Dieter Rams Der Apple-Inspirator

Er gilt als Großvater des iPhone und hat mit seinen Hifi-Anlagen, Küchenmaschinen und Möbeln den Geschmack ganzer Generationen geprägt. Mit manager-magazin.de sprach Designlegende Dieter Rams über visuelle Umweltverschmutzung, optischen Verschleiß und das ultimative Auto.

mm.de: Herr Rams, Sie sind jetzt 75, aber Ihr Design scheint an Aktualität nichts verloren zu haben. Im Internet werden Sie als eine Art Großvater des iPhone gefeiert und Apple-Chefdesigner Jonathan Ive hat sich erst kürzlich bei Ihnen für Ihre Inspirationen bedankt. Was denken Sie, wenn Sie ein iPod oder ein iPhone sehen?

Rams: Ich betrachte das als Kompliment. Kompliment auch für meine Arbeit. Ich finde es legitim, dass man gewisse Dinge aufgreift, beispielsweise Tasten. Die kann man nicht neu erfinden. Die muss man auch nicht neu erfinden.

mm.de: Hat sich die Designlandschaft Ihrer Ansicht nach in den vergangenen Jahrzehnten denn zum positiven entwickelt?

Rams: Gutes Design gibt es auch heute immer noch viel zu wenig. Es gibt viel Zeitgeistiges, viel Unbrauchbares, vieles was ökologisch keinen Sinn ergibt - überhaupt viel zu viel. Es sollte deutlich weniger geben - dafür aber Besseres.

mm.de: Sehen Sie denn auch Verbesserungen?

Rams: Die Welt ist nicht vernünftiger geworden, sogar im Gegenteil immer unvernünftiger. Diejenigen Unternehmen, die Gestaltung wirklich ernst nehmen, kann man weltweit immer noch an zehn Fingern abzählen.

mm.de: Die da wären?

Rams: Beispielsweise Apple, Olivetti oder in Teilen auch Sony. Aber das Gros der Unternehmen bringt Design in Verruf. Und zwar in einer Weise, dass man sich schämen muss, überhaupt noch zu sagen, dass man Designer ist.

mm.de: Glauben Sie, dass es Zeitalter gibt, die ästhetischer sind als andere?

Rams: Nein, ich denke nicht. Es hat sich aber eine entscheidende Determinante geändert. Früher hat eine Minderheit die ästhetisch dominierenden Merkmale, beispielsweise im Baustil einer Zeit, bestimmt. Heute ist das nicht mehr so. Es gibt aber auch heute noch eine Minderheit, die geschmackssicherer ist als der Durchschnitt der Bevölkerung. Einige große Designer werden meiner Ansicht nach allerdings klar überschätzt.

mm.de: Welche?

Rams: Ich möchte keine Namen nennen.

Visuelle Umweltverschmutzung

mm.de: Ist ein Sinn für Ästhetik Ihrer Ansicht nach denn jedem Menschen angeboren?

Rams: Nein, das muss man lernen. Aber man kann es lernen. Allerdings müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Bei mir selbst hat die Faszination für Design sehr früh angefangen. Über meinen Großvater, der Tischler und Spezialist für Oberflächen war.

mm.de: Sie haben den Begriff der visuellen Umweltverschmutzung geprägt. Was meinen Sie damit?

Rams: Es gibt mehrere Dinge, die ich als visuelle Umweltverschmutzung bezeichnen würde. Dazu zählen beispielsweise Windräder, so wie sie in der Landschaft stehen und diese verunstalten. Oder der Transrapid, der mit den Betonstützen, auf denen er fährt, die Landschaft verschandelt. Das sind Dinge, wie sie von Ingenieuren gemacht wurden. Die müssen nicht so aussehen wie sie aussehen. Sie könnten auch anders gemacht sein. So, dass sie besser in die Landschaft passen.

Ich bin auch überzeugt, dass, wenn man mit guten Designern zusammengearbeitet hätte, keine gelben, blauen oder was weiß ich noch für Säcke auf den Straßen liegen würden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin für Mülltrennung. Aber es gibt andere Möglichkeiten als die Umwelt visuell zu zerstören.

mm.de: Heißt das, man kann Ihrer Ansicht nach alles in eine ästhetische Form bringen?

Rams: Nein. Es gibt Dinge, bei denen ist das völlig unnötig. Das beste Design ist immer noch so wenig Design wie möglich. Es gibt eine Nichtästhetik, die vielleicht besser ist als eine überzogene Ästhetik.

mm.de: Wenn Sie auf Ihre eigene Karriere zurückblicken - haben sich die Anforderungen an Designer und Design geändert?

Rams: Design muss heute eine viel höhere Selbsterklärungsqualität aufweisen als das bei den meisten Produkten der Fall ist. Die Technologie ist da. Viele Geräte könnten sich über ihr Display erklären. Aber sie tun es nicht. Auch die meisten Gebrauchsanweisungen lösen das nicht, sondern haben nur Alibifunktion und kaum einer liest sie.

mm.de: Was würden Sie Unternehmern raten?

Rams: Unternehmer sollten über den Tellerrand hinausblicken. Wir brauchen Persönlichkeiten, die bereit sind Risiken einzugehen, längerfristig denken und nicht alles vom kurzfristigen finanziellen Erfolg abhängig machen. Der Designer allein kann es nicht reißen. Er agiert ja nicht im luftleeren Raum. Design ist nicht Marketing - auch wenn immer mehr Unternehmen es so behandeln. Man muss sich Gestaltung und Technik absolut verschreiben. Beides muss ineinandergreifen.

Mangel an Visionen

mm.de: Edles Design ist meistens ziemlich teuer. Liegt das in der Natur der Sache?

Rams: Nein, gutes Design muss nicht teuer sein. Aber es ist es oft, gerade auf dem Möbelsektor. Gutes Design, gute Dinge sprechen nach wie vor weniger Menschen an. Deswegen wird in niedrigeren Stückzahlen produziert - und das ist teurer. Ausnahme ist Ikea.

mm.de: Tatsächlich. Haben Sie selbst schon einmal ein Möbelstück bei Ikea gekauft?

Rams: Ja, ein kleines Tischchen für meine Mutter. Aber es dauert nicht lange, da musste ich das Ganze wieder entsorgen. Und wir können uns heutzutage einfach nicht leisten, die Dinge alle zwei, drei Jahre wegzuschmeißen. Das ist auch das Problem mit Ikea.

mm.de: Was für ein Auto fahren Sie?

Rams: Für mich gibt es überhaupt nur ein Auto - und das heißt Porsche. Der ist zwar teuer, hat aber einen hohen Wiederverkaufswert. Wenn ich die meisten Autos sehe, sehe ich in erster Linie den optischen Verschleiß. Wirklich unterscheidbare Formen, wie beispielsweise beim Citroën DS, werden heute kaum noch produziert.

mm.de: Glauben Sie denn, dass sich in Zeiten der Globalisierung ländertypische Eigenheiten halten werden? Oder wird nach und nach alles immer ähnlicher?

Rams: Die Geschmäcker fließen meiner Ansicht nach mehr und mehr zusammen, auch wenn sich einzelne landestypische Eigenheiten mancherorts noch halten mögen.

mm.de: Haben Sie ein Stück, was Sie selbst als Meisterstück bezeichnen würden, worauf Sie heute noch besonders stolz sind?

Rams: Früher habe ich immer das genannt, woran ich gerade gearbeitet habe. Aber auch im Rückblick gibt es einige Dinge, die ich immer noch sehr schätze, wie beispielsweise die großen Braun-Wandanlagen (zum Beispiel Steuergerät TS 45, Tonbandgerät TG60, Lautsprecher L450, Anmerkung der Redaktion). Da kann ich mir sogar heute noch die Technik gut anhören.

mm.de: Gibt es etwas, was Sie heute nicht mehr so toll finden?

Rams: Dass man etwas nicht verbessern kann, gibt es selten. Schmerzen verursacht mir aber nichts.

Design-Visionen: Apple versus Dieter Rams

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