Wirtschaftsbuch Wie Wirecard entlarvt wurde

Der FT-Journalist Dan McCrum, der den Wirecard-Skandal aufdeckte, erzählt in seinem Buch die bisher unbekannte Hintergrundgeschichte seiner Recherche.

Über Wirecard ist seit dem Crash des einstigen Dax-Konzerns im Sommer 2020 schon viel geschrieben worden. Das erst zuletzt erschienene Buch von Dan McCrum ist trotzdem unbedingt lesenswert.

Denn hier schreibt nicht nur der Autor, der es am allerbesten wissen muss und dem der Lorbeer gebührt: McCrum deckte als Reporter der Financial Times (FT) den Milliardenskandal auf. Dafür hat er seither viel verdientes offizielles Lob und etliche Journalistenpreise erhalten.

Anzeige
McCrum, Dan

House of Wirecard: Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen DAX-Konzern zu Fall brachte | Jan Marsalek, Markus Braun und der tiefe Fall einer Aktie

Verlag: Econ
Seitenzahl: 464
Für 25,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Sein Buch erzählt die bisher unbekannte Hintergrundgeschichte der Recherche: Einer Arbeit, die als ziemlich normale Börsenstory begann und am Ende zu einem offenen Kampf um den Ruf und die eigene Existenz eskalierte – für die Wirecard-Chefs, aber eben auch für den Journalisten und die FT. Der Münchener Vorzeigekonzern schreckte auch vor schmutzigsten Methoden nicht zurück.

McCrum schreibt spannend und mit eingestreutem schwarzem Humor. Doch er bleibt uneitel und nüchtern, zeigt sich nicht als ein strahlender Reporterheld, sondern als der etwas eigenwillige Finanzjournalist, der in einen buchstäblich unglaublichen Abgrund gerät. Der Fall Wirecard wird auch für ihn selbst zum nervenzerrüttenden jahrelangen Albtraum, voller Rückschläge, Bedrohungen und auch eigener taktischer Fehler.

Besonders deutlich wird in seinem Buch, wie entscheidend die Ressourcen einer hoch professionellen, international aufgestellten Großredaktion sind. Obwohl McCrum früh richtig lag, wäre er als Einzelkämpfer oder bei einem kleineren Medium wahrscheinlich gescheitert. Zwischenzeitlich geriet der Reporter selbst bei seinem Arbeitgeber fast aufs Abstellgleis.

Erst als die Führung des Weltblatts FT entscheidet, "all in" zu gehen, wird die volle Aufdeckung des Skandals möglich. Die Zeitung übernimmt auch sehr hohe Anwaltskosten und Rechtsrisiken; das Netzwerk der Top-Kollegen, die McCrum unterstützen, reicht von der Halbwelt des Finanzzentrums London über Wien und Dubai bis in asiatische Hinterhöfe.

Hierzulande konnte Wirecard sich noch kurz vor dem Kollaps auf die Unterstützung von Politik und Öffentlichkeit verlassen. Heute herrscht Reue überall, kein Geringerer als Bundeskanzler Olaf Scholz, damals als Finanzminister zuständig, attestiert dem FT-Journalisten auf dem Buchumschlag "große Verdienste für den Finanzplatz".

McCrums Blick auf Deutschland ist denn auch ohne Zorn. Eher freundlich verwundert schaut er auf das Rechtssystem, das so völlig anders ist als das britische. Und auf die äußerst seltsame Trägheit und Schlampigkeit der Wirecard-Ermittlungen, die man gerade von deutschen Behörden nie erwartet hätte.

Womöglich, so spekuliert er an einer Stelle, war es gerade das Klischee vom besonders seriösen Deutschland, das Wirecard so lange gegen alle Zweifel schützte. Hätten ähnliche Vorwürfe einen Aufsteiger aus einem Schwellenland getroffen, hätten Medien und Behörden sich wohl ohne Zögern darauf gestürzt. Zu dem Milliardendebakel wäre es nie gekommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.