel. Der Sessel versteht sich als Erweiterung für Spielekonsole, PC, Fernseher oder mp3-Player, so Jakob Radtke vom Hersteller Casada in Paderborn. Er verfügt über zwei Lautsprecher im Kopfbereich, einen Subwoofer in der Rückenlehne und diverse technische Anschlussmöglichkeiten. Außerdem befinden sich im Rücken-, Lendenwirbel- und Sitzbereich Vibrationsmotoren, die den Sitzenden während des Computerspielens massieren sollen.

Ebenfalls für das Teenagerpublikum gedacht ist der Gamer-Sessel von Slouchpod aus Großbritannien. Er sieht auf den ersten Blick aus wie ein klassischer Sitzsack mit hochgezogener Lehne und hat ebenfalls Lautsprecher, Subwoofer und Anschlüsse integriert. Massieren kann er allerdings nicht.

"Was diesen Sesseln in der Regel fehlt, ist eine vernünftige Ablage für die Arme", bemängelt Markus Schmidt von der Computerzeitschrift Chip. Seiner Ansicht nach sind die Gamer-Sessel meist eher kurios als wirklich praktisch. "Außerdem wollen echte Spieler von ihrer realen Umgebung nichts mitkriegen, die geben ihr Geld darum lieber für wirklich gute Kopfhörer aus, um sich richtig auf den Bildschirm konzentrieren zu können."

Vier-Kanal-Verstärker und Körperschallmembranen

Vier-Kanal-Verstärker und Körperschallmembranen

Schmidt hält die High-Tech-Sessel außerdem für pannengefährdet. Das sei wie bei Stereo-Kompaktanlagen, die auch schon immer anfälliger gewesen seien als Einzelelemente: "Je mehr technische Einzelteile in so einen Sessel integriert sind, desto eher kann auch mal etwas kaputt gehen."

Einen der ersten Multimedia-Sessel brachte das Software-Unternehmen Microsoft gemeinsam mit der US-amerikanischen Möbelfirma LA-Z-BOY bereits im Jahr 2001 auf den Markt. Offenbar war der Markt damals aber noch nicht reif für die Verbindung von Technik und Gemütlichkeit. Der Explorer E-Cliner entpuppte sich als Flop und verschwand nach nur zwei Jahren in der Versenkung.

Sitzmöbel mit exzellentem Sound

Vielleicht hätten die Anbieter einfach mehr Geduld haben müssen. Denn inzwischen finden die Multimedia-Sessel offenbar ihr Publikum, auch wenn es bisher noch ein eher kleines ist. "In den USA sind Multimedia-Sessel bereits ein Riesenmarkt, Europa ist jetzt auch im Kommen", sagt Jakob Radtke.

Davon ist auch Daniela Reuter überzeugt. Für ihren Sonic Chair kombinierte die Kölnerin Retrolook mit Zukunftstechnik. "Wir haben nicht einfach Boxen in einen Sessel eingebaut, sondern ein Sitzmöbel mit exzellentem Sound entwickelt", so die Designerin und Geschäftsführerin der Firma Designatics.

Das Luxus-Sitz- und Hörmöbel verfügt in der Basisvariante unter anderem über diverse Anschlussmöglichkeiten externer Geräte, einen schwenkbaren Tisch, Tief-, Mittel- und Hochtöner sowie einen eigens entwickelten Vier-Kanal-Verstärker. "Der Clou ist die Rückenlehne", erzählt Reuter. "Sie besteht aus einer Körperschallmembran, die für das menschliche Ohr nicht hörbare Töne spürbar macht."

Sitzen in der Hightech-Höhle

Sitzen in der Hightech-Höhle

Der futuristisch anmutende Multimedia-Sessel sieht aus wie eine zu einer Seite hin geöffnete Blase - und greift damit altbekannte Entwürfe auf. "Optisch erinnert der Sessel stark an den Bubble Chair und den Ball Chair der sechziger Jahre. Man saß auch in diesen Sesseln ein bisschen so wie in einer Höhle", sagt Ursula Geismann. Genau diese abgeschirmte Position soll im Sonic Chair ein konzentriertes Hörerlebnis ermöglichen. Und das verbindet ihn auch mit den anderen Multimedia-Sesseln: Kommunikativ sind sie nicht. Sie sind eher etwas zum Zurückziehen für alleinlebende Musik- oder Spiele-Enthusiasten, die auch gern mal etwas tiefer in die Tasche greifen.

Auch an der Wohnzimmerwand tut sich einiges. "Das Trendthema Multimedia-Möbel hat aktuell eine ganz neue Dimension erreicht", sagt Ursula Geismann, Sprecherin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef. Sinkende Preise für DVD-Player, Flachbildschirme und Musikanlagen machen einen Hightech-Park im Wohnzimmer für immer mehr Kunden erschwinglich. Statt der Schrankwand halten nun Wohnwände mit aufgelockerten Modulsystemen Einzug, die individuell auf die Geräte abgestimmt werden können.

"Die wesentlichste Neuerung ist dabei: Die Möbel müssen nicht mehr 60 Zentimeter tief sein", sagt Ulrich Hennes, Dozent an der Fachschule des Möbelhandels in Köln. Mit einer Tiefe von 45 oder gar nur 30 Zentimetern kommen die neuen Möbel deutlich filigraner daher.

Der Bildschirm wird als Designobjekt inszeniert

"Das Basiselement ist in der Regel ein etwa kniehohes Sideboard", erklärt Geismann. In mehreren Auszügen oder Schubladen verschwinden Einzelgeräte, Bedienungsanleitungen und DVDs. "Sideboards gab es bisher schon. Neu sind jedoch Zusatzausstattungen wie Fächer mit Einteilungen für CDs oder DVDs."

Während das Zubehör unauffällig verschwindet, rückt ein anderes Gerät in den Mittelpunkt: "Der Bildschirm wird zunehmend wie ein Bild, also als Designobjekt im Wohnraum behandelt", beobachtet Fachschul-Dozent Hennes. Die neuen Fernseher finden ihren Platz meist auf dem Sideboard, auf einem Board darüber oder auf einem Arm direkt an der Wand. Häufig werden sie umrahmt, zum Beispiel von hohen, schmalen Seitenregalen. Wichtig ist, dass die Möbel nicht überlastet werden. Die Hersteller geben die Tragfähigkeit in Kilogramm an.

Architektur, Möbel und Technik verschmelzen

Architektur, Möbel und Technik verschmelzen

Noch sind Möbel und HiFi-Technik getrennte Elemente. "Der Trend der Zukunft wird sein, dass sich die Technologie mehr verbindet - sowohl mit der Architektur als auch mit dem Möbel", sagt Harry Gatterer, Trendforscher am Zukunftsinstitut in Kelkheim, voraus. "Bildschirme werden beispielsweise direkt in den Tisch oder den Schrank integriert sein."

Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits. Im Regalsystem Studimo von Interlübke aus Rheda-Wiedenbrück etwa verschwindet der Bildschirm hinter Schiebetüren. Bei der Serie Cube taucht er hinter einem verschiebbaren Regalelement ab. Das österreichische Unternehmen Gruber+Schlager hat beim Modell Cubiko in einer Lade Liftbeschläge integriert, die per Knopfdruck den Bildschirm aus der Versenkung heben. Das italienische Unternehmen MDF inszeniert mit seinem Entwurf Monolite den Fernseher dagegen regelrecht als Skulptur. Alles, was diesen Eindruck stören könnte, ist im Inneren des schneeweißen Design-Möbels verborgen.

"Ich gehe davon aus, dass sich in Sachen versteckte Technik bei den Multimedia-Möbeln noch einiges tun wird"», sagt Ursula Geismann. Dabei dürfen Sicherheitsaspekte nicht ganz vergessen werden: "Behinderte Belüftung führt zu höheren Innentemperaturen des Gerätes", warnt Harald Frerk, Fachgebietsleiter Unterhaltungselektronik/IT im VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut in Offenbach. Die Folge sei eine kürzere Lebensdauer.

Regalstollen mit Stromschienen

Egal, wo Bildschirm und Zubehör stehen - die Strippen werden am liebsten versteckt. Das war allerdings in der kompakten Schrankwand einfacher als bei den angesagten aufgelockerten Gestaltungsformen. In jedem Fall sollten die Möbel möglichst nahe an die Stromanschlüsse gestellt werden, so dass kurze Kabelwege entstehen. "Bei offenen, mobilen Racks, aber auch bei Möbeln aus satiniertem Glas kommt man kaum darum herum, die Kabel zu sehen", gibt Geismann zu. Mit neuen Techniken versuchen die Möbelhersteller mittlerweile aber auch diesem Problem zu begegnen. So bietet die Firma Trüggelmann aus Bielefeld in ihrer Serie Genesys Regalstollen mit Stromschienen an. Das ganze Möbel wird an einer Stelle mit dem Stromnetz verbunden. An der Rückseite der Stollen können dann die Einzelgeräte angeschlossen werden.

Ähnliche Möglichkeiten haben hochwertige geschlossene Möbelelemente. "Bei einigen Modellen verfügen einzelne Schubladen über Steckdosen", erzählt Geismann. Weiter verbreitet sind jedoch Möbelteile mit Kabellöchern oder -aussparungen an der Rückseite. "Diese Löcher müssen groß genug sein, um Beschädigungen, besonders des Netzanschlusskabels, zu vermeiden", rät Elektronikfachmann Frerk. Auch scharfe Kanten bergen diese Gefahr.

Schwierig wird es, wenn der Bildschirm hängen soll. "Hier arbeiten die Hersteller verstärkt mit Rückwänden, durch die zum Beispiel ein Sideboard und einzelne Regale verbunden werden und an die dann der Bildschirm gehängt wird", erklärt Fachschuldozent Hennes. Ähnlich wie bei Vorwandinstallationen im Bad treffen sich alle Kabel auf der Rückseite.

Jessica Gilster und Eva Neumann, dpa

Fotostrecke: Laute Sessel und versteckte Bildschirme

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