Pendeluhren Tickende Skulpturen

Vom ersten Prototypen zur Kleinserie tüftelte er 15 Jahre: Philippe Wurtz baut Pendeluhren - mit diamantbeschichteten Zahnrädern und Druckausgleich im Gehäuse. Die erste Lieferung ging an ein renommiertes Uhrenmuseum.

Egelsbach - Clemens Rieflers Profession war nicht Uhrmacher, sondern Physiker. Und dennoch hat er Uhren gebaut, die Kennern der tickenden Zunft die Augen glänzen lassen. Große Präzisionswerke, die in Sternwarten im Zusammenspiel mit den Himmelskörpern der exakten Zeitbestimmung dienten.

Philippe Wurtz spricht voller Ehrfurcht von dem Vorbild, wenn er die Tradition seiner eigenen Entwürfe beschreibt: "Ich wollte Uhren bauen, die ohne Quarz und Unruh die Ganggenauigkeit der Werke Rieflers erreichen." Der Elsässer hat selbst Physik in Straßburg studiert, später in der Nähe von Frankfurt eine Uhrmacherlehre absolviert.

So entstanden die Modelle "Gramat" und "Brive". Beide sind Pendeluhren, die Gramat eine Standuhr, die Brive für die Wand. Doch mit den wurzelhölzernen Kästen, die noch in den fünfziger Jahren deutsche Wohnzimmer bevölkerten und neben manchem "röhrenden Hirsch" ihren Platz fanden, haben sie wenig gemein. Keine staubigen, knarzenden Truhen, deren Werke jeden Tag geräuschvoll aufgezogen werden müssen.

Wanduhr Brive: Nur alle zwölf Monate aufziehen

Wanduhr Brive: Nur alle zwölf Monate aufziehen

Foto: Philippe Wurtz
Wurtz-Zifferblatt: Teil des Uhrwerkes

Wurtz-Zifferblatt: Teil des Uhrwerkes

Foto: Philippe Wurtz
Drei zentrale Zeiger: Bei Pendeluhren die Ausnahme

Drei zentrale Zeiger: Bei Pendeluhren die Ausnahme

Foto: Philippe Wurtz
Tiefe Einblicke: Der Technik stundenlang zusehen

Tiefe Einblicke: Der Technik stundenlang zusehen

Foto: Philippe Wurtz
Standuhr Gramat: Viel Gold und perfekte Oberflächen

Standuhr Gramat: Viel Gold und perfekte Oberflächen

Foto: Philippe Wurtz
Druckausgleich bei der Gramat: Hebt oder senkt sich die Glaskugel (links im Bild), ändert eine Pumpe den Luftdruck

Druckausgleich bei der Gramat: Hebt oder senkt sich die Glaskugel (links im Bild), ändert eine Pumpe den Luftdruck

Foto: Philippe Wurtz


Zahn um Zahn:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Die Wurtz-Uhren sind Mechanik-Skulpturen. Gestalt gibt ihnen die Technik, das Zifferblatt ist auf einen Ring reduziert, das Gehäuse besteht aus Glas. Und erlaubt damit ungestörten Blick auf das freie Spiel der Zahnräder und Gewichte, dass die Zeiger in Gang hält. "Wenn ich meine Uhren auf Messen zeige, gibt es nicht selten Leute, die zwanzig Minuten und länger davor verweilen, um der Technik bei der Arbeit zuzusehen", erklärt Wurtz. Die Konstruktion freilich ist besonders effektvoll inszeniert, mit ihren aufwändig gearbeiteten und zum Teil vergoldeten Oberflächen.

Sie hat es überdies in sich. Vor allem bei der Gramat treibt der Uhrenbauer den Aufwand auf die Spitze. Das Glasgehäuse ist hermetisch verschlossen, mit einer Glaskugel wird permanent die Luftdichte gemessen und mittels einer kleinen Pumpe im Boden reguliert. "So gelingt es mir, das Uhrwerk von atmosphärischen Einflüssen freizuhalten", erläutert er. Egal ob drückende Schwüle oder Fönlage, ob in einem Andendorf oder am Elbstrand - die Uhr läuft immer gleich.

Und lange. Einmal aufziehen reicht bei der Gramat für viereinhalb Monate Gangdauer. Die Brive muss gar nur einmal im Jahr aufgezogen werden.

Gegen Massenträgheit hilft Diamantbeschichtung

Gegen Massenträgheit hilft Diamantbeschichtung

Andere Feinheiten erschließen sich erst dem Uhrenkenner. Der weiß etwa, dass es kaum Werke dieser Größe mit einem zentralen Sekundenzeiger gibt. Die Massenträgheit erweist sich als Hürde, die Konstrukteure - meist aus Kostengründen - scheuen.

Wurtz nimmt die Hürde, mithilfe modernster Mikrokugellager, reibungsarmer Diamantbeschichtungen und extrem leichter Materiallegierungen. Das Zahnrad hinter dem Sekundenzeiger der Gramat hat einen Durchmesser von vier Zentimetern, wiegt aber gerade mal ein Gramm. All diese Bauteile fertigt Wurtz alleine und in Handarbeit in seiner kleinen Werkstatt im hessischen Egelsbach: "Nur die Gläser für das Gehäuse lasse ich vom Glaser schleifen."

Ihn faszinieren Uhren, die das Geheimnis ihrer Arbeit dem Betrachter mitteilen. Er finde es schade, dass bei immer mehr Geräten eigentlich niemand so genau wisse, wie sie eigentlich funktionieren: "Ein CD-Spieler kommuniziert mit dem Benutzer nur noch über das Display" - eine reizlose Angelegenheit für Wurtz. Bei der Mehrzahl der Uhren sei das genauso. Selbst ein Uhrmacher vermag nur noch Batterie, Deckglas oder Dichtung zu wechseln. In die Miniaturwelt der Quarz-Maschinerie dringt er nicht vor.

Mit dem zweiten Exemplar direkt ins Museum

So plante Wurtz lieber seine Pendeluhren, über Jahre hinweg. Der erste Prototyp, ein Vorläufer der Brive, wurde 1991 fertig. Zum Broterwerb betrieb er ein Fotolabor, das er vor eineinhalb Jahren einmottete. Daneben sparte er sich die Fertigungsanlagen für seine Uhren zusammen.

Inzwischen hat er mit der Fertigung begonnen. Eine Kleinserie von zehn Brive ist in der Vorbereitung, drei Gramat sind fertig, drei weitere verkauft und kurz vor der Fertigstellung. Die erste Gramat hat er für sich gebaut, die zweite kaufte ihm das Musée International d'Horlogerie im Schweizer La Chaux-de-Fonds ab, wo sie im Foyer die Zeit anzeigt.

So hat sich Philippe Wurtz, der auch Mitglied der Uhrenmachergilde "Akademie" ist, mit Ausdauer und technischer Finesse einen Traum erfüllt. Maximal fünf Gramat pro Jahr kann er bauen. Wer jetzt bestellt, muss sich gut ein halbes Jahr gedulden. Und tief in die Tasche greifen: die Brive kostet 25.000 Euro, die Gramat summiert sich auf 43.000. Wohlgemerkt, plus Mehrwertsteuer.

So werden die tickenden Kunstwerke für die meisten ein Traum bleiben. "Präzisionspendeluhren sind Dinge, die niemand benötigt", sagt Wurtz selbst, "sie sind etwas für Liebhaber."

Mehr lesen über