Sonntag, 21. April 2019

Seilbahnen Kräftemessen am Berg

Futuristische Haltestellen aus Beton, eine Gondelstation aus Glas und Stahl - mit aufwendigem Design und namhaften Architekten versuchen Skigebiete, ihre Seilbahnen als Markenzeichen zu etablieren. Die Tradition des technischen Wettrüstens wird fortgesetzt.

St. Anton - Hydraulisch schließen sich die Türen der Galzig-Gondel im Tiroler Wintersportort St. Anton. Kurz darauf macht sich Unruhe unter den rund 20 Passagieren breit, die aber kurz darauf Bewunderung und Vergnügen weicht. Denn anstatt den direkten Weg in Richtung Bergstation einzuschlagen, nimmt das Gefährt einen Umweg durch die beeindruckenden mechanischen Eingeweide der Talstation.

Dazu bugsieren zwei gigantische Stahlräder die Gondel unmittelbar nach dem Einstieg mehrere Meter in die Höhe, die Fahrgäste gleiten an Zahnrädern, Getriebestangen und Stahltrossen vorbei, die wie ein riesiges Uhrwerk perfekt ineinander greifen. Schließlich wird die Gondel sanft der Zugkraft der Tragseile übergeben. Bei der Bergfahrt bleibt die Station schnell zurück, die wie ein riesiges Schneckenhaus aus Glas und Stahl im Herzen von St. Anton liegt.

Nichts erinnert mehr an das triste Erscheinungsbild der alten Seilbahn auf den Galzig, die in ihren letzten Lebensjahren an ausgeprägter Kapazitätsschwäche litt. Um den Ansturm der Wintersportler auf die besonders schneesicheren Pisten von St. Anton zu bewältigen, wurde im Dezember 2006 eine neue Bahn in Betrieb genommen. Mit dem System der zweiseiligen Umlaufgondel können seitdem bis zu 2200 Personen pro Stunde bergwärts befördert werden.

"Die Konstruktion der großen Heberäder ist eine Weltneuheit und bietet höchsten Komfort. Analog zur Technik wollten wir aber auch die architektonische Gestaltung der Galzig-Bahn auf ein neues Niveau heben", sagt Mario Stedile-Foradori, Vorstand der Arlberger Bergbahnen. "Seit 1937 ist die Galzig-Bahn die zentrale Anlage, das neue Gebäude sollte nun zum Aushängeschild des Skigebiets werden", ergänzt der Manager.

Zermatt schlägt Chamonix

Das architektonische Aufmotzen der Aufstiegshilfen ist der neueste Trend in den alpinen Skirevieren und schreibt eine lange Tradition des seilbahntechnischen Kräftemessens fort. Denn schon immer nutzten vor allem die großen Wintersportorte in den Alpen Superlative beim Bau neuer Seilbahnen, um diese als Statussymbole verwenden zu können. Das erste Wettrüsten dieser Art ist bis heute auch das berühmteste geblieben.

So baute man in der Wiege des europäischen Alpinismus, dem Savoyer Bergsteigerdorf Chamonix, im Jahr 1955 eine Gondel auf die dem Mt. Blanc vorgelagerte Aguille de Midi. Mit der Bergstation auf 3777 Meter Höhe galt die spektakuläre Bahn, die bis heute über zwei Sektionen auf die Felsnadel führt und auch Otto Normalskifahrer die Traumabfahrt durch das Valleé Blanche ermöglicht, lange als höchste Seilbahn auf dem Kontinent.

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