Infotainment Car-aoke

Ob Beethoven oder Death Metal: Wer die Anlage mal so richtig aufdrehen will, kann das am ungestörtesten im Auto tun. Jetzt entdeckt auch die Musikindustrie das Potenzial und tunt das gute alte Autoradio zur Entertainmentzentrale - Karaoke inklusive.
Von Helmut Merschmann

Hamburg - Bewohner von Innenstadtlagen kennen das Problem: Nirgends lässt sich vernünftig und angemessen laut Musik hören. Dreht man die heimische Dolby-Surround-Anlage einmal richtig auf und bringt den Subwoofer mit Dubsound zum Stöhnen, steht umgehend ein Nachbar auf der Matte und schlägt Alarm. Oder es droht Ungemach aus den eigenen Reihen: den Mitbewohnern ist es zu laut. Da hilft nur die Flucht aus den eigenen vier Wänden auf die eigenen vier Räder. Denn nirgends sonst lässt sich Musik ungestörter hören als im Auto.

"In unserem hektischen Alltag, mit Arbeit, Familie und dem ganzen Drumherum, gibt es kaum noch einen Ort, am dem man ungehindert Musik in guter Qualität hören kann", sagt Ty Roberts, Geschäftsführer der Musikdatenbank Gracenote. Eine Stunde pro Tag verbringt ein durchschnittlicher Autofahrer in seinem Gefährt. Zeit genug für eine Beethoven-Sinfonie oder ein Death-Metal-Album, das man schon immer einmal komplett durchhören wollte.

Das Automobil ist einer der letzten Rückzugsorte des Individuums, ein Teil seiner Privatsphäre. Viele Fahrer legen deswegen Wert auf eine angemessene Ausstattung. Für ein gutes Soundsystem mit Farbdisplay, digitalem Radio, Festplattenspeicher und genügend Lautsprechern hinter der Verblendung sind sie bereit, 2000 bis 3000 Euro zusätzlich auszugeben. Auch technisch hat die zeitgenössische Car-Hifi einiges zu bieten.

Zehntausend Songs fahren mit

Jedes digitale Autoradio kommt heute mit einem Electronic Programm Guide (EPG) daher. Neben Programminformationen werden Verkehrsfunk und Staumeldungen angezeigt. Eine Aufnahmetaste erlaubt es, verpasste Nachrichten, etwa während eines Telefonats, mitzuschneiden und später anzuhören. In Zeiten der Digitalisierung passt endlich auch die eigene Musiksammlung in den Kleinwagen – und zwar komplett. Wo früher ein CD-Wechsler mit höchstens zehn Alben hantierte, stapeln sich heute bis zu zehntausend Songs auf der Festplatte.

Der Trend geht zur Entertainment-Zentrale. "Die Leute mögen keine separaten Geräte mit ins Auto nehmen, sondern wollen einfach reinspringen und etwas Gutes hören", sagt Christoph Grote, Infotainment-Chef bei BMW. Wer jemals beim einhändigen Fahren durch die Playlisten seines iPods gescrollt hat, ahnt wie angenehm und vergleichsweise risikofrei das Klicken am Lenkrad sein muss. Denn in den Limousinen der gehobenen Mittelklasse ist meist eine Lenkrad-Navigation eingebaut, die beim Scrollen durch lange Playlisten den Blick auf die Fahrbahn erlaubt.

Richtig gut von der Hand geht das aber dennoch nicht. Und so tüfteln die Ingenieure an Voice-Control-Systemen: Musik auf Zuruf. Zukünftig wird man dem Bordcomputer seine eigene Gemütslage anvertrauen können. Er sucht dann, je nach Stimmung, etwas Entsprechendes aus der Abteilung "Electro", "Klassik" oder "Folk Rock" aus. Hierfür sind gute Metadaten notwendig, die vom Musiksystem schnell erkannt werden.

Musik zum Mitschmettern

"Musiker sollten sich bei der Formulierung von Songtiteln künftig an den Anforderungen der Voice Control orientieren", fordert Olaf Korte vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen. "Ein Songtitel muss leicht zu merken und auszusprechen sein." Singt man etwa "On a dark desert highway", dürfte die Hifi-Anlage keine Schwierigkeiten haben, den Eagle-Klassiker "Hotel California" zu identifizieren. Bei "C11H17N202SNa" der US-Trash-Metal-Band Anthrax würde das wohl nicht ganz so einfach sein.

Die Vorstellungen der Musikindustrie gehen dabei noch weiter: Per Funkverbindung sollen Plattencover, Künstlerinformationen und Bilder von Musikern herunterzuladen sein. Rollt der Wagen durch eine fremde Stadt, erscheinen im Display automatisch die Tourdaten der Lieblingsbands, die dort gerade Station machen. Die Branche träumt sogar vom Musikdownload während der Fahrt. Dies dürfte jedoch aufgrund von instabilen Mobilfunkverbindungen für absehbare Zeit Zukunftsmusik bleiben.

Dagegen nimmt die musikalische Vollsynchronisation zwischen PC und Auto allmählich Fahrt auf: Per W-Lan in der Garage bleibt das Automobil immer auf dem neuesten Stand. Weil zudem festgestellt wurde, dass Menschen nicht nur unter der Dusche, sondern auch im Auto gerne ein Lied anstimmen, bemüht sich die Industrie um Musik zum Mitsingen: "Car-aoke". Während aus den Lautsprechern ein Hit ertönt, zeigt das Display den Songtext an. Der Fahrer kann aus vollem Hals mitschmettern. Doch leider ist diese Vision nicht ganz einfach umzusetzen: Die Urheberrechte der Songtexte liegen nicht immer bei den Musikern und müssten daher extra gezahlt werden.

"Lyrics gibt es meist nur auf Piraten-Websites oder über russische Dienste", klagt Ty Roberts. Seine Firma Gracenote, von der man Titelinformationen für MP3-Dateien über das Internet erhält, bemüht sich bislang vergebens, die Musikindustrie umzustimmen.

Jahrelang haben besonders Pkw-Hersteller vom Deal zwischen Musik und Automobil profitiert und versucht, mit Werbeträgern wie Eric Clapton und Bon Jovi (beide VW), Christina Aguilera (Mercedes) und Lenny Kravitz (Ford) cool zu erscheinen. Jetzt erhofft sich umgekehrt die marode Musikbranche ein wenig Rückendeckung. "Autohersteller werden die Musikbranche nicht retten", sagt Wilbert Hirsch von der Beratungsfirma Audio Consulting Group, "aber die Chancen für gegenseitigen Profit wachsen."

Fotostrecke: Infotainment im Auto

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