Architektur Spiel mit dem Licht

Rot, blau, gelb oder grün - Architektur ist eine beliebte Projektionsfläche für Künstler und Lichtplaner. Sie inszenieren Bauwerke mit spektakulären Lichtspielen. So entstehen beeindruckende Kunstwerke mitten in der Stadt.
Von Oliver Herwig

Nicht Glas, nicht Stahl und nicht Beton - Licht ist der eigentliche Baustoff der Moderne und ihrer Metropolen, die sich im nächtlichen Glanz wiegen wie Models auf dem Laufsteg: Eine Stadt, die nie schläft, braucht auch illuminierte Brücken und leuchtende Denkmäler. Immer mehr Architekten, Künstler und Designer rücken deshalb Häuser und ganze Straßenzüge ins beste Licht. Erst die rund um die Uhr in Szene gesetzte Architektur rundet das Gebäude, die Straßenflucht und das Quartier ab; Kunstlicht bildet den Schlussstein des architektonischen Entwurfs, der zum Kunstwerk werden will.

Besonders die Knotenpunkte der Bewegung, Magistralen und Bahnhöfe, sind für leuchtende Auftritte prädestiniert. Im schweizerischen Zug lag die Lichtplanung in den Händen von James Turrell. Rot, blau und grün fasst der wohl größte lebende Lichtkünstler den dreieckigen Bahnhofsbau, durch dessen Halle täglich 20 000 Menschen strömen. Fluoreszenzröhren mit farbigen Filtern lassen das Licht über die Fassade und die sandgestrahlte gläserne Brüstung fließen. Töne mischen sich, aus Blau und Rot wird schimmerndes Purpur.

Der amerikanische Künstler spielt mit Farbklängen, die unmerklich ineinander übergehen. Das Ergebnis erscheint paradox. Während sich der Bahnhof mit Energie vollsaugt, der Raum nach vorne tritt, scheint sich das gewaltige Volumen aufzulösen, wie im Münchner BMW-Pavillon, den Turrell letztes Jahr mit LED-Leuchten zum Glühen brachte. Beinahe unmerklich wechselt die Stimmung von Blau zu Rot, während LED-Leuchten an der Decke aufflammen.

"Ich wünschte, die Lichttechnologie wäre vor 30 Jahren schon so weit gewesen, wie sie heute ist", sagt Turrell und streicht sich über seinen gepflegten weißen Bart. Kunstlicht bedeutet Moderne. In der Zeit davor herrschte Finsternis in den Städten, Zentren wie Paris und London, New York und Berlin aber wuchsen im Schein der Gaslampen zu Metropolen.

Im Zeichen der Glühbirne

Elektrizität schafft Attraktionen

Welch eine Sensation das elektrische Licht bedeutete, lässt sich heute nur erahnen. "Wie rot glühende Lava wälzt sich das Wasser über Felsen herab", jubelte ein Besucher auf der Frankfurter Elektrizitätsausstellung von 1891. Hysterie lag in der Luft, jener "eigenthümliche Erregungszustand der Materie" namens "Electricität". Auf einmal leuchteten die Gebäude wie domestizierte Feuerwerke, Metropolen strahlten im Schein Tausender von Glühbirnen und Neonzeichen.

Die gewaltigen Scheinwerfer, die sich von April bis November 1900 auf den Eiffelturm richteten, sind Fingerzeige der neuen Zeit. Die Elektrizität verspricht Attraktionen. Ein Jahr später glänzt die Pan-American Exposition in Buffalo, 1903 der Luna Park auf Coney Island und 1904 die Louisiana Purchase Exhibition in St. Louis.

Der Zeichner Hugh Ferriss taucht 1922 imaginäre Wolkenkratzer in Flutlicht und steigert die Vertikale so ins Unermessliche. Heute sind gerade Gewerbebauten ideale Projektionsflächen für Lichtkunst. Den Frankfurter Architekten Schneider + Schumacher gelang mit ihrem Hochregallager in Lüdenscheid für den Leuchtenhersteller Erco der Phoenix unter den Hallen. Nacht für Nacht verwandelt sich das stützenfreie stählerne Hochregal in eine Wolke aus Licht.

Die Hülle aus Profilbauglas bespielt der Heidelberger Uwe Belzner wie eine Leinwand. Der Lichtregisseur lässt eine rund 20-minütige Choreografie aus Azur und Hellgelb über das menschenleere Lager laufen, in der die Transportroboter einsame Pirouetten drehen. Das perfekte Maschinenballett im Industriegebiet hebt sich wohltuend vom vordergründigen Lichtzauber unserer Städte ab, die mit immer neuen Uplights auch solche Fassaden illuminieren, die besser in gnädiges Dunkel gehüllt blieben.

Klassische Fassaden wirken von unten angestrahlt wie auf den Kopf gestellt. Die Lichtmanie nimmt zu, und mit ihr die Schattenseite der Architekturbeleuchtung. Ein charakteristischer Bau wie das Deutsche Patentamt in München ersäuft nachts in bonbonfarbenen Lichtfluten.

Stadtzeichen aus Licht und Stein

Zeichen aus Licht

Monotone Fassaden stecken voller Poesie, wenn Lichtkünstler antreten: Mischa Kuball verwandelte 1990 das schnöde Mannesmann-Gebäude in Düsseldorf in ein japanisch strenges "Megazeichen", letztes Jahr tanzten Lichter über den Wiener Uniqa-Tower, als wäre er eine Bühne für elektrische Leuchtfeuer.

Hier liegt die Zukunft der Medienarchitektur, die aus Immobilien Stadtzeichen macht, die auf die Stimmung ihrer Bewohner reagieren. Fensterbänder bilden plötzlich Lettern, Botschaften für alle. Die Architektur kann sich verändern, interaktiv werden und mit Medienwänden ihr Innerstes nach außen projizieren, wie es die BBC Music Box von Foreign Office vormacht. Dort werden Passanten auf der Medienfassade, die sich über die gesamte Seitenwand des Gebäudes erstreckt, Liveübertragungen der Konzerte im Inneren verfolgen können.

Fassaden für mutige Transformationen gibt es reichlich. Architekten und Lichtplaner machen aus banalen Durchfahrten leuchtende Tore, aus langweiligen Fassaden strahlende Bühnen und aus durchschnittlichen Bauten Leuchttürme der Nacht. Mit immer neuen Farbkaskaden verändert sich schließlich der Charakter der Stadt. Sie inszeniert sich damit selbst zur Ikone, wie es erst Lyon vormachte und nun in Rotterdam mit lila Lichtspektakeln perfektioniert wird.

Dort werden im Laufe des Jahres immer mehr charakteristische Bauten bunt bestrahlt und geben der Stadt nachts ein neues Antlitz. Zur Avantgarde der Lichtkunst am Bau zählen Ausstellungshäuser. Kaum ein Museum, das sich dem Trend zu Lichtspielen an der Fassade versagt.

Das Linzer Kunstmuseum Lentos macht seit seiner Eröffnung im Mai 2003 auch nachts eine gute Figur, wenn azurblaues Licht den kubischen Körper umspielt, bis es das Haus entmaterialisiert. Ähnlich das Kunsthaus Bregenz, dessen illuminierter Kubus am Ufer des Bodensees leuchtet, als wäre ein eckiger Vollmond in der Altstadt aufgegangen. Architekt Peter Zumthor hat auch die Erscheinung des Museums bei Nacht bedacht.

So wie die Milchglaspaneele des Gebäudes bei Tag für diffuses Streulicht in den Ausstellungsräumen sorgen, glänzt das Museum bei Nacht wie eine "Akari"-Leuchte des amerikanischen Skulpteurs Isamu Noguchi. Anders das Zeughaus in Mannheim, das seine Fassade willig der Kunst überlässt. Die Künstlerin Elisabeth Brockmann, eine Schülerin von Gerhard Richter, verleiht dem Zeughaus ein neues Gesicht: Ein gigantisch vergrößertes Augenpaar blickt aus den toten Fenstern, die als solche nicht mehr wahrgenommen werden. Die Architektur wird zu einer Projektionsfläche der Kunst, mehr noch: Sie wird selbst zum Kunstwerk.

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