Plattenspieler Die Tellergeister

Musik ist erst dann schön, wenn sie sich gut anfühlt. Während die CD kurz davor steht, durch MP3-Technik abgelöst zu werden, erleben Schallplatten dagegen einen Boom. Einmal mehr muss man feststellen: Totgesagte leben länger. Plattenspieler sind wieder gefragt.

Reutlingen/Stuttgart - Was ist das denn für ein Ding? Wer noch vor ein paar Jahren einen Schallplattenspieler im Wohnzimmer stehen hatte, musste sich solche Fragen oft anhören. Oder er galt von vornherein als hoffnungsloser Nostalgiker. Das hat sich geändert: Die analoge Musikwiedergabe führt zwar noch immer ein Nischendasein, erfreut sich aber deutlich steigender Beliebtheit. Dem entsprechend wird die Auswahl an Plattenspielern wieder größer. Empfehlenswerte Modelle kosten nicht mehr als ein mittelmäßiger CD-Spieler.

"CDs sind geklonte Datenträger, die beliebig oft reproduzierbar sind. Jede Schallplatte ist ein Original, das macht die Faszination aus", sagt Dusan Klimo von der Analogue Audio Association. Der Verein von Förderern der Schallplatte und der zu ihr gehörenden Technik vertritt diese These bereits seit seiner Gründung 1990. Ihr anschließen wollten sich damals allerdings nur wenige Musikfans. Hatte doch die CD gerade ihren Siegeszug angetreten.

Heute ist die CD auf dem besten Weg, vom Musikdatenformat MP3 verdrängt zu werden - die Schallplatte ist dagegen auf einmal wieder gefragt. "Wir erleben eine richtiggehende Renaissance der Schallplattenwiedergabe", sagt Lothar Brandt von Zeitschrift "Audio". Nicht mehr nur die Klang-Spezialisten und DJs, die die schwarzen Scheiben in den Neunzigern am Leben gehalten haben, schalten heute den Plattenspieler ein, sondern auch immer mehr ganz "normale" Hörer.

Nicht teurer als ein CD-Player

Malte Reitzig vom Elektronikmarkt Saturn in Hamburg kann das bestätigen: "Das Interesse an Plattenspielern hat wieder deutlich zugelegt, und auch die Auswahl bei uns hat zugenommen." Hergestellt werden die Geräte zum einen von Hifi-Firmen wie Technics, Sony , Denon oder Pioneer . Daneben haben sich Unternehmen wie Pro-Ject aus Österreich auf Plattenspieler spezialisiert. "Und es gibt die legendäre Marke Thorens wieder", wie Lothar Brandt erläutert.

Wer sich einen Plattenspieler zulegen möchte, muss dafür nicht mehr Geld hinlegen als für einen gängigen CD- oder einen MP3-Player. "Es gibt gute Produkte schon zu Preisen ab 200 bis 300 Euro", sagt Klimo. "Ramsch gibt es im Prinzip überhaupt nicht mehr." Brandt zufolge sind im Bereich deutlich unterhalb von 1000 Euro derzeit acht bis neun Modelle für die Nutzung zu Hause empfehlenswert. Technische Quantensprünge gibt es in dieser Liga laut Reitzig allerdings längst nicht mehr.

Nutzer ohne DJ-Ambitionen sollten sich für ein Modell mit Riemenantrieb entscheiden. Dabei überträgt ein Gummiband die Motor-Drehung auf den Plattenteller. "Das sind heute die Plattenspieler, die man einem Einsteiger empfehlen kann", sagt Brandt. DJs setzen auf den Direktantrieb, bei dem die Achse des Plattentellers zugleich die des Motors ist. Dadurch lässt sich die Platte ohne Verzögerung starten.

Entsprechende Spieler sind deutlich teurer als die riemengetriebenen Modelle für Einsteiger - und zumindest aus Sicht der Spezialisten für zu Hause auch nicht empfehlenswert: "Für eine hochwertige Musikwiedergabe sind die nicht geeignet, das sind grundsolide DJ-Geräte", sagt Klimo. Auch Plattenspieler mit Reibradantrieb, bei denen ein Gummirad an der Innenseite des Plattentellers für die Drehung sorgt, sind nur etwas für Spezialisten. Sie werden kaum noch angeboten.

Kaufberatung: Je weniger technische Funktionen, desto besser

Als Faustregel für den Kauf eines Einsteiger-Modells gilt außerdem: Je weniger technische Funktionen es hat, desto besser. Schließlich geht ein Mehr an Technik bei gleichem Preis zu Lasten des Klangs. "Vor allem in den Siebzigern und Achtzigern gab es viele so genannte Vollautomaten", erklärt Brandt. Bei ihnen bewegte sich der Tonarm auf Knopfdruck automatisch in Richtung Platte - und setzte sich am Ende der Seite von selbst wieder zurück. "Das hat dem Klang nicht immer gut getan."

Ebenfalls nachteilig auf den Klang wirkt sich - ganz egal bei welchem Modell - ein Fehler aus, den nach Brandts Worten viele begehen: "Ein Plattenspieler gehört nicht auf den Verstärker." Dadurch kommt es oft zu einem störenden Brummen. Wer einen Verstärker ohne Phono-Eingang besitzt, sollte sich einen Vor-Vorverstärker zulegen. "Die gibt es für deutlich unter 100 Euro." Sie sorgen dafür, dass die Anlage beim Betrieb des Plattenspielers nicht deutlich lauter gestellt werden muss als beim CD-Player, wie es ansonsten der Fall wäre.

Absolute Spezialisten müssen sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen. Für sie gibt es Luxus-Hersteller wie Transrotor oder Clearaudio. Letzterer stellt zwar auch Geräte für rund 800 Euro her. Dafür kostet das Modell "Statement" stolze 70 000 Euro - den Tonabnehmer noch nicht inbegriffen. "Bei Transrotor geht es sogar noch ein bisschen höher", sagt Brandt. Angesichts solcher Modelle, die auch optisch nur noch entfernt an herkömmliche Plattenspieler erinnern, dürften die Besucher auch heute noch erstaunt fragen: Was ist das denn für ein Ding?

Florian Oertel, dpa

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