Flughafen Tempelhof Die Tage sind gezählt

Ende Oktober 2008 soll der Flugverkehr auf dem Zentralflughafen Tempelhof eingestellt werden. Endgültig. Das wäre das unrühmliche Ende einer architektonischen Vision, die in der Fliegerei eine große Zukunft sah.
Von Jan van Rossem

Der Mann in der Wechselstube hat alle Zeit der Welt. Kurz vor elf am Vormittag blättert er gemütlich die ausladenden Seiten seiner Tageszeitung um und vertieft sich, nachdem das Rascheln verklungen ist, in den nächsten Artikel. Er muss keine Angst haben vor einer ungeduldigen Schlange an seinem Schalter.

Geld wechseln will hier im Moment niemand. Die wenigen Maschinen, die im Laufe des Vormittags landen, sind in Münster/Westfalen, Mannheim, Saarbrücken gestartet. Und wer von da kommt, braucht keine Wechselstube. Die Lektüre muss der Mann allenfalls kurz unterbrechen, wenn amerikanische Touristen die Stätte des großen Triumphes ihrer Luftwaffe über die sowjetischen Blockierer bestaunen. Manchmal tauschen die ein paar Dollars um.

Eisermann sagt: "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Aber klar, ist schon traurig. Früher, da war hier was los. Nicht nur als anno 48/49 der Rosinenbomber alle zwei Minuten einschwebte. Danach kamen sie alle. Außer der Concorde ist alles, was Rang und Namen hat, auf dem Tempelhofer Feld gelandet. Auch Jumbos. Aber heute. Trauerspiel."

Jürgen Eisermann kennt sich aus. Seit Jahren führt er Interessierte durch den Flughafen. Tempelhof richtet sich auf seinen Abschied ein. Die Information im Eingang ist schon lange nicht mehr besetzt. Die meiste Zeit des Tages steht das Laufband, das die Koffer aus dem Bauch des Flughafengebäudes ausspuckt, still. Es gibt nicht viel zu spucken. Der "Zentralflughafen Tempelhof" steht den ehrgeizigen Plänen eines Riesenflughafens Berlin-Brandenburg International (BBI) im Weg.

So hat es letztinstanzlich und damit wohl endgültig das Bundesverwaltungsgericht entschieden: Kein Flugverkehr mehr in Tempelhof, bevor der neue Großflughafen in Schönefeld in Betrieb genommen wird. Im Oktober 2008 mit Ende des Sommerflugplans fliegt niemand mehr von diesem Tempel der Luftfahrt.

Das ist eine Schande! Das würde bestimmt auch Eisermann sagen. Aber er schweigt ausnahmsweise. Auch wenn es zahlreiche rational nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung gibt, überwiegen Wut und Trauer in der großen Fangemeinde des Kultflughafens über diesen harten politischen Schlussstrich. Ja, es ist bestimmt nicht notwendig, in einer Stadt wie Berlin mit 18,5 Millionen Fluggästen im Jahr 2006 (zum Vergleich: London 136 Millionen) mehrere Flughäfen zu betreiben. Ja, es ist unpraktisch bei Verbindungsflügen von einem zum anderen Airport quer durch die von Autos manchmal undurchdringlich verstopfte Hauptstadt kurven zu müssen.

Tempelhof ist nicht einfach nur ein gigantisches Gebäude

Tempelhof ist nicht einfach nur ein gigantisches Gebäude

Ja, es ist sinnvoll, den Fluglärm von der Innenstadt fernzuhalten. Aber es geht schließlich nicht um irgendeinen Flughafen: Es geht um Tempelhof! Das ist eine Herzensangelegenheit. Und vielen bricht es das Herz. Es gibt prominente und kompetente Mitglieder in dieser Trauergemeinde.

Nicht zuletzt den renommierten Architekten Lord Norman Foster. Er hat den architektonischen und verkehrstechnischen Ausnahmezustand inmitten Berlins gepriesen als "die Mutter aller Flughäfen". Tatsächlich wurde mit dem Bau des gigantischen Flughafengebäudes nicht nur ein neues Zeitalter der Fliegerei eingeläutet, sondern weit über den Beginn dieses neuen Zeitalters in die Zukunft geschaut.

Der Visionär hieß Ernst Sagebiel. Ein organisatorisch äußerst versierter Architekt, der durch den in Windeseile fertiggestellten Bau des Reichsluftfahrtministeriums auf sich aufmerksam gemacht hatte, wurde Anfang 1933 mit der Planung eines Weltflughafens betraut. Allerdings hieß das Projekt erst ein halbes Jahr später dann wirklich "Weltflughafen", als die Nazis kurz nach ihrer Machtergreifung seine ökonomische und logistische Notwendigkeit geschmeidig zur propagandistischen Selbstdarstellung nutzten.

Jeden dritten Tag flog ein Flugzeug

Die eigentliche Geschichte des Flugplatzes beginnt schon einige Jahrzehnte früher. Anfang der 1920er-Jahre wurde auf dem ehemaligen Exerzier- und Paradefeld der erste Flughafen errichtet. Damals erregte sich die Bevölkerung über das gewaltige Flugaufkommen: 100 Starts und Landungen, 150 Passagiere, 1300 Kilogramm Luftfracht – pro Jahr. Jeden dritten Tag röhrte eine Maschine über den Köpfen der Berliner. Aber schon zu Beginn der Dreißiger war Tempelhof einer der verkehrsreichsten Flughäfen Europas. Die Möglichkeiten waren ausgereizt. Ein Neubau war dringend nötig.

Sagebiels mutige Vision blieb weltweit einmalig: Er entwarf ein 1230 Meter langes, einen Viertelkreis bildendes Gebäude, das wie eine Stadtmauer angelegt ist – wie ein Brandzeichen im Stadtplan Berlins. Der Flughafen war auch ein Musterbau für die geplante Megastadt Germania.

Eisermann sagt: "Er ist immer noch das größte Gebäude Europas." Das Vorfeld des Flughafenbaus wird von einer stützenlosen Kragkonstruktion überdeckt. Auf 380 Meter Breite bei 49 Meter Tiefe und einer Einrollhöhe von 12,30 Meter bot Tempelhof den modernsten und raffiniertesten Flugzeuganleger – unter das Dach passen moderne Mittelstreckenflugzeuge.

Im Winter mussten die Maschinen nicht enteist werden und die Passagiere dankten es dem Architekten, dass sie bei der Ankunft trockenen Fußes in den Terminal gelangten. Einmalig damals. Aber das war eigentlich nur ein winzig kleiner Teil einer wahnsinnig großen, eher größenwahnsinnigen Idee: Das Dach sollte als Tribüne eines gigantischen Luftstadions dienen. Mindestens 100.000 Zuschauer hätten von hier aus den alljährlichen Luftparaden zujubeln können. Deshalb auch die Aufgangstürme, die die Fassade rhythmisch strukturieren. Sie sind ausgelegt, um bis zu 10.000 Menschen pro Stunde auf die Dachtribünen hoch und runter zu schleusen.

Von hier aus sieht man den Fudschijama

Von hier aus sieht man den Fudschijama

Von dem Dach des neunstöckigen Viertelkreises bietet sich ein Rundblick über Berlin. Eisermann sagt: "Tempelhof ist der einzige europäische Flughafen, von dem aus man den Fudschijama sehen kann." Er meint das Dach vom Sony Center am Potsdamer Platz, das dem japanischen Vulkan nachgebildet wurde.

Albert Speer, der erst spät in die Planungen einbezogen wurde, stand der Anlage distanziert gegenüber. Hitlers Lieblingsarchitekt ging, wie die Entscheider heute, davon aus, dass ein Flughafen nicht in die Innenstadt gehört. Nach dem Krieg – so stellte er sich vor – hätte auf dem Gelände ein Vergnügungspark errichtet werden können. Auch diese Idee ist wieder halbwegs aktuell.

Der gesamte Bau ist atemberaubend modern angelegt. Erstmals in der Geschichte der Luftfahrt gibt es eine sinnvolle Trennung von Abflug- und Ankunftswegen, von Passagierbedürfnissen und Gepäck- und Warentransporten. Ganz im Gegensatz zu dieser zukunftsweisenden Struktur wurde bei der Fassadengestaltung und Innendekoration auf Prestige, Machtdemonstration und Tradition Wert gelegt.

Statt Glas kam Wellblech

Die Natursteinfassade besteht vorwiegend aus badischem Muschelkalkstein, in der Abfertigungshalle war der Boden aus Marmor geplant. Daraus wurde nichts. Der Krieg stoppte die Pläne weitgehend. Die Hangars und die unterirdischen Zufahrtswege wurden für heimliche Flugzeugmontage und -reparatur genutzt. Das Projekt "Weltflughafen Tempelhof" war gestorben. Seine großen Zeiten kamen später.

Das Gefühl von endloser Weite des Luftraums, den das gigantische Bauwerk einmal symbolisieren und regelrecht zeigen sollte, will sich heute nicht recht einstellen. Zu viel von den ambitionierten Plänen wurde entweder nicht verwirklicht oder in der Nachkriegszeit aus Sparsamkeit verändert. Die Eingangshalle, eigentlich 15 Meter hoch und tageslichtdurchflutet, ist heute bis auf halbe Höhe abgehängt und nicht halb so spektakulär wie geplant. Der obere Hallenteil lässt trotz seiner verrußten Kassettendecke erahnen, welche Ehrfurcht die Passagiere beim Betreten des Flughafengebäudes ergriffen hätte.

Die Stirnwand der 50 mal 100 Meter großen Abfertigungshalle sollte ursprünglich einen besonderen Showeffekt bieten. Die Idee war, sie voll zu verglasen. Die Reisenden wären schon beim Check-in mit einem grandiosen Ausblick auf das Rollfeld auf den Flug eingestimmt worden. Statt dessen wurde sie mit Wellblech verkleidet. Eisermann sagt: "Hugo-Junkers-Gedächtniswand."

Als die Rosinenbomber kamen

Als die Rosinenbomber kamen

Fünf Stockwerke über der Abflughalle war alles bereitet für einen prunkvollen Bankettsaal. Für mehr als 2000 Gäste hätte feierlich eingedeckt werden können. Auch dazu kam es nicht. In der riesigen Halle wurde nie getafelt und getanzt, sie blieb unbespielt, bis die Amerikaner den Flughafen von der Roten Armee übernahmen. Sie nutzten den Raum mit dem ihnen eigenen Pragmatismus.

Im großen Festsaal ist noch heute, fast 15 Jahre nach dem Abzug der Amerikaner, ein Basketballfeld erhalten. Hier spielten die "Berlin Braves", wie sich die Mannschaft der Air Force nannte. Die elektronische Anzeigetafel ist bereit für das nächste Match: "Home – Visitors 00:00". Es wird nicht mehr stattfinden.

Seinen ersten echten Höhepunkt erlebte Tempelhof nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland zwischen den Siegermächten aufgeteilt und die Stimmung eisig wurde. Die Sowjets sperrten alle Zufahrtswege zu den westlichen Berlin-Sektoren, die Alliierten antworteten umgehend.

Sie starteten die legendäre Luftbrücke und flogen mit den im Berliner Volksmund "Rosinenbomber" genannten Transportflugzeugen täglich bis zu 12.000 Tonnen Nahrungsmittel, aber vor allem Salz und Brennstoffe in die isolierte Stadt. Das meiste davon wurde über den Flughafen Tempelhof abgewickelt, der im Krieg nahezu unversehrt gebliebenen war. Später machte er auch als Landeplatz für DDR-Flüchtlinge von sich reden.

Immerhin denkmalgeschützt

Seit einiger Zeit werden Teile des Komplexes umgenutzt. In einem Innenhof trainieren Gabelstaplerfahrer Paletten zu heben und Lkw-Fahrer Einparken. In den Seitenflügeln des Gebäudes befindet sich, wie Eisermann sagt, "der Tagungsraum der Berliner Politiker". Der Kalauer bezieht sich auf die Tanzschule "Ballhaus Traumtänzer", die sich hier eingemietet hat.

Immerhin: Das Bauwerk ist denkmalgeschützt. Das wenigstens bleibt. Fragt sich nur, was aus ihm werden soll. Der Kopenhagener Tivoli wollte das Gelände gern für einen Vergnügungspark nutzen. Ein Kosmetikunternehmen plante, in einer Hälfte des Gebäudes eine Schönheitsfarm zu eröffnen – für diejenigen, die mit dem eigenen Jet vorfliegen. Verboten! Kein! Flugverkehr! In! Tempelhof!

Aber auch wenn es wirklich endgültig sein sollte mit dem Ende von Tempelhof, eines ist sicher: Starts und Landungen wird man vor dem Panoramafenster des ehemaligen Restaurants in der Abfertigungshalle trotzdem sehen können. Richtung Südosten am Horizont kann man das Fluggeschehen auf dem neuen Superairport Berlin Brandenburg International in Schönefeld beobachten, dem die Mutter aller Flughäfen weichen musste.

Flughafen Tempelhof: Legendärer Bau in Bildern

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