Design Radio Ga Ga

Was das Ohr beglückt, soll auch das Auge erfreuen: Auf der IFA zeigen Audio-Spezialisten Radios im Retro-Design. In den "alten" Geräten steckt jedoch jede Menge modernster Technik.

Berlin - Musikfans kommt es zwar in erster Linie auf einen guten Klang an. Doch dem Erlebnis kann es nicht schaden, wenn auch das Auge etwas davon hat. Auf solche Gedanken müssen einige Audio-Hersteller gekommen sein, als sie das Aussehen ihrer neuen Geräte festlegten: Sie steckten die schnöde Technik von Autoradios, Verstärkern oder Radioweckern in schicke Gehäuse, die Anleihen bei Audio-Klassikern nehmen. Retro-Design ist im Audio-Bereich derzeit modern, wie sich auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin (noch bis 6. September) zeigt.

Dort stellt das Car-Hifi-Unternehmen Harmann/Becker sein neues Autoradio "Becker Mexico" vor. Das High-End-Gerät ist eine Neuauflage des gleichnamigen Modells aus den sechziger Jahren. Es bietet Autofahrern allerlei technische Raffinessen: Neben dem Radio-Empfang mit doppeltem RDS-Tuner und der dynamischen Navigation sind das zum Beispiel ein Sprach-Dialog-System, Telefon- und E-Mail-Funktionen, Kartenleser und MP3-Wiedergabe.

"Der größte Clou ist aber die Verbindung dieser Eigenschaften mit dem alten Design", sagt Jörg Menzel von Harmann/Becker. So besitzt das "Becker Mexico", das im September in den Handel kommt, wie das Original eine massive Chromblende mit zwei Drehreglern. Auf dem Display erscheint im Radiomodus ein Skalen-Strich für die Senderposition. Dazwischen gibt es Drucktasten zum Umschalten etwa zwischen Radio- und Navigationsmodus, bei denen beim Betätigen wie früher ein Widerstand zu überwinden ist. Diese Finesse hat allerdings ihren Preis: Das Gerät kostet knapp 1500 Euro.

Mit Chrom und Edelholz verziert

In einer ähnlichen Preisklasse spielt der Hersteller Sansui aus Singapur, der auf der IFA erstmals die Produktreihe "Prestige Audio" vorstellt. Kern der Audio-Anlagen ist jeweils ein Röhrenverstärker im nostalgischen Design. Auch hier gibt es viel Chrom an den Gehäusen, Seitenteile im Edelholz-Look und Drehregler. Der wahre Hingucker sind aber die Röhren, die als schmückendes Designelement offen zu sehen sind. Im Verstärkerbetrieb hat es den Anschein, sie würden leicht vor sich hin glimmen. Davon bekamen Musikfans früher nur nichts mit, da die Bauteile im Gehäuse steckten.

Daneben sind die sichtbaren Verstärkerröhren zugleich ein Hinweis auf die Firmengeschichte, wie Sansui-Manager Clive Chia erklärt: Das Unternehmen habe sich in der Vergangenheit einen Namen als Hersteller von Röhrenverstärkern gemacht.

Einen Markt für die alte Technik sieht Chia heute durchaus. So hätten Röhrenverstärker den Vorteil, dass sie vergleichsweise weiche Klänge erzeugen. Neben dem "Ueno 22" für 1999 US-Dollar (etwa 1560 Euro) mit 2 mal 22 Watt Ausgangsleistung zeigt Sansui auch das Modell "Ueno 50" (umgerechnet etwa 1400 Euro), das mit peppigen Lack-Farben und 50 Watt Ausgangsleistung jüngere Käufer ansprechen soll, sowie das "Suai-1064-AXB" für etwa 390 Euro.

Rock 'n' Roll mit USB

Hinter dieser kryptischen Typbezeichnung verbirgt sich ein Röhrenverstärker mit integrierter iPod-Dockingstation, Fernbedienung und 2 mal 15 Watt Ausgangsleistung. Die in Chrom und Lack-Weiß oder Lack-Schwarz gehaltene Anlage soll auch technisch die Brücke zur Gegenwart schlagen und richtet sich laut Clive Chia an die jüngsten Musikfans. In Deutschland erhältlich ist die Sansui-Produktreihe aber noch nicht. Derzeit bemühe man sich um einen Vertriebspartner.

Dass der Retro-Look auch billiger zu haben ist, zeigt sich auf der IFA am Stand des japanischen Herstellers Teac. Unter dem Motto "Rock 'n' Roll" stellt er eine CD-Radiokombination mit Weckfunktion und USB-Anschluss vor. Das 219 Euro teure Gerät im Design alter Musikboxen gibt es in Rot, Silber, Schwarz, Weiß, Blau und Grün.

Die neuen digitalen Retro-Küchenradios des britischen Unternehmens Dualit gibt es dagegen nur in Créme, Chrom und Schwarz. Das Metallgehäuse unterscheide sie von den meist aus Plastik gefertigten Küchenradios, sagt Firmensprecherin Liz Sheppard. In den 238 Euro teuren Geräten mit DAB- und FM-Tuner steckt ein Acht-Watt-Lautsprecher. Ein Akku und ein Tragbügel machen sie für den Einsatz beim Picknick tauglich. Der Nostalgie-Look dient nicht nur dem Styling, so Sheppard: Er soll auch auf Dualits Geschichte verweisen, die in den vierziger Jahren mit der Produktion von Küchengeräten begann.

Diejenigen, die nach dem Rundgang über die IFA auf den Retro-Geschmack gekommen sind, sollten bevor sie zum Händler gehen und ein neues altes Gerät erstehen, lieber vorher noch einmal auf dem Dachboden schauen. Vielleicht schlummert dort noch ein in Vergessenheit geratenes Original aus der "guten alten Radiozeit", das mit etwas Glück noch funktioniert - und neben dem schönen Aussehen auch einen guten Klang liefert. Auf digitale Technik muss man dann aber wohl verzichten.

Felix Rehwald, dpa