Edelfahrräder Die Furnier-Cruiser

Marcus Wallmeyer liebt ungewöhnliche Fahrzeugdetails. Für die Polizei in Los Angeles fertigte der findige Designer schon Fahrradlampen mit Blaulicht und Sirene. Nun baut er edel furnierte Fahrräder aus schichtverleimtem Buchenholz. Die Luxusbikes haben noch nicht einmal eine Gangschaltung - sehen dafür aber gut aus.

Freiburg im Breisgau - Marcus Wallmeyer hat keine Scheu vor seltsamen Ideen. Als der Designer bei Opel an seiner Diplomarbeit saß, entschied er sich für ein Science-Fiction-Thema: Ein solarbetriebenes Raumschiff mit futuristischem Komfort und einem Sonnensegel, das schlappe 1000 Kilometer Durchmesser haben und mit halber Lichtgeschwindigkeit ins Sternensystem Alpha Centauri vordringen sollte. Ein kühner Entwurf, der Wallmeyer gleich das Anschlussstipendium für Entertainment Design in Los Angeles sicherte.

Dort arbeitete der passionierte Mountainbiker, der sich schon in Deutschland sein Studium mit dem Bau besonders leistungsfähiger Fahrradlampen finanziert hatte, am Coolness-Faktor der örtlichen Cops. Er stattete Polizeifahrräder mit Spezialleuchten aus, komplett mit abwechselnd flackerndem Blau- und Rotlicht, einer 115 Dezibel starken Sirene und einem Mega-Akku, der praktischerweise in einer Standard-Getränkeflasche steckt. Das Hightech-Gadget gehört noch immer zum Sortiment seiner Firma Supernova.

Obwohl das Hauptgeschäft seiner Firma Fahrradleuchten und diverse Gestaltungsaufträge für die Autoindustrie sind, ist das Produkt, mit dem Wallmeyer auf Messen die meisten Schaulustigen anzieht, ein komplett unbeleuchtetes Gefährt - aus Holz. Etliche Designpreise hat er mit seinem ungewöhnlichen Cruiser schon gewonnen, obwohl für das Rad die Devise gilt: Weniger kostet mehr.

Holz und Hightech

Wer eines der Bikes bestellt, die Wallmeyer unter dem Markennamen Waldmeister  vermarktet, hat wahrscheinlich, allerdings auf finanziell deutlich höherem Niveau, die gleiche Mentalität wie die Käufer der berühmten dreibeinigen Zitruspresse von Philippe Starck: Die Form weist die Funktion resolut in die Schranken. "Meine Kunden sind nicht unbedingt Fahrradfahrer, sondern eher Designliebhaber", meint der 32jährige Wallmeyer.

Der Holzrahmen ist allerdings, das muss man zugeben, von bestechender Schönheit. 98 dünne Schichten aus Rotbuche, nach dem Freischwingerprinzip, das man vom Möbelbau kennt, kalt in Form gepresst, auf Wunsch bedeckt mit edlem Furnier aus FSC-zertifiziertem Palisander- oder Zebranoholz. Das Ganze ist mit vier Schichten Transparentlack überfangen, was dem Konstrukt die leuchtende Tiefe japanischer Lackschalen verleiht. Die Bohrungen für Sattelstange und Tretlager sind von größter Präzision. Es macht Freude, die Details zu betrachten. Eine Verbindung zwischen Sattelrohr und Tretlager erübrigt sich bei der Konstruktion, was die ungewohnte Optik ermöglicht.

"Holz wird unterschätzt", findet Wallmeyer. Sein Cruiser kommt ohne Federung aus. Schließlich ist der gesamte Rahmen als Blattfeder konstruiert, die Stöße fängt die Konstruktion selbst ab. Elf Kilogramm schwer ist der Rahmen, den Wallmeyer mit Hightech-Komponenten aus Carbon kombiniert - auch aus gestalterischen Erwägungen, weil der Werkstoff durch seinen Schichtaufbau ähnlich strukturiert ist wie der Holzrahmen und so ein funktionelles Prinzip in zwei ganz unterschiedlichen Materialien sichtbar wird.

Keine Lampen, keine Gangschaltung

"Grundsätzlich ist das Problem, dass die Leute nicht glauben, dass es hält", erzählt Wallmeyer freimütig. Das aber habe schon sein Prototyp widerlegt - sechs Jahre lang hat er ihn schon in Gebrauch. "Alurahmen können an den Schweißnähten brechen", erläutert Wallmeyer, "Holz ist flexibel und dauerelastisch." Ein Belastungstest bei einem Materialprüfinstitut, der demnächst stattfinden soll, soll seine These untermauern.

Tatsächlich fährt sich der Cruiser angenehm, soweit man das nach ein paar Proberunden auf dem Firmenhof sagen kann - nichts wackelt, auch nicht, wenn man über Auffahrtrampen und Abflussrinnen saust. Ein angenehmes Fahrgefühl, wenn auch nicht wesentlich anders als auf einem konventionellen Fahrrad.

In eine Polizeikontrolle sollte man mit dem Holzrad allerdings besser nicht kommen. Nicht nur Lampen, sondern auch profane Details wie Speichenreflektoren und Ständer sucht man vergebens. Von einer Gangschaltung ganz zu schweigen. "Das war mir alles in der Optik zu viel", erläutert Wallmeyer, "ich wollte das Rad clean halten und vor allem den Rahmen zeigen, ohne zusätzliche Kabel und Elemente."

Ab 10.000 Euro aufwärts

Schließlich seien sogenannte Fixies, wie sie Fahrradkuriere benutzen, der neueste Trend in der Branche - robuste Räder ohne Schaltung und Freilauf. Puristen mit Freude am Risiko fahren sie ganz ohne Bremsen, weil es mit entsprechender Muskelkraft theoretisch reicht, sich in die Pedale zu stemmen, um zum Stillstand zu kommen. Ganz so weit geht Wallmeyer nicht: Bremsen hat das Waldmeister-Bike immerhin, und auch einen Freilauf. Aber es ist ein Single-Speeder - nur auf Anforderung baut Waldmeister einen Bergauf-Gang ein.

Zehn Räder hat Wallmeyer bisher verkauft. Derzeit fertigt er sieben palisanderfurnierte Cruiser für einen Hersteller teurer Firmengeschenke. Ab 10.000 Euro aufwärts kann man sich das Holzrad fertigen lassen. Maximal 25 Räder im Jahr, schätzt Wallmeyer, könne er produzieren - mittlerweile ist als Investor eine Firma eingestiegen, die für Porsche und Mercedes Designmodelle baut und auf ihren Maschinen auch den Rahmen für das Waldmeister-Bike fertigt.

Wallmeyer hat nicht nur die nachwachsenden Rohstoffe, sondern auch die nachwachsende Klientel fest im Blick. Vor kurzem ist der 32 Jahre alte Firmenchef Vater geworden, und sein nächstes Projekt sollen edle hölzerne Laufräder für Kleinkinder sein. Aber bis dahin hat sich der Designer, der schon etliche Radrennen absolviert hat, noch ein sportliches Ziel gesetzt: Nächstes Jahr will er an den Transrockies teilnehmen, einem brutalen Mountainbike-Wettkampf über die Rocky Mountains, bei dem es in sechs Tagen 600 Kilometer und mehr als 12.000 Höhenmeter zu überwinden gilt. Diese Strecke wird er allerdings nicht auf einem Holzrad bestreiten.

Fotostrecke: Das Designer-Bike aus Holz

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.