Uhr-Auktionen "Millionäre tarnen sich mit Jeans und Jacke"

Uhren sind einerseits Zeitmesser. Und andererseits Insignien der Macht, kostbare Schmuckstücke oder Sammlerobjekte. Stefan Muser vom Uhren-Auktionshaus Crott spricht im Interview mit manager-magazin.de über die begehrtesten wie teuersten Modelle und Kundentypen.
Von Martin Scheele

mm.de:

Sie führen das bekannteste Auktionshaus für Uhren in Deutschland. Wie läuft derzeit das Geschäft mit der Versteigerung von Uhren?

Muser: Ich kann mich nicht beklagen, die Geschäfte gehen generell bei hochwertigen Antiquitäten sehr gut. Ob es nun alte Meister oder exklusive Uhren sind. Der Kunst- und Uhrenmarkt ist sehr stabil. Und wer derzeit investieren will, für den bietet sich der Uhrenmarkt an. Schließlich schwächeln die Aktienmärkte und die Zinsen bewegen sich nicht gerade in attraktiven Höhen.

mm.de: Das heißt: Ihr Geschäft verläuft überhaupt nicht zyklisch?

Muser: Nicht ganz, die Zyklen sind aber nicht so stark ausgeprägt wie in anderen Branchen. Bei uns gehen die Preise nicht fünfzig Prozent rauf beziehungsweise runter. Und jetzt befinden wir uns gerade in einer Situation, in der ich nur jedem empfehlen kann in den Markt einzusteigen, der ein Faible für schöne Uhren hat, diese sammelt oder als Investment betrachtet. Der gegenwärtige Markt für Armbanduhren ist ein Käufermarkt. Der Einstieg ist auch insofern jetzt sinnvoll, weil ich eine Preissteigerung in den nächsten fünf bis zehn Jahren für realistisch halte.

Mondgesicht: Der "Jahreskalender Ref. 5135" aus dem Genfer Traditionshaus Patek Philippe hat eine Mondphase mit 24-Stunden-Anzeige und Großdatum. Preis ab 22.000 Euro

Mondgesicht: Der "Jahreskalender Ref. 5135" aus dem Genfer Traditionshaus Patek Philippe hat eine Mondphase mit 24-Stunden-Anzeige und Großdatum. Preis ab 22.000 Euro

Anschauungsobjekt: "Gyrotourbillon I" von Jaeger-LeCoultre mit Datum, Sonnenzeit sowie Zeigern für Monat und Gangreserve neben dem Tourbillonkäfig - 245.000 Euro

Anschauungsobjekt: "Gyrotourbillon I" von Jaeger-LeCoultre mit Datum, Sonnenzeit sowie Zeigern für Monat und Gangreserve neben dem Tourbillonkäfig - 245.000 Euro

Sportmodell: Der "Lange Double Split" von A. Lange & Söhne verfügt über eine neue Komplikation, Zwischenzeitmessung von einer sechstel Sekunde bis zu 30 Minuten - 82.500 Euro

Sportmodell: Der "Lange Double Split" von A. Lange & Söhne verfügt über eine neue Komplikation, Zwischenzeitmessung von einer sechstel Sekunde bis zu 30 Minuten - 82.500 Euro

Wirbelwind am Mittag: Bei der "Portugieser Tourbillon Mystère" hat das Schaffhausener Uhrenhaus IWC den Gravitationsausgleich mit Sekunde und Gangreserve bei zwölf Uhr eingebaut - 75.000 Euro

Wirbelwind am Mittag: Bei der "Portugieser Tourbillon Mystère" hat das Schaffhausener Uhrenhaus IWC den Gravitationsausgleich mit Sekunde und Gangreserve bei zwölf Uhr eingebaut - 75.000 Euro

Die teuersten Uhren auf Auktionen

"Einige brauchen den Kick"

Der Adel wirft Uhren auf den Markt


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mm.de: Welche Modelle laufen denn derzeit bei Ihnen am Besten?

Muser: Grundsätzlich ist bei uns in unser 26-jährigen Geschichte des Auktionshauses schon jede Marke über den Tisch gegangen. Auch Swatch wurde bei uns schon gehandelt. Nachdem der Swatch-Markt allerdings zusammengebrochen ist, tendiert dieser Handel bei uns gegen null.

Die am stärksten gewünschten Modelle stammen nach wie vor von Patek Phillippe. Auf den Plätzen folgen Exemplare von Brequet, Vacheron & Constantin, Audemars Piquet und Rolex. Allgemein gesprochen sind natürlich individuell gefertigte Modelle begehrter als Serienproduktionen. Und Uhren aus Platin erzielen höhere Erlöse als Modelle aus Gold. Aber Vorsicht: Gerade der biedere Stahl ist zum Hit geworden. Rolex ist dafür ein Paradebeispiel, bei dem Hersteller gehen auf Auktionen Stahl-Uhren besser als die entsprechenden Goldmodelle. Vom Katalogpreis der Hersteller gesehen, sind Golduhren natürlich teurer als Stahl-Uhren.



mm.de: Die Preise von Weinen unterscheiden sich meist je nach Jahrgang stark. Bei Uhren ist dies, grob gesagt, ähnlich. Welche Uhren aus welchen Zeiten werden stark nachgefragt?

Muser: Nach wie vor sind es die Klassiker im Armbanduhrenbereich, diejenigen, die die zwischen 1930 und 1970 herstellt wurden, also die so genannten Vintage Watches. Diese Exemplare sind zugleich die wertstabilsten.

mm.de: Einige Exemplare erzielen auf Auktionen erstaunlich hohe Preise. Welche sind das?

Muser: Auf Rang eins liegt unangefochten die berühmte Grande Complication Taschenuhr von Henri Graves, die 1933 von Patek Philippe fertiggestellt wurde und im Dezember 1999 für mehr als 17 Millionen Schweizer Franken (11 Millionen Dollar) einen Käufer fand. Die legendäre "Calibre 89", die 1989 zum 150-jährigen Jubiläum von Patek Philippe aufgelegt worden war, konnte im April dieses Jahres ihren eigenen Rekord schlagen und liegt jetzt mit 6,6 Millionen Schweizer Franken auf Platz zwei in der ewigen Rangliste der weltweit teuersten Uhren.

Auch wenn es langweilig klingt: Auf den weiteren Plätzen folgen jeweils Zeitmesser von Patek Phillipe. Weitere Beispiele wären: Die Weltzeituhr von Patek Phillipe aus Platin, Referenznummer 1415, die für 4,5 Millionen Schweizer Franken den Besitzer wechselte. Weltweit gibt es von dieser Uhr nur zwei Exemplare. Die Uhr wurde in den vierziger Jahren hergestellt. Oder ein Modell mit Mondphasenanzeige und Kalenderfunktion von 1935 mit einem Ursprungswert von etwa 3.000 Schweizer Franken hat bei einer Versteigerung vor drei Jahren 1,6 Millionen US-Dollar erzielt. Weltweit gibt es von dieser Uhr nur 570 Exemplare.

Ein anderes Beispiel wäre die Rolex Daytona Paul Newman mit Stop-Uhr-Funktion, benannt nach dem US-Schauspieler, der sie im Autorennen-Film "Winning" von 1969 anhatte und auch noch heute trägt. In der Stahlversion hat die Uhr Kultstatus erreicht. Die Uhr, die seriengefertigt wurde, kostete damals weniger als 1.000 DM (511 Euro) und wird jetzt mit 20.000 bis 25.000 Euro gehandelt. Die Goldversion wird fast zum gleichen Preis wie die Stahl-Uhr gehandelt.

mm.de: Dies sind ja Extrembeispiele, welche Preise erzielen denn Durchschnittsmodelle bei Ihnen?

Muser: Bei unseren zwei Auktionen im Jahr, bei denen zusammen etwa 2000 Uhren den Besitzer wechseln, liegt der Durchschnittswert einer versteigerten Uhr zwischen 5000 bis 7000 Euro. Einfache Modelle von Omega oder Breitling beginnen bei 500 Euro, wertbeständige Modelle sind ab 3000 Euro und seltene Sammlerstücke ab 50.000 Euro zu haben.



mm.de: Wenn zieht es zu Uhr-Auktionen, wer sind ihre Verkäufer und Käufer?

Muser: Konkrete Namen von Prominenten oder wohlhabenden Menschen kann ich Ihnen aus Diskretionsgründen nicht nennen, das ist allgemein im Kunsthandel so üblich. Pro Auktion kommen zu uns 400 bis 500 Menschen, gleichzeitig bietet noch mal die gleiche Anzahl per Telefon oder Brief mit. Unsere Besucher entstammen allen Altersgruppen und praktisch jeder Gesellschaftsschicht. Unser Publikum setzt sich sehr vielfältig zusammen, vom einfachen Rentner bis zum mehrfachen Millionär. 80 Prozent sind Stammkunden, und deutlich mehr Männer als Frauen finden den Weg zu uns. Und wer sich am Anfang noch nicht so mit der Qualität der Uhren oder den Begebenheiten auskennt, bringt oftmals einen Uhrensachverständigen mit.

Was unsere wohlhabenden Kunden angeht, wird es Sie vielleicht überraschen: Die Millionäre geben sich oftmals nicht als Solche zu erkennen, sondern sie tarnen sich mit Jeans und einfacher Baumwolljacke. Das gehört zu dieser gewissen Spielcasionatmosphäre, wo keiner sich zu erkennen geben will.

mm.de: Welche Veränderungen stellen Sie im Verhalten ihrer Klientel in den letzten Jahren fest?

Muser: Egal ob Stammkunde oder nicht: Alle Leute, die zu uns kommen, lassen ein stark gestiegenes Qualitätsbewusstsein erkennen. Die werden immer kritischer. Speziell unsere Stammklientel weiß genau, was sie will und hat eine feste Preisvorstellung im Kopf, vor der sie eigentlich nicht abrückt. Aber nur eigentlich, denn sonst wären ja Auktionen langweilig - bei seltenen, begehrten Stücken lässt der Profi sich vom eigentlichen Weg abbringen und öffnet sein Portemonnaie doch noch mal weiter. Bei unserer letzten Auktion ist so eine Taschenuhr von Lange & Söhne, die wir für 15.000 Euro in den Auktionskatalog gestellt hatten, für 110.000 Euro weggegangen.

mm.de: Welche Tricks wenden denn die Profis an, um an ihr favorisiertes Stück zu kommen?

Muser: Die Kniffe sind mannigfaltig, aber detailliert etwas verraten kann ich Ihnen hier nicht. Oftmals wird das Ganze als Spiel betrachtet, in dem jeder der Gewinner sein möchte. Die Grundregel ist klar: So billig wie möglich, möchte jeder, an die beste Uhr herankommen. Die Interessenten, die per Telefon mitbieten haben natürlich den Vorteil, dass sie vom Gegner nicht erkannt werden und trotzdem noch flexibel in der Auktion agieren können. Andere wiederum brauchen den Kick und kommen lieber persönlich vorbei.



mm.de: Wo bekommen Sie die Uhren her, die Sie versteigern? Welche Geschichten erzählen diese Uhren?

Muser: Da könnte ich ein Buch drüber schreiben. Aber eine aktuelle Anekdote sei hier berichtet: Wir haben gerade eine Taschenuhr von Lange & Söhne hereinbekommen, ein Chronograph mit Originalschatulle und Originalpapieren. Die Uhr stammt aus Anfang des 20. Jahrhundert.

Sie wurde uns aus Südafrika zugeschickt, und zwar von dem Enkel des Mannes, der um die Jahrhundertwende den Culliane-Diamanten, den größten jemals in einer Mine entdeckten Diamanten, gefunden hat. Quasi als Dankeschön erhielt er von der Regierung eben jene Uhr, die wir bei unserer nächsten Auktion im November anbieten. Relativ viele Uhren erhalten wir von Abkömmlingen des deutschen Adelsgeschlechts. Konkrete Namen sind hier aber auch Tabu.

mm.de: Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Uhr tragen Sie am Armgelenk?

Muser: Das ist ganz verschieden, jede Tag eine andere. Das hängt von der Lust ab. Meine Lieblingsmarke ist sicherlich Patek Philippe, aber auch Modelle von Lange & Söhne, die die Aufsteiger der vergangenen Jahre sind. Modelle dieser Marke werden Zukunft haben.

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