Sonntag, 21. April 2019

Urban Screens Alles ist erleuchtet

2. Teil: Teures Heischen um Aufmerksamkeit

Teures Heischen um Aufmerksamkeit

In Seoul bedecken 4500 Scheiben mit LED-Lampen lückenlos die Hülle eines Kaufhauses. Tagsüber reflektieren sie das Licht, während am Abend die computergesteuerten Lampen wie bei einem Chamäleon ein abwechslungsreiches Farbspiel entfalten.

Ein teures Heischen um Aufmerksamkeit: Um die 5000 Euro pro Quadratmeter betrage der Baupreis für die Pracht von Farben, geometrischen Formen und Icons, erklärt Gernot Tscherteu als Kurator der Ausstellung. Hinzu kommen nicht unerhebliche Energiekosten, die von der Anzahl der LED-Leuchten und von der Auflösung der Riesenbildschirme abhängen.

Kein Wunder, dass Medienfassaden momentan vor allem von der Wirtschaft genutzt werden. Wo die einen ungeahnte Möglichkeiten für Reklame wittern, weil sich Werbespots auf Medienfassaden in rasantem Tempo abwechseln können, sehen Bedenkenträger die Fortsetzung eines Kampfes der Werbeindustrie mit neuen Mitteln. Schließlich feuere diese ja jetzt schon mit wachsender Penetranz ihre Botschaften via Werbeplakate und Leuchttafeln auf potentielle Kunden ab. Befürchtet wird die totale Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes.

Fortsetzung des Werbe-Feuerwerks mit neuen Mitteln

Doch auch die Kunst könnte die Kathedralen des Kapitalismus als Spielflächen nutzen. Gerade bei der Entwicklung von künstlerischen Inhalten für Fassaden sei Deutschland im internationalen Vergleich weit vorn, meint Schürer.

Sogar der hierzulande oft gehörte Vorwurf der Energieverschwendung droht als Gegenargument zu einem breitflächigen Einsatz wegzufallen. Erste Medienfassaden speichern bereits mit Hilfe der Sonneneinstrahlung tagsüber die Energie, die sie dann nachts verbrauchen. "GreenPix" heißt ein solches Leuchtturm-Projekt aus Peking.

Zukunftsmusik ist hingegen noch das Vorhaben "Daisyworld" von Thomas Nicolai. Unter dem Motto "Flowers to the people" will der Künstler Hochhäuser und Türme mit verschiedenfarbigen künstlichen Blumen verzieren, die per Druckluft zum Leben erwachen

und so das Wachstumsverhalten von natürlichen Pflanzen imitieren. Künstliche Blumenfelder überwachsen menschliche Habitate. "So kehrt die Natur zum Menschen zurück und zeigt ihm seinen Platz", erklärt Nicolai die Botschaft hinter seinem Kunstprojekt.

© manager magazin 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung