MMS-Telefone Mutti soll das Mittagessen fotografieren

Fotogrüße per MMS an Freunde schicken – das soll nun auch via Festnetz funktionieren. Integrierte Digitalkameras und Farbdisplays am Telefon machen es möglich. Doch die ständige visuelle Erreichbarkeit sorgt auch für Diskussionen.
Von Anne Klesse

Hamburg - Siemens Mobile  hat im Vorfeld der Cebit sein erstes Festnetztelefon mit MMS-Funktion vorgestellt. Nun sollen neben SMS auch Fotonachrichten von zu Hause aus ins Festnetz verschickt werden. "In der Kommunikation ändern sich laufend die Beziehungen, Inhalte und Wege", sagte Christiane Funken, Soziologieprofessorin an der TU Berlin, während der Präsentation der Telefone im Hamburger Hotel Le Royal Meridien. Gleichzeitig wachse der Informationsbedarf - sowohl im Geschäftsleben als auch im privaten Bereich. Mit MMS erhalten die Gesprächspartner während ihres Telefonats zusätzliche Bildinformationen.

Die schnurlosen Telefone Gigaset SLX 740 ISDN und das Gigaset SL 740 für den Analoganschluss sollen Bild- und Textnachrichten ins Fest- und Mobilnetz versenden und empfangen können. Die Multimedia-Nachrichten (MMS), die bisher nur von Handy zu Handy verschickt werden konnten, können nun auch per Festnetzanschluss ihren Weg finden.

Auch der französische Telekommunikationskonzern Sagem  kündigte MMS-fähige Festnetztelefone an. "Das wird definitiv kommen", sagte Unternehmenssprecher Marius Dittert gegenüber manager-magazin.de. Allerdings sei nicht in diesem Jahr damit zu rechnen, so Dittert.

Panasonic baut weiterhin auf SMS

Konkurrent Panasonic baut indes den SMS-Bereich weiter aus. Im April bringt das Unternehmen mit dem KX-TCD 560 und KX-TCD 580 zwei Festnetztelefone im Handyformat auf den Markt, mit dem neben E-Mail-Versand und Klingelton-Download auch das Schreiben und Empfangen von SMS möglich sein soll.

Siemens Gigaset SL740

Siemens Gigaset SL740

Foto: Siemens
Panasonic DECT-Telefon KX-TCD580

Panasonic DECT-Telefon KX-TCD580

Foto: Panasonic
Panasonic DECT-Telefon KX-TCD560

Panasonic DECT-Telefon KX-TCD560

Foto: Panasonic




Die neuen Festnetztelefone:
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Siemens will seine MMS-fähigen Gigasets, die ebenfalls SMS verschicken können, bereits Anfang Mai auf den Markt bringen. Mit der eingebauten Kamera im Telefon kann der Nutzer Fotos für so genannte "Picture Clips" oder für den MMS-Versand aufnehmen und im einen Megabyte großen Speicher sichern. Schnappschüsse können mit gesprochenen Botschaften zusätzlich vertont werden. Auf Wunsch kann das Foto des Anrufers auch bei einem Anruf angezeigt werden.

MMS bislang eher unbeliebt

MMS stillt Bedürfnis nach emotionalen Zeichen

Wie die Telefone zum Preis von knapp 230 Euro für das digitale und knapp 170 Euro für das analoge Gerät auf dem Markt ankommen werden, ist jedoch offen. Siemens wie auch die Telefonnetz- und Mobilfunkbetreiber hoffen, dass die Kunden MMS in Zukunft häufiger nutzen als es derzeit der Fall ist. Das MMS-Angebot für Handys wird bislang eher wenig genutzt, wohl auch weil die Fotonachrichten bis zu sechsmal teurer sind als die reine Textversion SMS. Marktführer T-Mobile setzte weltweit von Januar bis Oktober 2003 gerade mal 15 Millionen dieser Fotonachrichten ab. Im gleichen Zeitraum gingen 20 Milliarden SMS über die Netze der Tochter der Deutschen Telekom . Der Boom der SMS wird den Experten zufolge noch ein paar Jahre andauern, ehe die SMS vollständig von der MMS abgelöst werden könnte.



Die drei geladenen Kommunikationsprofis Funken, Joachim R. Höflich und Michael Feldhaus waren sich in der von Siemens veranstalteten Diskussionsrunde in Hamburg jedenfalls einig, dass eine Kommunikationssituation mit Ton und Bild dem menschlichen Bedürfnis nach emotionalen Zeichen näher kommt als Telefonate ohne gleichzeitige visuelle Eindrücke. "Über das Bild entsteht eine höhere Informationsdichte", so Funken. "Körpersprache und Mimik sind wichtige zusätzliche Informationen." Je mehr davon in Gespräche einflössen, desto weniger Missverständnisse entstünden, so die einhellige Meinung.

Besonders wichtig innerhalb jedes Informationsaustausches sei jedoch das Vertrauen, waren sich die Redner einig. Nach der direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht vertrauten Menschen am ehesten dem Telefon, da es, so Funken, als verbindlicher empfunden werde als eine E-Mail. "Die E-Mail ist das ärmste Medium in der Kommunikation." Auch SMS gehören zu dieser Kategorie. In Verbindung mit visuellen Eindrücken durch eingefügte Fotos soll die Textnachricht via Telefon emotionaler werden.

Emotionale Stabilisierung durch MMS

Diskussionsteilnehmer Michael Feldhaus, Kommunikationswissenschaftler von der Universität Oldenburg, sieht die Hauptfunktion von MMS-Telefonen in der gegenseitigen emotionalen Stabilisierung. Es entstehe der Eindruck, ein Informationsaustausch sei persönlicher, wenn man den anderen "vor Augen" habe. "Großeltern oder Freunde glauben, an bestimmten Situationen eher teilzuhaben, wenn man ihnen ein Foto mitschickt", so Feldhaus.

Die Bedienung der überraschend leichten Siemens-Gigasets soll speziell für ältere Menschen zugeschnitten sein. Siemens verzichtete auf die Texterkennungssoftware T9. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass viele mit der Funktion nicht klarkamen", begründet das Unternehmen die Entscheidung. Für die Texteingabe bei MMS, SMS und im Telefonbuch wird daher Eatoni, eine Software, die den mathematisch wahrscheinlich folgenden Buchstaben vorschlägt und dadurch Worte bildet, eingesetzt.

Börse für Ausredenfotos ist in Arbeit

Sollte MMS via Festnetz in Zukunft zur Gewohnheit werden, sieht Joachim R. Höflich, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt, jedoch ein mögliches Problem in der ständigen Erreichbarkeit und gleichzeitigen Beobachtbarkeit. Er nennt es die "Tyrannei des Intimen". "Wir werden plötzlich mit Dingen konfrontiert, die früher im Häuslichen blieben", so Höflich. Das könnten private Situationen sein, an denen man eigentlich gar nicht teilhaben möchte, so der Professor.

Die Situationen, in denen MMS benutzt werden soll, liefert Siemens zum Gerät gleich mit. Fotonachrichten werden an eine Person, die im Stau steht, verschickt, um ihr zu zeigen, was sie auf der Party gerade verpasst oder von einer Mutter an ihre Kinder, um ihnen das Mittagessen schmackhaft zu machen. Auch ein Foto vom verschneiten Auto, das schuld daran ist, warum ein Treffen nicht eingehalten werden kann, kann nach der Vorstellung von Siemens-Marketingmitarbeiter Norbert Strixner per MMS verschickt werden. Die drei Universitäts-Wissenschaftler nennen das "Bedürfnisse schaffen". Vor 20 Jahren sei die Gesellschaft auch ohne mobile MMS-Telefone klargekommen. Heute müsse den Menschen suggeriert werden, dass sie ohne MMS schlechter dran wären.

Neben dem verschneiten Auto will Siemens noch viele weitere "Ausreden-Bilder" archivieren und eine offen zugängliche Datenbank anlegen, die als Beste-Ausreden-Börse genutzt werden kann. Dann kann jeder Kunde seine Bilder anderen zur Verfügung stellen.

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