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Luxusuhren: Kling, Glöckchen, klingelingeling

Foto: Audemars Piguet

Minutenrepetitionen Der feine Klang der Zeit

Feingeistern unter Uhren-Connaisseuren gelten sie als das Nonplusultra: Minutenrepetitionen. Sie bannen die Mechanik einer Kirchturmuhr samt Geläut in eine Armbanduhr von etwa vier Zentimetern Durchmesser. mmo-Autorin Michèlle Mussler über die Raffinessen der kostbaren Mini-Klangkörper.
Von Michelle Mussler

Hamburg - Uhrenjunkies suchen stets nach einem Extra-Kick. Für die einen sind es Ewige Kalender, für andere ausgeklügelte Chronographen. Besonders Anspruchsvolle schätzen Tourbillons oder Grande Complications, in denen sich mindestens fünf komplexe Mechanismen ein Stelldichein geben. Alle haben eines gemein: Sie ziehen die Blicke aufs Handgelenk.

Andere Uhren-Connaisseure bevorzugen das Understatement. Am liebsten mit einem Puristen, der trotzdem einen Wow-Effekt auslöst. Eine technische Rarität, die selbst Uhrmachervirtuosen an ihre Grenzen bringt. Vor allem: die noch nicht als Trend ausgeschlachtet ist. Dieses reizvolle Objekt heißt Minutenrepetition.

Diese Komplikation zählen zu den größten Herausforderungen. Uhren mit Minutenrepetition sind nicht nur klassische Zeitmesser, sondern zugleich Klangkörper, welche die Uhrzeit in Musik verwandeln. Ihr komplexes Talent, ein Schlagwerk, das mit kleinen Hämmerchen Tonfedern läutet, verbergen sie geschickt unterm Zifferblatt.

Einzig ein Drücker oder Schieber an der Gehäuseseite gilt als dezentes Erkennungsmerkmal bei Repetieruhren. Nur wahre Kenner bemerken diese Diskretion. Und sie verrät ihnen, dass der tickende Begleiter etwa dem Wert einer Luxuslimousine oder Eigentumswohnung entspricht.

Es begann mit einem Streit zwischen Pfarrer und Uhrmacher

Primär jedoch dient der Schieber dazu, dass der Träger damit eine Zugfeder spannt und wie ein Dirigent ein Konzert auslöst: In tiefen Gongtönen läutet die Anzahl der Stunden, dann ein hoch-tiefer Doppelton der angefangenen Viertelstunden, danach ein hoher Gong die Minuten. Wie man die Gongschläge zur Uhrzeit addiert, zeigen einige Manufakturen, darunter Patek Philippe und Audemars Piguet auf ihren Websites in interaktiven Hörproben.

Sowieso scheinen diese Miniatur-Glockenspiele die Fantasien zu stimulieren. Es begann mit einem erbitterten Streit zwischen einem britischen Pfarrer und Uhrmacher. Beide reichten 1687 das Patent der Viertelstundenrepetition ein. Der englische König Jakob II versuchte erfolglos zu schlichten und entschied sich für den Uhrmacher Daniel Quare. Ähnlich bei der Minutenrepetition, die um 1750 erfunden wurde. Experten diskutieren bis heute, ob man sie für erblindete Kriegsveteranen erfand oder um die Uhrzeit in der Dunkelheit zu erfahren.

Einig ist man sich über das Komplizierteste bei Repetitionen: Die Übertragung der Uhrzeit an den Schlagwerks-Mechanismus und das exakte Auslösen der Schlaganzahl. Um das nur für die Stunden zu erreichen ist ein Rechenschlagwerk nötig, das aus etwa zwei Dutzend winzigen Einzelteilen besteht. Hinzu kommt der Repetier-Mechanismus für die Viertelstunden und Minuten inklusive eines zweiten Hämmerchens und Gongstabes.

Damit die Kraft der Zugfeder ausreicht und auch die letzte Minute erklingt, besitzen besonders ausgeklügelte Konstruktionen eine Alles-oder-Nichts-Schaltung. Damit nicht genug: Einige Repetieruhren verfügen über drei Tonfedern. Ihre Bezeichnung Carillon stammt aus dem Französischen für Glockenspiel. Sie werden von Westminster Uhren geschlagen - vier Gongstäbe imitieren hier die Big Bang Melodie.

Wettlauf der Rekorde und Extravaganzen

Die bisher komplexeste Repetieruhr schuf Jaeger-LeCoultre mit der Hybris Mechanica à Grande Sonnerie, die zur vollen Stunde zusätzlich vier Mal läutet. Wem all das zu technisch klingt, der stelle sich stark vereinfacht vor, die Mechanik einer Kirchturmuhr samt Geläut in eine Armbanduhr von etwa vier Zentimeter Durchmesser zu bannen.

Umso beachtlicher ist das Wettrennen, das aktuell bei Top-Manufakturen entbrannt ist. Auf der Luxusuhrenmesse SIHH im Januar ging Piaget, der als Tuning-Experte für ultraflache Kaliber bekannt ist, mit der Emperador Coussin Minutenrepetition an den Start.

Mit der Uhrwerkhöhe von 4,8 mm und nur einem 9,4 mm dicken Gehäuse stellt sie einen Doppelrekord auf: die weltweit flachste Minutenrepetition mit Automatikwerk - dünner als zwei 50-Eurocent-Münzen, trotz der 407 Einzelteile. Damit die Virtuosen diesen Weltrekord erreichen, setzten sie einen versenkten Mikrorotor aus massivem Platin ein.

Zwar nicht so extrem verschlankt, dafür eine beachtliche Pole-Position nimmt Audemars Piguet ein. Wie der Name ihres neuen Boliden Tradition Tourbillon Chronograph Minute Repeater verrät, bietet sie eine multifunktionale Zusatzausstattung. Auf dem 7,65 mm hohen Handaufzugskaliber sind immerhin 504 Einzelteile in einer 47 mm großen Karosserie verbaut.

Die Legende vom Pferdeurin als Klangverbesserer

Sein Retrodesign ist an einen alten Rekordhalter angelehnt: Schon 1924 konstruierte und fertigte die Manufaktur ein Minutenrepetitions-Kaliber von nur 3,05 mm Höhe für eine Taschenuhr. Bis heute weltweit das flachste Uhrwerk dieser Art. Die Olympioniken aus Le Brassus schufen auch 1892 die erste Armbanduhr mit Minutenrepetition.

Nimmermüde lancierten sie prompt diesen September ein weiteres, musikalisches Meisterwerk: Die Millenary Minutenrepetition garantiert sogar zehn Tage Gangreserve, was sie dank ihrer ausgeklügelten hauseigenen Hemmung erreicht.

Für Innovationen ist Audemars Piguet berühmt. So tuschelt man in der Manufaktur, ihre Altmeister hätten einst mit einem Trick den Klang der Gongstäbe verbessert: Der heiß geschmiedete Stahl wurde zum Ablöschen und Härten in Pferdeurin getaucht. Diese Legende ließ die Perfektionisten bis vor einigen Jahren nicht in Ruhe und sie testeten es nachträglich. Das Resultat: sie bleiben dabei in Öl abzulöschen.

Mit Innovationen und einem ebenso umfangreichen, neuen Tonrepertoire trumpft Jaeger-LeCoultre auf. Zum diesjährigen 80. Jubiläum ihrer Ikone, der Reverso, trauen sich die Meister sogar, eine Minutenrepetition in ein rechteckiges Gehäuse zu integrieren.

Himmlisches Geläut am Handgelenk

Obwohl diese Form das Klangvolumen beeinträchtigt, überrascht die Lautstärke und Qualität der Reverso Répétition Minutes à Rideau. Raffiniert erreichen die Profis das durch eine Speziallegierung der Tonfedern. Was sich aber bisher keiner in der Uhrmacherei traute, ist die Verbindung der Gongstäbe über eine Metallfolie mit dem Uhrenglas. Und prompt dient das Glas auch als optimaler Tonverstärker.

Ebenso große Ehrfurcht lösen stets die Minutenrepetitionen von Patek Philippe aus. Diesen Mai hat sich jedoch die Vollblut-Manufaktur mit einem himmlischen Geläut selbst übertroffen. Ihre komplexeste Armbanduhr, das legendäre Sky Moon Tourbillon wurde neu kreiert, wo zwölf Komplikationen in einem nur 42,8 mm großen Gehäuse arbeiten: Ewiger Kalender mit retrogradem Datum, ein Tourbillon, Sternzeit- und Mondphasenanzeige, die Darstellung des Nachthimmels mit Sternenverlauf, Winkelbewegungen des Mondes sowie Schaltjahrzyklus, Wochentag- und Monatsanzeige.

Ein ganzes Universum, das auch mit einer Minutenrepetition durch zwei Kathedralen-Tonfedern bereichert ist. Dank ihrer fast doppelten Länge zu herkömmlichen Tonfedern, klingen sie nahezu so voluminös wie Kirchturmglocken. Für den Klingelbeutel sollten Sammler allerdings eine knappe Million Euro parat haben.

Figurenspiele auf dem Zifferblatt

Mit einem Opern-Spektakel verblüfft Ulysse Nardin. Im Frühjahr stellte die kleine unabhängige Manufaktur ihre Carneval of Venice Minute Repeater vor. Sie führt nicht nur ein Konzert auf, sondern bietet auch Jaquemart-Darstellern eine Bühne: Die zwei Figürchen auf dem Zifferblatt lüften im Takt der Repetition ihre Masken.

Jaquemart-Schauspiele wurden schon im 17. Jahrhundert für Kirchturmuhren erfunden, wo Figuren mit Hämmern auf die Glocken schlagen. Ulysse Nardin perfektionierte es für Armbanduhren und gilt seither als unerreichter Meister dieser Kunstfertigkeit.

Ein weiterer Rekord macht seit diesem September von sich reden. Die Patrimony Contemporaine Ultra-Thin Calibre 1731 ist zum einen mit 8,09 mm Gesamthöhe die aktuell flachste Minutenrepetition. Zum anderen gilt das Handaufzugskaliber mit nur 3,9 Millimetern Höhe momentan als das dünnste Minutenrepetitionsuhrwerk auf dem Markt.

Um das zu erreichen, tüftelte man bei Vacheron Constantin vier Jahre an der Konstruktion, in der erstmals die Tonfedern übereinander statt nebeneinander angeordnet sind. Allerdings haben ihre cleveren Ahnen sie schon 1955 mit einem um 0,02 mm dünneren Repetierkaliber unterboten. Dafür hat der neue Handaufzug mehr Kompetenz an Bord: Eine separate Sekunde und üppige 65 Stunden Gangreserve dank einer extra langen Aufzugsfeder.

Der Präsident lauscht persönlich jeder Uhr

Solche Mikroorganismen zu kreieren gilt schon als extravagante Disziplin. Ihnen aber noch eine musikalische Komposition einzuhauchen ist die andere große Herausforderung. Nur sehr wenige beherrschen es, die empfindlichen Tonfedern zu fertigen. Erst nach etwa 15-jähriger Uhrmacher-Erfahrung werden sie in die Eliteklasse der Repetitionen aufgenommen, um dort etwa weitere zwei Jahre von einem Schlagwerksspezialisten ausgebildet zu werden. Wie einen Konzertflügel stimmen sie die Uhr, was alleine bis zu sechs Monate dauert.

Bei Patek Philippe treibt man es sogar soweit, dass der Präsident persönlich, Thierry Stern, jede Repetition einem Hörtest unterzieht und dies für die Archive protokolliert wird. Als ein weiterer Großmeister unter ihnen zählt der Zulieferer und die Innovationsschmiede AP Renaud & Papi.In einem schallisolierten Atelier entstehen hier von Hand die runden Gongstäbe, die bis zu zwei Millimeter dick sind. Und zwar aus einem Stück, worauf Freaks großen Wert legen.

Für sie klingt der Sound erst vollendet, wenn die Tonfeder und das Klötzchen, welches man an das Gehäuse schraubt, im Ganzen geschmiedet und nicht wie meist zusammengelötet sind. Piaget und Audemars Piguet haben damit ihre Neuheiten ausgestattet. Wobei ein ungeschultes Ohr niemals den Unterschied bemerken würde. Doch mit diesem Detailwissen kann man ideal als Bescheidwisser trumpfen.

Bei Minutenrepetitionen liegt die melodische Schönheit einzig im Ohr des Zuhörers. Individueller Geschmack entscheidet, ob sie so geschmeidig wie Beethovens Mondschein-Sonate läutet oder wie harter, schneller Technobeat. Ebenso ob die Repetiertöne rund, satt und tief klingen oder eher klar und scharf mit hohen Frequenzen.

Sound-Check mit Papier und Zigarrenschachtel

Kenner bewerten die Qualität durch gleichmäßige Taktabstände, wobei sich die Töne nicht überlagern sollten. Scheppert die Repetition wie eine Keksdose aus Blech, liegt es oft daran, wie fest der Gongstab am Gehäuse angeschraubt ist. Raffinesse im Detail herrscht auch, wenn gleichmäßige Lautstärke und keine Störgeräusche existieren, wie das Knattern oder Surren des Rechen-Mechanismus.

Hierbei hilft ein fliegender Geschwindigkeitsregler, den Perfektionisten wie Jaeger-LeCoultre, Patek Philippe, Piaget und Vacheron Constantin verbauen. Er sorgt nicht nur für harmonischen Rhythmus, sondern reduziert vor allem die Nebengeräusche.

Für die Resonanz gelten Stahl und Titan als perfekte Gehäusematerialien, gefolgt von Gold und Platin. Einige Exemplare erreichen immerhin 64 Dezibel, was fast einer durchschnittlichen Gesprächslautstärke mit 65 Dezibel entspricht.

Einigen Connaisseuren ist das nicht genug: Sie verwenden beim Sound-Check ein Blatt Papier als Verstärker, das sie unter die Uhr halten. Vereinzelte Manufakturen bieten auch Holzkonstruktionen in Form einer Mini-Trompete an. Die charmanteste Subwoofer-Lösung haben Uhrmacher in ihren Ateliers parat: Banale Zigarrenschachteln aus Zedernholz. Und privat nutzen sie häufig den Klang einer Minutenrepetition als Klingelton für ihr Handy.

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