Sonntag, 17. November 2019

Wolkenkratzer-Architektur Hoch im Himmel

Wolkenkratzer: Ingenhoven-Projekte
ingenhoven architects

Überall auf der Welt wachsen die Gebäude in die Höhe. Demnächst soll die 1000-Meter-Grenze erreicht werden. Architekt Christoph Ingenhoven, selbst Erbauer von Hochhäusern, sieht im Gespräch mit mmo die Entwicklung kritisch und erklärt, was dem Höhenrausch Grenzen setzt.

mm: Herr Ingenhoven, Sie haben im vergangenen Jahr als erster deutscher Architekt den "Internationalen Hochhauspreis" für einen Wolkenkratzer in Sydney gewonnen. Weltweit entstehen immer mehr Hochhäuser über 600 Meter Höhe. In Saudi Arabien soll nun die 1000 Meter-Marke geknackt werden. Wie hoch kann es eigentlich noch gehen?

Ingenhoven: Grundsätzlich kann es noch höher gehen. Hier arbeiten ja absolut Spezialisten, auch wenn 1000 Meter schon noch mal eine neue Dimension sind. Da muss natürlich alles genauestens geplant und berechnet werden. Auf jeden Fall ist da noch was drin. Technisch gesehen ist die Spitze immer bestimmt noch jeweils um 100 Meter verschiebbar.

mm: Wieviel Freiheit bei der Gestaltung bleibt einem Architekten, denn derartige Hochhäuser müssen sicherlich bestimmte Voraussetzungen erfüllen, die vielleicht einschränkend wirken.

Ingenhoven: Die Form wird natürlich insofern vorgegeben, als dass derart hohe Häuser nach oben immer schmaler zulaufen müssen oder Löcher und ähnliches aufweisen, das liegt einfach am Wind. Niedrigere Hochhäuser kann man stattdessen gerade bauen. Für mich stellt sich einfach die Frage, in wie weit derart hohe Bauten sinnvoll sind. Denn eines ist doch klar, in 600 Metern Höhe möchte niemand mehr wohnen. Und höher natürlich auch nicht. Gebäude solcher Höhe sind vergleichbar mit Kleinstädten, die nun aber vertikal organisiert werden müssen; das ist eine sehr komplexe Aufgabenstellung, für die es keine erprobten Lösungen gibt.

mm: Was begrenzt den Bau in die Höhe?

Ingenhoven: Es sind nicht so sehr die Statik und das Fundament, was man vielleicht glauben könnte. Es gibt ultrafesten Beton und hochfesten Stahl. Limitierend sind eher die Kosten, der Energieverbrauch und das Gewicht.

mm: Das Gewicht?

Ingenhoven: Ja, es ist eine große Herausforderung, für derart hohe Häuser ein Aufzugskonzept zu entwickeln. Allein die Stahlseile, an denen so ein Aufzug hängt, haben ein unglaubliches Gewicht.

mm: Das dürfte sicherlich auch den Energieverbrauch enorm in die Höhe treiben.

Ingenhoven: Natürlich. Man muss sich sowieso die Frage stellen, ob derart hohe Häuser überhaupt Sinn machen. An die Folgekosten scheint niemand zu denken, stattdessen geht es nur ums Prestige: Ganz unter dem Motto: "Ich kann am höchsten". Sinnvoll ist das nicht. Ich empfinde das auch als ordinär.

mm: Brauchen wir also keine Hochhäuser?

Ingenhoven: Doch, natürlich brauchen wir Hochhäuser. Dort, wo auf wenig Fläche viele Menschen arbeiten und wohnen müssen, machen Hochhäuser absolut Sinn und sind unentbehrlich. Der Vorteil einer verantwortungsvollen Verdichtung liegt in den Synergieeffekten aus verkehrlicher Infrastruktur und einem geringeren Energie- und Ressourcenverbrauch . Allerdings sollten die regionalen und kulturellen Lebensbedingungen und auch die geographischen und klimatischen Umweltbedingungen berücksichtigt werden. Eine gigantische Höhe ist da meist nicht zielführend.

mm: Welche Höhe wäre denn sinnvoll?

Ingenhoven: Es kommt darauf an, was das Ziel ist. Vielleicht ist es sinnvoll in einer Stadt Gebäude von 300 Meter Höhe zu bauen. Die kann man gerade in die Höhe bauen und somit die Ressource Fläche voll ausnutzen.

mm: Das kann städtebaulich auch langweilig wirken.

Ingenhoven: Die Häuser lassen sich natürlich schon unterschiedlich gestalten; beeinflussen doch auch klimatische Bedingungen, Blickbeziehungen und städtebauliche Parameter die Form eines Hochhauses Aber bei Gebäudehöhen von 200 bis 300 Metern könnte man zum Beispiel beim Bau auf reine Stahlkonstruktionen verzichten, was schon mal ein wichtiger Beitrag zur Reduzierung des Materialinhärenten Energieverbrauchs wäre.

mm: Was sind die besonderen Herausforderungen an Architekten, derartige Gebäude zu bauen?

Ingenhoven: Wir versuchen ökologisch sinnvolle Gebäude zu bauen. Das heißt unter anderem eben den Materialverbrauch und den Energieverbrauch zu reduzieren sowie für ein gutes Klima im Gebäude zu sorgen. Dann sind da Themen, wie man mit recycelbaren Materialien arbeiten kann. Sehr wichtige Punkte sind Flexibilität und Reversibilität.

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