60 Prozent Wachstum Wer von dem Fahrradboom profitiert

Zersplittert und mittelständisch geprägt – der Fahrradmarkt hat bislang wenig mit der Konzernwelt zu tun. Das aktuelle Wachstum mit Raketentempo macht ihn aber zum Milliardengeschäft. Hier sind einige der größten Gewinner.
Elektrisch und familientauglich: Auch Fahrräder wie die Pon-Marke Urban Arrow mit Verkaufspreisen um 5000 Euro finden reißenden Absatz

Elektrisch und familientauglich: Auch Fahrräder wie die Pon-Marke Urban Arrow mit Verkaufspreisen um 5000 Euro finden reißenden Absatz

Dass Fahrräder im Trend liegen, kann man nicht mehr sagen. Es ist eher schon ein Quantensprung, den der Markt da hingelegt hat. Laut neuen Zahlen des Branchenverbands ZIV  wuchs der Verkauf neuer Fahrräder im Jahr 2020 um 61 Prozent auf 6,44 Milliarden Euro. Einschließlich Zubehör schätzt der Verband den Umsatz der Radbranche in Deutschland nun auf zehn Milliarden Euro - mehr als doppelt so viel wie vor zwei Jahren.

Den entscheidenden Schub gab Corona, weil sich mehr Menschen im Freien und mit Abstand bewegen wollen - und das Fahrrad eines der noch offenen Konsumventile im Lockdown bietet. Es wurden nicht nur mehr Fahrräder gekauft, sondern vor allem teurere: Der Durchschnittspreis stieg laut ZIV im Jahresvergleich von 929 auf 1279 Euro. Dazu trug vor allem der beschleunigte Erfolg von E-Bikes bei, die nun auf 38,7 Prozent Anteil am Absatz kamen - mehr, als der Verband den Rädern mit Elektromotor noch vor Kurzem in langfristiger Perspektive zugetraut hatte.

Interessant auch, dass die Importe leicht schrumpften. Chinesische Fahrräder spielen schon seit Jahren keine Rolle im per Zoll abgeschotteten europäischen Markt, ganz anders als in den USA. Aber auch die Massenware aus Kambodscha verlor an Marktanteilen gegenüber höherpreisigen, schneller verfügbaren Rädern made in Germany - besonders E-Bikes.

Dank des Booms ist das Fahrrad nun nicht mehr nur als Verkehrsmittel und Sportgerät wichtig, sondern auch ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Allerdings bleibt der Größenvergleich mit der Autoindustrie extrem schief - und der Markt ist weiterhin sehr zersplittert mit vielen meist mittelständischen Anbietern. Da lohnt ein Blick auf die aktuelle Marktposition, auch wenn ein definitives Ranking mangels aktueller Geschäftszahlen nicht möglich ist.

Pon: Der Auto- und Fahrradmogul

Volkswagen und Fahrräder: Der niederländische Fahrzeugmogul Wijnand Pon

Volkswagen und Fahrräder: Der niederländische Fahrzeugmogul Wijnand Pon

Foto: Phil Inglis / Getty Images

Als "Deutschlands führender Fahrradhersteller" bezeichnet sich Derby Cycle aus dem niedersächsischen Cloppenburg. Der Hersteller von Marken wie Kalkhoff, Focus oder Raleigh gehört der Pon Holding des niederländischen Milliardärs Wijnand Pon. Das Unternehmen ist Partner der Leasingtochter von Volkswagen bei deren im Februar verkündeten Einstieg in den Wachstumsmarkt Fahrräder. Die Allianz passt, denn Pon ist nur nebenbei Fahrradriese, das Hauptgeschäft der Holding ist der Autohandel als Importeur des Volkswagen-Konzerns in den Niederlanden.

Das neue Standbein kam erst 2011 mit der Übernahme der niederländischen Traditionsmarke Gazelle hinzu. Aktuelle Zahlen nennt das Familienunternehmen nicht. 2019, als Pon auch die angesagte Elektrolastenradmarke Urban Arrow kaufte, wuchs die Fahrradsparte der Holding um 11 Prozent auf 875 Millionen Euro Umsatz. Den Versuch, den größten heimischen Rivalen Accell zu übernehmen, gab Pon Anfang dieses Jahres auf und stieß die Aktien mit Gewinn ab.

Accell: Der Fahrradkonzern an der Börse

Markensammler: Haibike ist die Mountainbike-Marke von Winora und damit der Accell Groep

Markensammler: Haibike ist die Mountainbike-Marke von Winora und damit der Accell Groep

Foto: Accell Group

Die Accell Groep ist als börsennotierte  Firma eine Ausnahme in der Branche. Auch die Holding aus dem niederländischen Heerenveen hat mehrere deutsche Fahrradmarken wie Winora, Haibike oder Ghost eingesammelt. Für 2020 meldete die Gruppe einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro, ein im Vergleich zum Gesamtmarkt bescheidenes Wachstum um ein Sechstel. Der Anteil der E-Bikes am Geschäft von Accell ist mit 57 Prozent hoch, war das aber zuvor auch schon. An der Spitze der Firma steht mit Ton Anbeek ein Vertriebsprofi, geschult beim Konsumgüterriesen Unilever.

Canyon: Der Angreifer aus dem Rheinland

Angreifer: Gebäude von Canyon Bicycles in Koblenz

Angreifer: Gebäude von Canyon Bicycles in Koblenz

Eher zu den Wachstumsstars zählt die Koblenzer Firma Canyon, die den früheren Pon-Bikes-Chef Armin Landgraf angeheuert hat, als CEO Nachfolger des Gründers Roman Arnold (57). Der ist gerade dabei , die Mehrheit der Anteile an die belgische Holding Groupe Bruxelles Lambert zu verkaufen, die auch bei Konzernen wie Adidas als Großaktionärin wirkt. Mit an Bord als Investor ist auch Tony Fadell (51), einst bei Apple der Vater des iPods. Der bisherige Teilhaber TSG streicht den Lohn für seine Hilfe bei der US-Expansion ein. Im Gegensatz zu den niederländischen Markensammlern hat sich Canyon auf eine einzige Marke fokussiert - und sieht sich als "Wegbereiter des Direktvertriebs" in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2019/20 (bis 30. September) ging es um 37 Prozent aufwärts auf 415 Millionen Euro Umsatz.

Cube: Marktführer bei E-Bikes

Marktführer: Cube gilt als Nummer eins für E-Bikes in Deutschland. Auch diese Aussage stützt sich aber nicht auf vollständige Daten zum Markt.

Marktführer: Cube gilt als Nummer eins für E-Bikes in Deutschland. Auch diese Aussage stützt sich aber nicht auf vollständige Daten zum Markt.

Foto: Ronny Kiaulehn / Cube

Konzentration auf nur eine Marke, sportliches Image, passionierter Gründer, seit Jahren rasantes Wachstum - die Firma Pending aus der oberpfälzischen Gemeinde Waldershof hat viel gemeinsam mit Canyon. Ein wichtiger Unterschied: Marcus Pürner setzt voll auf den Fachhandel. Entsprechend alarmiert zeigte er sich im vergangenen Frühjahr, als die Läden geschlossen waren, bevor sich schlagartig ganz andere Probleme stellten: Alles ausverkauft, leere Lager, knapper Nachschub. Die Erfahrung zog sich quer durch die Branche.

Aktuelle Zahlen, wie stark genau Pending von dem Boom profitierte, liegen nicht vor. Doch das Unternehmen, das laut Bundesanzeiger schon vor zwei Jahren eine halbe Milliarde Euro Umsatz auswies, gilt als Marktführer für E-Bikes und für Mountainbikes mit oder ohne Elektroantrieb in Deutschland. Wenn es nach den Daten der Vergleichsplattform Idealo geht, hat Cube mehr als ein Viertel Marktanteil.

ZEG: Die Macht der Fachhändler

Genossenschaft: Eigenmarken wie Pegasus sind prominent in den Läden zu finden, denen die ZEG gehört

Genossenschaft: Eigenmarken wie Pegasus sind prominent in den Läden zu finden, denen die ZEG gehört

Foto: ZEG

Noch mehr Nähe zu den Fachhändlern haben die Fachhändler selbst, die zugleich auch als Hersteller auftreten und einige Marktmacht haben: Die Zweiradeinkaufsgenossenschaft (ZEG), in der sich 1000 Fahrradhändler zusammengeschlossen haben, kommt mit Eigenmarken wie Pegasus oder Bulls auf inzwischen mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Das sah schon vor Corona die Planung von Vorstandschef Georg Honkomp vor, noch mit einem bescheidenen Wachstum um 10 bis 12 Prozent.

Rose: Der Preisdruck geht weiter

Inflation: Rose Bikes stellt die Fahrradkunden auf 8 bis 12 Prozent höhere Preise ein

Inflation: Rose Bikes stellt die Fahrradkunden auf 8 bis 12 Prozent höhere Preise ein

Foto: ROSE Bikes

Als lokaler Fahrradladen angefangen, aber selbst zu einer Größe im Direktvertrieb mit eigener Fahrradmarke aufgestiegen ist Rose Bikes aus dem westfälischen Bocholt. Im Geschäftsjahr 2019/2020 (bis 31. Oktober) wuchs der Umsatz um mehr als ein Drittel, auf 137 Millionen Euro. Geschäftsführer Thorsten Heckrath-Rose machte am Donnerstag deutlich, wie sich der Nachfrageschub auswirkt: Weil die Lieferanten der Komponenten aus Asien, von denen auch die deutschen Produzenten abhängen, die Preise ihrer knappen Güter erhöhen und zudem die Fracht teurer wird, ändern sich auch die Preisschilder der fertigen Fahrräder: 8 bis 12 Prozent teurer würden die Modelle für die Saison 2021.

KTM: Sieg über KTM

Konkurrenz belebt: KTM-(Fahrrad)-Geschäftsführerin Johanna Urkauf

Konkurrenz belebt: KTM-(Fahrrad)-Geschäftsführerin Johanna Urkauf

Foto: HEIKO MANDL / KTM

Ein besonderes Jahr war 2020 vor allem für die österreichische Firma KTM. Das von der aus Taiwan stammenden Carol Urkauf-Chen sanierte und inzwischen von ihrer Tochter Johanna Urkauf geführte Unternehmen gewann einen Markenrechtsstreit gegen die gleichnamige Motorradfirma. Beide sitzen in der Kleinstadt Mattighofen und sind aus der Insolvenz des Industriekonzerns in den 90er Jahren hervorgegangen. Die Motorrad-KTM tritt seit der Übernahme des Schweinfurter Herstellers Pexco mit Marken wie Husqvarna oder Raymon auch auf dem Fahrradmarkt auf, darf dies aber nun nicht mehr unter dem Namen KTM tun. KTM Fahrrad setzte als Pionier für E-Mountainbikes schon vor Jahren über 200 Millionen Euro um. Der Corona-Effekt setze den positiven Trend der Vorjahre fort, sagte Urkauf dem "Industriemagazin" . "Wir würden gern die Produktion noch mehr steigern, aber es ist zurzeit aufgrund des Materialmangels einfach nicht möglich." Die Lieferzeit für manche wichtigen Teile habe sich auf zwei Jahre verlängert.

Prophete: Turbulenzen auch im Boom

Ähnlich groß ist die Traditionsfirma der Familie Prophete aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück, der auch die Oldenburger Cycle Union (VSF Fahrradmanufaktur, E-Bike Manufaktur, Swype) gehört. Das Unternehmen steckte jedoch mitten in einer Umstrukturierung, als die Corona-Welle kam. Zuvor hatte Cycle Union wegen Problemen in der E-Bike-Entwicklung zwei Verlustjahre hinter sich und brauchte eine Landesbürgschaft, um die Finanzprobleme zu überstehen.

Mifa: Schon wieder Neuanfang

Schon wieder: Die Beschäftigten der Mifa in Sangerhausen (Bild von 2017) haben die dritte Insolvenz in sechs Jahren hinter sich

Schon wieder: Die Beschäftigten der Mifa in Sangerhausen (Bild von 2017) haben die dritte Insolvenz in sechs Jahren hinter sich

Foto: Jan Woitas/ dpa

Dass es selbst im aktuellen Fahrradboom noch Verlierer in der Branche gibt, zeigt die Mifa aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt. Im November musste der einstige DDR-Massenhersteller, der mit Discounterketten und der Leipziger Bikesharing-Firma Nextbike als Großkunden eine Jahresproduktion von 200.000 Fahrrädern angepeilt hatte, Insolvenz anmelden - schon wieder, wie schon 2014 und 2017. Im Februar wurde der abermalige Neustart unter dem Namen Zweirad Union E-Mobility verkündet, mit Investoren aus der Schweiz und Tao Wang, die einen Nürnberger Radvertrieb leitet, als neuer Chefin.

Diamant: Tradition mit neuem Schub

US-Riese: Zu Trek, dessen gleichnamige Kernmarke vor allem für Rennräder bekannt ist, gehört auch die sächsische Marke Diamant

US-Riese: Zu Trek, dessen gleichnamige Kernmarke vor allem für Rennräder bekannt ist, gehört auch die sächsische Marke Diamant

Foto: Dane Cronin / Trek

Mehr als hundert Neueinstellungen gab es hingegen bei einem anderen ostdeutschen Traditionsbetrieb, den aus dem 19. Jahrhundert stammenden Diamant-Fahrradwerken im sächsischen Hartmannsdorf. Die Wachstumspläne für die kommenden Jahre seien binnen Monaten schon erfüllt worden, berichtete Manager Brian Schumann dem Mitteldeutschen Rundfunk. Diamant gehört seit 18 Jahren dem US-Familienkonzern Trek, dessen Umsatz die Milliarden-Dollar-Marke überschritten hat.

Fischer: Die Fahrradmarke der Bahn

Horizontale Integration: Der Bahn-Konzern ist über seine Lkw-Tochter und dessen Autozubehörgeschäft auch groß im Fahrradmarkt

Horizontale Integration: Der Bahn-Konzern ist über seine Lkw-Tochter und dessen Autozubehörgeschäft auch groß im Fahrradmarkt

Foto: Lisa Ducret/ dpa

An einen wirklich großen Konzern ist die Marke Fischer angebunden, allerdings über Umwege: Sie gehört zur MTS-Gruppe aus Rülzheim in Rheinland-Pfalz, die hauptsächlich Autozubehör wie Pflegeprodukte der Marke Nigrin vertreibt. Die Firmenmehrheit gehört dem Logistiker Schenker, der wiederum eine Tochter der Deutschen Bahn ist - immer wieder umstritten, ob der Staatskonzern mit politischem Auftrag für die Schiene nebenher noch Geschäft mit Lastwagen, Flugzeugen und Schiffen machen sollte. Im Corona-Jahr 2020 half Schenker als profitable Sparte, das tiefrote Ergebnis der Bahn etwas aufzuhellen. Wie viel die Fahrräder dazu beitrugen, ist nicht bekannt.

Riese + Müller: Der Wachstumsstar aus Hessen

Unter Strom: Riese + Müller konzentriert sich voll auf Elektrofahrräder

Unter Strom: Riese + Müller konzentriert sich voll auf Elektrofahrräder

Foto: Lars Scheider / Riese & Müller

Ganz eindeutig auf der Gewinnerseite steht Riese + Müller aus Südhessen. Das Unternehmen, das ausschließlich E-Bikes verkauft, hat schon mehrfach seine Kapazitätsgrenzen gesprengt. Im Februar wurde der zweite Erweiterungsbau für die erst 2019 bezogene Zentrale in Mühltal bei Darmstadt verkündet, die Firma baut Personal für Produktion, Entwicklung und Versand auf. Schon vor Corona zeigte Riese + Müller hohe zweistellige Wachstumsraten und kam auf einen Jahresumsatz von 150 Millionen Euro. Jetzt dürften die Hessen weit darüber liegen, betonen aber vor allem ihr Ziel, das nachhaltigste Unternehmen der Branche zu werden.

Vanmoof: Die Fahrradfirma für Techies

Techie: Bei der Elektrofahrradschmiede Vanmoof geben die Designer den Ton an

Techie: Bei der Elektrofahrradschmiede Vanmoof geben die Designer den Ton an

Foto: VanMoof

Freigiebiger mit Wachstumszahlen sind die Niederländer von Vanmoof - ein Beispiel von vielen Newcomern, die das Fahrradgeschäft aufmischen. Die Designer Taco und Ties Carlier haben das analoge Produkt Fahrrad digitalisiert - die Kopplung mit dem Smartphone funktioniert als Schloss. Um ihre E-Bikes haben sie ein ganz neues Geschäftsmodell gebaut, mit Rundum-Sorglos-Paket einschließlich Garantie gegen Diebstahl. Die Zahl der verkauften Fahrräder hat sich 2020 verdreifacht, die Einnahmen der Firma aber nur verdoppelt. Aus Anlass einer Kapitalrunde wurde das Erreichen der 100-Millionen-Dollar-Schwelle gemeldet.

ak
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