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Yacht "Aurora": Ein Schiff wie die Rüstung von Iron Man

Foto: Tom van Oossanen, Paolo Petrigna

Luxusyacht "Aurora" Das Schiff, das aussieht wie Iron Man

Ein junger Eigner verlangte nach außergewöhnlichem Styling. Fulvio De Simoni bewies mit der knapp 50 Meter langen "Aurora", wozu ein Architekt fähig ist, wenn der Eigner mitspielt. Rossinavi baute das Design-Spektakel aus Aluminium mit Begeisterung.
Von Friedrich W. Pohl

Nur wenige Yachten schaffen es, in die Medien außerhalb der Branche zu reisen. "Aurora" jedoch legte auch im Lifestyle- und Designmagazin "Wallpaper" und bei CNN Style an. Das ist auch Achille Salvagni zu verdanken. CNN zitierte den Interiordesigner der "Aurora" mit den Worten, dass sich Rossinavi - als einziger Familienbetrieb der Großyachtbranche in Italien - zu ihrem Vorteil von allen anderen unterscheide.

"Von der Schraube bis zum Rumpf reicht hier ein einziger Telefonanruf, um Probleme sofort zu klären." Unter dem hübschen Titel "Ocean Drive", der auf die Straße Miamis mit den zahlreichen Art-déco-Hotels anspielt, schrieb Jonathan Bell in einem Porträt der "Aurora" und ihres Interiordesigners: "Während gefeierte Büros wie Foster + Partners in dieser Branche dilettieren, machen andere Architekturbüros schwimmende Fahrzeuge und Inneneinrichtungen zu ihrer Spezialität." Und tatsächlich werden bei einem ersten Blick auf "Aurora" Erinnerungen an "Ocean Emerald" wach, 41 Meter, die Norman Fosters Büro für eine Yacht der Werft Rodriquez mit dem Baujahr 2006 zeichnete. Ein gewaltiger Bogen schwingt sich beim Ozeansmaragd vom Bug zum Heck: optisch eindrucksvoll und funktional überflüssig.

Mit Bögen kann auch "Aurora" aufwarten; die jedoch stammen vom Zeichenbrett des erfahrenen Yachtdesigners Fulvio De Simoni und entfalten auf den zweiten Blick eine einleuchtende Wirkung. Erkennbar ist jedoch auch bei "Aurora" ein ausgeprägter Stilwille. Den beförderte nicht zuletzt der junge Eigner, ein Schweizer in seinen frühen Dreißigern.

Er wünschte sich Ungewöhnliches, nie Dagewesenes, nur musste es schwimmen, an klassische Sportwagen erinnern, möglichst maskulin wirken, einen fulminant großen Beachclub bieten und nicht zuletzt im Volumen unter 500 Gross Tons bleiben, um den Vorschriften, die für darüber hinaus gehende Schiffe gelten, auszuweichen. "Eigentlich wollte er ein 50 Meter langes Speedboot haben", erzählt De Simoni. Der Speedbootaspekt sollte später dann im Styling zum Ausdruck kommen: ein schräges, abfallendes Dach des Aufbaus, eine flache Linienführung, kein volumentreibendes Oberdeck, kein Sundeck.

Der Eigner und seine Gefährtin lieben die Verbindung von sportlichem Lebensstil und dem Hang zum Abenteuer. Sowohl bei Fulvio De Simoni wie auch bei Achille Salvagni waren die Eigner damit an die richtige Adresse geraten. Nichts machte De Simoni bei "Aurora" mehr Vergnügen, als eingefahrene Rezepte auf den ausdrücklichen Wunsch des Eigners buchstäblich über Bord zu werfen.

Zudem hatte das Paar einen Blick auf "Polaris" geworfen: 48 Meter im Design von Enrico Gobbi, mit Wasserfall und Lounge auf dem Vordeck. Gebaut hat "Polaris" Rossinavi, womit das Quartett aus Eigner, Designer, Innenarchitekt und Werft denn auch komplett war. Auch Rossinavi kam dem Begehr nach dem Extraordinären begeistert entgegen.

Marvels Comic-Helden als Leitidee für die Formensprache

Federico Rossi bezeichnet seine Werft gern als Superyacht-Atelier. Aber er weiß auch, dass junge Eigner eine Marktnische in einer Branche bedeuten, die ihrerseits schon ein deutlich elitär-schmales Segment im Markt der ausgefallen-edlen Möglichkeiten ausmacht. Rossis Kommentar zum Styling der "Aurora" erklärt so einiges an Eigenheiten, die auf den ersten Blick mehr als rätselhaft wirken. "Das Exteriordesign ist ein Ergebnis vieler Einflüsse. Grundlage war der Wunsch des Eigners nach einem großen Achterdeck. Seine Kabine sollte sich auf dem Hauptdeck vorn befinden."

Diese Wünsche sind nicht gerade ungewöhnlich. Es kommt darauf an, wie der Architekt sie umsetzt. "Zunächst hatten wir zwei Kuben." Für eine erste Idee mochte das reichen. "Es ging damit weiter, dass der Eigner einen geraden Steven wollte. Gut, der würde ins maskuline Bild passen, das Fulvio De Simoni im Kopf hatte." Das reichte für eine zweite Idee.

Was noch fehlte, das war der übergreifende Stil, eine Leitlinie für weitere Gedanken, ein Geländer für eine ganze Formensprache. "Da brachte jemand die Comic-Helden von Marvel ins Spiel." Der New Yorker Comicverlag Marvel Entertainment gehört zu den weltgrößten des gezeichneten Superhelden-Genres.

"Und so nahmen wir die Rüstung von Iron Man zum Vorbild für den Bug." Die Comicfigur Iron Man ist das Alter Ego eines fiktiven Multimilliardärs mit einem Exo-Skelett, das ihm überlegene Kampfkraft verleiht. "Da der Eigner aus seiner Kabine trotz des Widebody-Konzepts in Fahrtrichtung das Meer sehen wollte, integrierte De Simoni seitlich hochkantige Fenster, die wie Lufteinlässe aussehen.

Als ich dem Eigner das erste Rendering schickte, kam nur eine kurze Bemerkung zurück: ,Das ist Optimus Prime von den Transformers!'" Die Transformers sind Spielzeug-Actionfiguren, die seit 1984 auf dem Markt sind und mit einer Marvel- Serie promotet wurden. Wir ahnen, womit der Eigner als Kind spielte.

Die Hochkantfenster eröffnen Panoramen. Sie wirken wie Lufteinlässe in einer Sportwagenkarosserie. "Wir stachelten uns gegenseitig an, und das pushte das Design." Federico Rossi greift bei diesen Worten in den Halsausschnitt seines schwarzen T-Shirts. An einer Silberkette hängt ein Anhänger, der dem stählernen Iron-Man-Element im Bug nachempfunden ist. "Davon gibt es nur drei Stück: Einen hat der Eigner, einer gehört meinem Großvater und einer mir."

Der Speisetisch: Eiche mit Blattgold

Federico Rossi prägt die Wirkung der Werft nach außen. Ihre Anfänge reichen bis 1980, als die Brüder Claudio und Paride Rossi als Subunternehmer Rümpfe schweißten. Seit 2007 nimmt Rossinavi direkt Eigneraufträge an. Federico ist Claudios Sohn.

Der "Aurora"-Beachclub war gleich nach der Comic-Inspiration das Zentrum der Planungen. Für die "Aurora"-Gesamtlänge zeigt er deutlich Übergröße, potenziert durch die besondere Raumhöhe und ein aufwendiges Entertainmentsystem mit einer interaktiven LED-Wand am vorderen Ende des Clubs, zu nutzen als Kino, für Videospiele oder gestreamtes Bildmaterial, das eine hochauflösende Kamera in der Bugspitze aufnimmt: Rossi taufte die Kamera "Auroras Waffe". Sie könnte aus einem Marvel-Comic stammen.

Der vertikale Bügel darüber erinnert eher an Organisches, an das Horn auf der Nase des gleichnamigen Tiers. Der Beachclub erforderte mit seinem Bedarf an Höhe eine vollkommen neue Gedankenführung. Seinetwegen musste De Simoni das Achterdeck mit Cockpit und Liegefläche anheben. "Aurora" bekam also ein halbes Deck achtern, eine Novität des Yachtdesigns.

Auch die Anordnung des Layouts gehorcht nicht unbedingt den verbreiteten Standards; der Eigner bestellte gleich zwei Eignersuiten, eine wie üblich vorn auf dem Hauptdeck, die zweite ein Deck höher achtern. Die Suite des Hauptdecks bietet einen Blick voraus durch eine Panoramaverglasung, und die Öffnung des Widebodys mit Streben zum Bug erlaubt den Blick zur See. Die nach vorn gezogenen Bögen erweisen sich also nicht nur als Stilmittel, sondern auch als funktional.

Die Gäste finden zwei Kabinen auf dem Unterdeck hinter der Galley und der Crewmesse und zwei hinter der unteren Eignersuite auf dem Hauptdeck. Salon und interner Speiseplatz fanden den üblichen Ort auf dem Hauptdeck. Den zweiten Speiseplatz mit Sitzplätzen für mindestens zehn Personen ließ der Eigner zwischen dem Salon und dem angehobenen halben Deck des Cockpits mit freier Aussicht zu den Seiten des Rumpfs aufstellen. Der Pool wirbelt darüber auf dem Oberdeck hinter der zweiten Eignersuite.

Auf ein Sundeck verzichtet "Aurora", nicht aber auf ein Extra, das nach langen Überlegungen an prominenter Stelle seinen Platz fand. Der begehbare verglaste und temperaturkontrollierte Weinschrank in der Gästelobby des Hauptdecks fasst 500 Flaschen, ein verlockender und vielversprechender Anblick für Gäste. Ein passwortgeschützter Zugang allein für den Eigner bewahrt den kostbaren Vorrat zwar nicht vor sehnsüchtigen Blicken, jedoch vor allzu fröhlichen Zechern.

Gekalkte Ahornfurniere an den Wänden im Kontrast zu polierten Ebenholzdetails und naturbelassenen Teakböden unter Einzelstücken handgeknüpfter Seidenteppiche strahlen eine gewisse Eigenwilligkeit aus. "'Aurora' spiegelt den sportlichen Lifestyle der Eigner", erklärt Salvagni seine Auswahl. Metallische Bronze und Rundungen aus Carrara- Marmor vermitteln den zeitgenössischen Dreh. Tapeten aus Seidenpapier bekleiden die Gästekabinen und das Foyer beim Weinvorrat auf dem Hauptdeck.

Seit 2002 kümmert sich Salvagni, Jahrgang 1970, neben Residenzen auch und immer mehr um Yachten. Seit 2013 entwirft er Möbel, die sich auch auf "Aurora" finden lassen, Sofas und Sessel im Salon in organischen Formen als Kontrast zum äußeren "Aurora"-Styling.

Auch den Speisetisch ließ Salvagni nach Maß anfertigen, aus Eiche mit Blattgold, das er bürsten ließ. "So entstand der Effekt einer Echsenhaut." Salvagni sorgte auf "Aurora" neben der rustikalen Ausstattung einer Sauna auch für die jüngsten technischen Errungenschaften, darunter eine komplett programmierbare LED-Beleuchtung aller Räume, einen gewölbten TV-Monitor mit 80-Zoll-Diagonale und 4K-Auflösung und eine nahtlos eingelassene Projektionsfläche von 120 Zoll mit LED-Technik.

Das Magazin "Wallpaper" belehrte im "Aurora"-Text seine Leser derart, wie wir es nicht schöner hätten ausdrücken können.

Eine moderne Yacht, so "Wallpaper", entspreche einem stattlichen Landsitz vergangener Jahrhunderte. Und CNN Style zitierte in seinem "Aurora"-Beitrag Federico Rossi mit einem Wort, das in "Boote Exklusiv" grundsätzlich nicht auftaucht: "Luxus heißt für uns, dass die Werft dem Eigner zur Verfügung steht."