Seoul Nach der Bauwut

Seoul war lange ein einziges Wolkenkratzermeer. Doch jetzt wollen die Stadtherren die Natur zurück in die Millionenmetropole holen. Um den Fluss, der früher durch die Stadt floss, freizulegen, musste bereits eine Hauptverkehrsstraße weichen. Auch alte Tempel und Paläste sollen wieder in neuem Glanz erstrahlen.

Seoul - Die Bürger von Seoul sind stolz auf ein neues Wahrzeichen ihrer Stadt. Der kleine Fluss Cheonggyecheon hat sich in der von großen Besucherströmen aus dem Westen noch wenig berührten südkoreanischen Hauptstadt zum touristischen Anziehungspunkt und Vorzeigeobjekt für Experten aus aller Welt entwickelt.

Mit großem bautechnischen und finanziellen Aufwand hatte die Stadt innerhalb von drei Jahren das jahrzehntelang verdeckte Flussbett inmitten der Millionenmetropole wieder freigelegt. Mittlerweile ist der Wasserlauf aus Sicht der Planer ein beispielloses Projekt zur Wiederherstellung eines Teils der natürlichen städtischen Umgebung, die im Zuge der stürmischen Stadtentwicklung verschwunden war.

Der Fluss gilt auch als Symbol der Bemühungen um eine "grünere" und lebenswertere Hauptstadt. Ziel war es, am Cheonggyecheon eine Öko-Oase im Herzen der umtriebigen Metropole entstehen zu lassen. Im September 2005 wurde der 5,8 Kilometer lange Wasserlauf wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Um das alte Flussbett freizulegen, wurde eigens eine Hochstraße abgebaut, die seit Ende der 60er Jahre eine wichtige Verkehrsader der Stadt war. Zahlreiche Geschäfte, Werkstätten und Warenlager mussten dem Projekt - zum Teil gegen den Widerstand der Besitzer - weichen. Den Fluss zieren nun begrünte Uferanlagen sowie mehrere Auto- und Fußgängerbrücken in unterschiedlichem Design, die die Seouler zum Flanieren einladen. Das mehrere hundert Millionen Dollar teure Vorhaben war eine Idee des früheren Oberbürgermeisters Lee Myung Bak, jetzt nutzt es ihm bei seinen Ambitionen auf die Präsidentschaft.

Kultur auf dem Vormarsch

Kultur auf dem Vormarsch

Cheonggyecheon ist eng mit der 600-jährigen Geschichte Seouls verbunden. In den 60er Jahren war der Wasserlauf der Bauwut in der während des Korea-Krieges (1950-53) weitgehend zerstörten Stadt zum Opfer gefallen. Noch heute prägen die stürmischen Jahre des Wiederaufbaus den Charakter der Stadt, die von vielen westlichen Besuchern wie so viele asiatische Metropolen als "gesichtslos" beschrieben wird.

Seoul und seine Vororte bilden einen riesigen Ballungsraum mit fast 23 Millionen Menschen. Allein der Großraum Seoul, der sich auf einer Fläche von 4400 Quadratkilometern erstreckt, hat rund zehn Millionen Einwohner. Die Ausdehnung der Kernstadt wird von den umliegenden Bergen begrenzt. Heute prägt ein Hochhausmeer das Gesicht der Stadt. Seoul zeichne sich durch eine "extreme Konzentration" aus, sagt die Stadtplanerin Annette Erpenstein, die seit einigen Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt zu Hause ist. Die Tatsache, dass fast die Hälfte der Bevölkerung "auf einem Fleck" lebe, sei weltweit einzigartig.

Viel Zeit, Geld und Fantasie wurden und werden investiert, um alte Tempel zu erneuern, Paläste wieder aufzubauen, neue Theater und Konzertsäle zu eröffnen und die Grünflächen zu erweitern. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen kommen in Seoul auf einen Einwohner nur 4,53 Quadratmeter Grünfläche - In New York sind es mehr als drei Mal so viel.

Auch bei den Bemühungen, Seoul als Hightech- und Medien-Metropole zu etablieren, spielt Cheonggyecheon eine Rolle: Informationsecken mit so genannten Digitalkiosken sollen an zahlreichen Stellen am Fluss errichtet werden. Die Möglichkeiten der allgegenwärtigen Vernetzung sollen binnen zwei Jahren die ganze Stadt prägen.

Dirk Godder, dpa

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