America's Cup Segeln am Limit

Ihre Boote sind hochempfindliche Kunstwerke, kosten mehr als hundert Millionen Dollar und schießen mit 80 km/h über die Wellen: Beim America's Cup, der berühmtesten Regatta der Welt, duellieren sich die beiden Milliardäre Larry Ellison und Ernesto Bertarelli. Um Sport geht es schon lange nicht mehr.

San Diego - Es muss ein Widerspruch erklärt werden, der nur vor Ort zu fassen ist. Hier sitzt Russell Coutts, 47, dreifacher America's Cup-Sieger und einer der besten Segler der Welt, und schimpft über "push button-sailing", über das Segeln auf Knopfdruck; und über dieses Boot, das "falsch" sei für den America's Cup. Und draußen, in Sichtweite, dümpelt eben jenes Schiff mit dem Kürzel "BOR 90", ein Dreirumpfboot mit kirchturmhohem Flügelsegel, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Und derselbe Russell Coutts, Chef des BMW Oracle Racing Teams, denkt seit Monaten an nichts anderes, als daran, dieses Schiff schneller und schneller zu machen. Zwei Milliardäre sind Schuld an dem Schlamassel: Oracle-Chef Larry Ellison und Ernesto Bertarelli wollen die berühmteste Segelregatta der Welt gewinnen. Sie haben Yachten in Stellung gebracht, die Segler vor Ehrfurcht hyperventilieren lassen. Sie liefern sich eine juristische Schlammschlacht um die Modalitäten des Duells. Und das Publikum schaut zu, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Faszination über das, was man mit jeweils mehr als hundert Millionen Dollar aufs Wasser setzen kann.

Hier, an diesem Morgen Ende Oktober im Hafen von San Diego, Kalifornien, verdichtet sich der Konflikt auf diesen verflixten Motor, der die Winschen der "BOR 90" antreibt. Er hat so viel Kraft wie etwa 80 "Grinder", jene muskelbepackten Burschen, die auf Rennbooten dafür da sind, die Segel zu setzen, und die sich oftmals so verausgaben, dass sie kotzen müssen. Doch auf der "BOR 90" kommt so etwas nicht mehr vor. Die Grinder bleiben an Land. Eine von Bertarelli durchgedrückte Regeländerung erlaubt motorbetriebene Winschen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, musste Coutts nachziehen, widerwillig: "Das ist, als würden Fußballer Scooter fahren."

"Wenn da ein Kopf im Weg ist, war's das"

Dabei liebt Coutts seinen Trimaran, diese "ultimative Herausforderung". Vor einigen Wochen erst wurde der 625 Quadratmeter große Flügel der "BOR 90" montiert, ein Technikwunder aus Kevlar und kohlefaserverstärktem Kunststoff, überzogen mit einer hauchdünnen "aeronautischen Folie". Mit 57 Metern ist er länger als die Tragfläche eines Airbus A380. Die Designer haben errechnet, dass "The Wing" zweieinhalbmal effizienter ist als ein normales Segel und den Trimaran auf fast dreifache Windgeschwindigkeit beschleunigen kann. Mit bis zu 80 Stundenkilometern schießt das 30 Meter lange und fast ebenso breite Boot über die Wellen, die Wasseroberfläche "küssend", wie es James Spithill, der 30-jährige Steuermann, ausdrückt. Bis zu hundert Tonnen lasten dann auf den Wanten und Stagen, die den Mast halten, Kräfte, die selbst Weltklassesegler zittern lassen.

"Man gewöhnt sich an das Gefühl des Fliegens und an die Geschwindigkeit", sagt Dirk de Ridder, zuständig für den Trimm des Großsegels, "aber an diese Materialbelastungen gewöhnt man sich nie." Geht etwas schief, rasen schon mal Metallbolzen wie Geschosse durch die Luft und bohren sich zentimetertief ins Schiff. "Wenn da ein Kopf im Weg ist, war's das", sagt de Ridder. Anfang November etwa knickte im Training einer der konventionellen Masten des Bootes ab. Wert: geschätzte zehn Millionen Dollar. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

So eine Pleite soll mit dem Flügel nicht passieren. Sensoren in seiner Außenhaut messen den Druck der vorbeisausenden Luft. Zehnmal pro Sekunde registrieren an Bord verteilte Messfühler zudem die Belastungen des Materials, um Schwachstellen zu orten. Eine Auswahl der Daten sollen die Segler künftig gar auf ihre Brillengläser gespiegelt bekommen. Nur so lässt sich das Schiff überhaupt noch sicher steuern. "Normalerweise guckt man sehr viel zum Segel hoch, um sich zu orientieren", sagt Spithill, "mit dem Flügel ist das nicht mehr möglich; wir konzentrieren uns auf die Instrumente, wie ein Pilot." Immer sei bei einem Trimaran die Gefahr des Kenterns - vor allem über den Bug - gegeben. "Wir fahren am absoluten Limit", sagt er.

Austragungsort ist unklar

Das alles findet auch Teamchef Coutts faszinierend. Und doch sieht er den Cup in Gefahr. Auch Bertarellis Alinghi-Team will mit einem kaum weniger beeindruckenden Boot starten, einem Katamaran, breiter als zwei Tennisfelder. Boote diesen Typs jedoch - gleichsam die Quadratur des Segelsports - widersprächen dem Geist der Regatta, glaubt Coutts. "Ich würde lieber einen Cup mit zehn Teams und normalen Yachten sehen", sagt er und spricht damit Sponsoren, Seglern und Fans gleichermaßen aus dem Herzen. Doch Ellison und Bertarelli sind auf Konfrontationskurs. Mit den hochtechnisierten Mehrrumpfbooten haben die Milliardäre schlicht den schnellsten aller Bootstypen gewählt. Von einem Gentlemen's Agreement über eine angemessenere Bootsklasse keine Spur.

Schon fürchten Kritiker das Ende der Traditionsregatta und preisen Alternativen wie die Louis Vuitton Trophy. Mit bislang acht Verfahren haben sich die Top-Juristen der Streithähne bereits überzogen. Andere Teams wurden aus dem Rennen geworfen. Nun geht es um Regattaregeln, Bootslängen und vor allem um den Austragungsort des für die zweite Februarwoche angesetzten Cups.

Verbissen versucht Bertarelli, den Küstenort Ras al-Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) als Schauplatz des Duells durchzudrücken. Dort trainiert sein Alinghi-Team seit Wochen. Die VAE-Regierung soll 120 Millionen Dollar für die notwendige Infrastruktur zugesagt haben. Äußerst peinlich wäre es, nun alles wieder über den Haufen zu werfen. Doch Ellison mag nicht nachgeben. Valencia ist seine Präferenz. Vor der Kulisse der spanischen Stadt wurde der Cup schon 2007 ausgetragen. Die Chancen des Oracle-Chefs, vor dem zuständigen New Yorker Gericht zu triumphieren, stehen gut. Endgültig entschieden ist jedoch noch nichts.

Den Seglern läuft nun die Zeit davon. Bald soll ein Frachtschiff mit dem Hightech-Boot an Bord auslaufen, Ziel noch ungewiss. Könnte der America's Cup also tatsächlich an juristischen Grabenkämpfen scheitern? Den beiden Milliardären geht es wohl längst nicht mehr um den Sport, sondern vor allem ums Prinzip. Coutts jedenfalls ist sich sicher: Wenn sich die Segler der Teams alleine an einen Tisch gesetzt hätten, "wäre der Konflikt längst gelöst".

America's Cup: Die Giganten des Segelsports

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