Körpersprache Die Macht des Merkel-Dachs

Körpersprache wird unterschätzt - und kann doch großen Eindruck hinterlassen, findet der Trainer Michael Moesslang. Ein Gespräch über die Herausforderung von Präsentationen und Angela Merkels Köpersprache.
Von Arne Gottschalck
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Körpersprache, vom Fotografen gebannt

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Körpersprache, vom Fotografen gebannt

Foto: DPA

mm: Brust raus, Blick frei gerade aus, hieß es beim Militär. Ist da was dran?

Moesslang: Militärisch-steif ist sicher nicht das Optimum, lasch-coole Haltung ebenfalls nicht. Aufrecht stehen ja, aber nicht stramm wie ein Soldat. Die Haltung ist das erste, was wir bei einem Menschen wahrnehmen. Sie sagt uns, wie selbstsicher oder unsicher jemand ist, und damit, ob er vertrauenswürdig, überzeugt, überzeugend oder womöglich gefährlich oder eben unbedeutend und harmlos ist.

mm: Wie sehr sind sich Menschen der Bedeutung der Körpersprache bewusst?

Moesslang: Das ist ja die Krux an der Sache: Wir sprechen mit dem Körper meist völlig unbewusst und unbedarft. Er verrät dabei viel mehr über uns, als uns oft lieb ist.

Wir nehmen Körpersprache auch ebenso unbewusst wahr. Uns entgeht dabei nichts. Nur achten wir bewusst zu wenig darauf und ignorieren wichtige Signale, beispielsweise, wenn diese der verbalen Aussage widersprechen. Sprache und Worte sind sehr jung und erfordern unsere volle Konzentration. Daher achten wir mehr auf die Worte und Inhalte.

Deshalb ist es nicht nur spannend, sich mit Körpersprache aktiv zu beschäftigen, es verbessert jede Form der Kommunikation immens. Wir verstehen Menschen besser und entdecken versteckte Botschaften. Und wir selbst werden besser verstanden und überzeugen leichter.

mm: Was bedeuten eigentlich Angela Merkels aneinander gelegten Fingerspitzen?

Moesslang: Normalerweise ist dieses, wie ich es nenne, "Merkel'sche Dach" ein Zeichen von Konzentration, manche behaupten sogar von Souveränität und Dominanz, was ich nicht so sehe. An sich ist es sehr unangenehm für den Gesprächspartner. Schließlich sieht er sich ausgestreckten Fingern gegenüber, die ihn noch dazu - wie eine Art Schneepflug - beiseite räumen wollen.

Bei Frau Merkel ist es längst zum Markenzeichen geworden. Sie selbst begründet es übrigens damit, dass sie nicht wusste, wohin mit den Händen. Und mit einer Liebe zur Symmetrie.

mm: Was empfehlen Sie, wohin mit den Händen?

Moesslang: Ganz einfach: Machen Sie Gestik, lassen Sie die Hände sprechen.

Keine Scheu vor großen Gesten

mm: Gibt es eine "deutsche Scheu" vor ausgeprägter Körpersprache - siehe Südeuropa?

Moesslang: Tatsächlich gibt es Menschen - nicht nur in Deutschland -, die meinen, es gäbe ein Zuviel an Gestik. Es gibt kein Zuviel. Hektische Bewegungen dagegen wirken unangenehm. Meine Empfehlung ist, stets große und ruhige Gesten zu machen. Das wirkt souverän und verleiht dem Gesagten Nachdruck.

Eher erlebe ich übrigens eine Scheu der Deutschen, diesbezüglich an sich zu arbeiten, weil sie irrtümlich meinen, das würde die Authentizität kosten. Körpersprache und rhetorische Fähigkeiten sind jedoch so wichtig und komplex, dass nur kontinuierliches An-sich-arbeiten und -üben hilft. Vergleichen Sie das Auftreten von Managern, denen gerne zugehört und gefolgt wird und denen man vertraut, mit Managern, die durch andere Methoden ihre Position halten, aber alles andere als beliebt sind.

mm: Wo liegen eigentlich die Unterschiede zwischen Körpersprache und Gestik?

Moesslang: Gestik ist ein Teil der Körpersprache. So wie die Haltung, Mimik aber auch das Erscheinungsbild - wir drücken durch unsere Kleidung ebenso unseren Status aus wie durch Körpersprache. Auch der Geruch spielt eine Rolle - denken Sie an Angstschweiß. Viele zählen sogar die Stimme zur Körpersprache, weil sie durch den Körper und seine Haltung und Bewegung beeinflusst wird. Sprechen Sie einmal den gleichen Satz mit verschränkten Armen und mit offener, aktiver Gestik. Er klingt ganz anders.

mm: Wenn Sie telefonieren - können Sie die Körpersprache des Gegenübers erahnen?

Moesslang: Ja, das liegt genau am Einfluss der Körpersprache auf die Stimme. Wenn Sie sich hinsetzen mit hängenden Schultern, eingesunken, werden Sie eine melancholische oder depressive Stimme haben. Ein ganz anderer Klang entsteht, wenn sie aufrecht stehen, lächeln und offen gestikulieren. Ich selbst stehe auf und bewege mich viel.

mm: Es ist oft zu sehen, bei der Präsentation klappt es mit der Körpersprache wunderbar, doch kaum lässt die Anspannung nach, schwindet sie. Wie vermeidet man diesen Effekt?

Moesslang: Ich erlebe genau das Gegenteil. Denn bei der Präsentation empfinden viele Lampenfieber. Das sorgt dafür, dass sie eine Schutzhaltung einnehmen. Sich also klein machen, die Arme eher anlegen und allerhöchstens mit den Fingern oder Händen etwas gestikulieren. Kaum ist die Präsentation vorbei, wird wieder normal gesprochen. Schon kommt wieder die natürliche Gestik zutage. Die Arme bewegen sich frei, der Redner lächelt wieder mehr und ein nervöses Tippeln verschwindet auch.

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