Shanghai Hoch hinaus

Ihre stetig wachsende Skyline aus zahllosen Wolkenkratzern ist beeindruckend, ebenso wie die Dynamik der Stadt. Shanghai will ganz hoch hinaus, strebt nach Modernität und Weltgeltung. Und das in einem atemberaubenden Tempo.

Shanghai - Tausende Wolkenkratzer recken sich gen Himmel, auf Stelzen gebaute Schnellstraßen winden sich durchs Zentrum Shanghais. Die Skyline der ostchinesischen Stadt ist atemberaubend, ihre Größe einschüchternd, ihre Dynamik beeindruckend. Die Megacity ist gegenwartsfixiert und zukunftsbesessen, strebt nach Modernität und Weltgeltung.

Mit ihrer Vergangenheit dagegen geht die Wirtschaftsmetropole wenig sentimental um: Hunderttausende Menschen wurden umgesiedelt, viele von ihnen unfreiwillig, um Platz für Hochhäuser und Luxus-Kaufhäuser zu schaffen. Millionen Wanderarbeiter schuften für Abbruch und Aufbau - Shanghai ist eine Stadt, die nach oben will.

Bescheidenheit zählte noch nie zu den Tugenden ihrer Einwohner: Ob einst verruchte Hafenmetropole oder nun boomender Börsenplatz, dem Rest Chinas wähnt sich die "Stadt über dem Meer" stets weit voraus. Hier gibt es die erste und bislang einzige kommerzielle Strecke des Transrapids, einen Formel-1-Rennkurs - im Jahr 2010 richtet die Stadt die Weltausstellung Expo aus.

Hier wird gerade Chinas größter Wolkenkratzer gebaut: Das fertige "World Financial Center" soll sich 492 Meter hoch in den Himmel schrauben. Die Metropole gilt als die am meisten vom Westen und von internationalen Trends beeinflusste Stadt Chinas. Superreiche, Reiche, eine Mittelschicht und eine Szene-Jugend gehören zum Bild des modernen Shanghais.

Bulldozer und Bauarbeiter sind unermüdlich im Einsatz. Es gibt Richtlinien zum Denkmalschutz, doch diese spielen in der Praxis häufig keine Rolle. Zwar sind die alten Stadtviertel saniert worden, von den Kolonialbauten ist dennoch nur ein kleiner Teil übrig geblieben.

Boomende Megacity

Boomende Megacity

"Shanghai ist in den vergangenen 25 Jahren komplett reorganisiert worden. Selbst in der Innenstadt sind Quartiere vollständig abgerissen und neu aufgebaut worden", sagt Frauke Kraas, Professorin für Humangeographie an der Uni Köln. "Es ist nur noch wenig so, wie es vor Beginn der Öffnungspolitik 1978 war."

Und der Wandel geht mit unvermindertem Tempo weiter: Die Wirtschaft boomt, die Bevölkerung wächst. Lebten nach Angaben der Vereinten Nationen 1950 rund sechs Millionen Menschen in der Stadt, waren es 1990 etwa acht Millionen - im Jahr 2015 werden es voraussichtlich mehr als 17 Millionen sein.

Die Zahl der Wanderarbeiter, die häufig keine Aufenthaltsgenehmigung haben, liegt bei schätzungsweise fünf Millionen. Die Stadtverwaltung erklärt, dass bereits heute mindestens 18 Millionen Menschen hier leben. Um Probleme wie Dauerstaus und Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen, will die kommunale Regierung um Shanghai herum mehrere sogenannte Modellstädte errichten.

So hat der deutsche Planer Albert Speer in Anting, dort wo das VW-Werk steht, eine Autostadt entworfen. Zu diesen Themenstädten gehört auch die Ökostadt Dongtan, die auf einer vorgelagerten Insel im Jangtse-Fluss entstehen soll.

Geplant ist, dass die Kommune ohne Emissionen auskommt und sich selbst mit erneuerbarer Energie versorgt. Die Volksrepublik sieht sich zum Handeln gezwungen: Nach jüngsten Berichten soll China inzwischen die USA als bislang größten Erzeuger von Treibhausgasen abgelöst haben.

Diese am Reißbrett entworfenen Städte zielen vor allem darauf, Verkehr zu vermeiden - Wohnung und Arbeitsplatz sollen am gleichen Ort sein. Im Jahr 2010 sollen 8000 Menschen in Dongtan leben, bis 2020 etwa 80.000 und bis 2050 eine halbe Million. "Wir bieten die gesamte Infrastruktur für einen nachhaltigen Lebensstil", sagt Dong Shanfeng vom Londoner Ingenieurbüro Arup, das die Pläne entwickelt hat.

Zukunftsvisionen

Zukunftsvisionen

Peter Herrle, Professor an der TU Berlin und Experte für Stadtentwicklung mit Schwerpunkt Asien, sieht in dieser Dezentralisierung einen richtigen Ansatz. "Natürlich geht es auch ums Prestige bei diesen Vorhaben, die auch politisch ausgebeutet werden. Andererseits sind das aber auch notwendige Testfälle und Demonstrationsprojekte, aus denen viel gelernt wird und die Diskussionen auslösen."

Auch die Stadtplanung in China entwickle sich weiter, die jüngere Generation habe vielfach soziale Belange und Fragen der Nachhaltigkeit stärker im Blick. Dennoch ist sich Herrle sicher: "Man darf von diesen Modellstädten nicht erwarten, dass sie die Probleme Shanghais oder Chinas lösen."

Zu diesen Problemen zählt der Wissenschaftler vor allem die wachsende Zahl der Autos in Shanghai und die zunehmende Armut.

Auch Kraas spricht mit Blick auf die Millionen Wanderarbeiter von sozialem Sprengstoff. "Es gibt in Shanghai keine Slums wie in Lateinamerika oder Indien.

Aber die Stadt dehnt sich aus, wo früher Dörfer waren, bestellen die Bauern nicht mehr ihr Land, sondern haben einfache Häuser gebaut, die sie vermieten", erläutert Kraas. "Der soziale Umbruch ist eines der größten Probleme. Wir haben in Europa seit 150 Jahren Zeit für eine großflächige Urbanisierung, in China passiert das in einer Generation."

Iris Auding und Till Fähnders, dpa

Fotostrecke: Shanghai - Stadt der Extreme

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