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Konzeptuhren: 30 total verrückte Zeitmesser für reiche Technik-Freaks

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Talking Pieces Total verrückte Uhren für reiche Technik-Freaks

Uhren als Pokerspiel, Stealthbomber, im Cyborg- oder Heizungsventil-Design, angetrieben durch Turbinen, Blasebalg oder Keilriemen, statt Zeiger Würfel oder Flüssigkeiten: Wer solche Zeitmesser erfindet, muss verrückt sein. Die Freak-Show von 30 Luxusuhren, die anders gehen.
Von Michelle Mussler

Hamburg - Die Grenzen sind fließend. Für die einen sind sie ein Geniestreich, für andere Firlefanz. Insider sprechen von Konzeptuhren oder Talking Pieces. Gemeint sind Ausnahmeobjekte, die das Zeitmessen und -ablesen neu erfinden oder mit Design, Material und Gimmicks aus der Reihe tanzen. Nur wenige Uhrennerds können sie sich leisten, kaum einer kapiert auf Anhieb die Technik, doch jeder will mitreden. Die Stückzahlen sind nur in homöopathischer Dosis realisierbar, Hauptsache auffallen um jeden Preis - bis 1.2 Millionen Euro kostet so ein wahrgewordener Jungstraum.

Dabei gilt stets das Motto, "first come, first served". Das steigert die Aufmerksamkeit und das Image, erst recht das Business. Renommierte Manufakturen bedienen sich dieser Maxime ebenso wie motivierte Newcomer oder Lifestyle-Marken. Doch ihre Fertigung ist oft derart komplex, dass bis zur Auslieferung der ersten funktionsfähigen Modelle schon mal mehrere Jahre vergehen können. Dennoch sollte man sie nicht als Spinnerei abtun. Häufig steckt eine gehörige Portion Mäzenatentum, Enthusiasmus, Kreativität, Pioniergeist und oft jahrelange Entwicklung dahinter.

Fündig wird man vor allem bei kleinen, unabhängigen Ateliers junger, wilder Uhrmacher. Sie sind vom futuristischen 70er Jahre Design in ihrer Kindheit geprägt, zudem mit Computerspielen, Captain Kirk und Techno groß geworden. Das räumen die meisten selbst ein, darunter der ehemalige Hausbesetzer und Technofan Felix Baumgartner. Als er 1997 die Marke Urwerk im Alter von nur 22 Jahren mit seinem Bruder und dem befreundeten Designer Martin Frei gründete, wollten sie alles anders machen. Das ist ihnen gelungen.

Komplexe Ingenieurskunst und radikales Design

Nachdem die Schweizer jahrelang verkannt wurden, erregte 2003 ihr Modell UR-103 erstmals breite Hochachtung. Auf dem Hingucker werden die Stunden von vier rotierenden Satelliten angezeigt, die um die eigene Achse kreisen. Die Minuten werden über eine Skala bei der Position der Stundenziffern verkündet.

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Dass es nicht nur ein One Lucky Shot war, bewies Baumgartner auch 2008 mit der UR-202 Turbine Automatic. Hier steuern zwei mit dem Rotor gekoppelte Turbinen das Aufzugssystem mit Luftkompressor. Die Uhrzeit wird von drehenden Stundenwürfeln vermittelt, die von einem teleskopischen Minutenzeiger durchbohrt sind. Mit dieser komplexen Ingenieurskunst und radikalem Technikdesign etablierte sich Urwerk vollends in der vornehmen Haute Horlogerie und vor allem in der Sammlergilde.

Seither wächst stetig die Fangemeinde und Käuferzahl. Inzwischen liegt ihre Jahresproduktion bei etwa 150 Uhren, wobei ihre Einsteigermodelle bei etwa 60.000 Euro beginnen. So auch die neue martialische UR-105M, ein Handaufzug mit rotierenden Stundensatelliten und robustem Titan-Stahlgehäuse, das den Designer an Ritterrüstungen erinnert. Statt Prinz Eisenherz wählte man den Namen Iron Knight.

Aliens auf dem Zifferblatt

Als Space Cowboy der Branche gilt Romain Jerome. Die Schweizer Marke, die 2004 von einem Investor aus dem Nahen Osten gegründet wurde, setzt mit knapp 5000 jährlichen Spaßmachern fürs Handgelenk auf vermögende Trekkies. Der Durchbruch gelang vor gut drei Jahren, als sie mit den limitierten Serien Space Invaders und Pac-Man die gleichnamigen Kultspiele ehrten. Alle Exemplare waren sofort ausverkauft.

Mit an Bord waren kleine Aliens auf dem Zifferblatt, die nachts dank Superluminova leuchten und ein solides Automatikwerk von Eta - Stückpreis knapp 14.000 Euro. Dieses Jahr landeten die intergalaktische RJ-Romain Jerome Moon Orbiter als fliegendes Tourbillon, sowie der trapezförmige Tarnkappenbomber RJ-Romain Jeromes Spacecraft Black mit Automatikwerk auf der Baselworld.

Auch die beiden jungen Innovationsschmieden DeWitt und DeBethune starten dieses Jahr mit Astronauten- und Darth-Vader-Optik durch. Dream Watch 5 nennen die zwei profilierten Uhrenkonstrukteure Denis Flageollet und David Zanetta von DeBethune ihr Mini-Ufo, indem eine plastische Mondkugel die springende Stunde und Minute anzeigt. Abgehoben und nicht von dieser Welt wirken auch die hydromechanischen Zeitmesser von HYT. Statt Zeiger informiert bei der H2 Kollektion fluoreszierende Flüssigkeit über die Stunden und Raumtemperatur.

Was zuerst nach spaciger Alchemisten-Spielerei aussieht, überzeugte sogar die kritischen Juroren beim Uhren-Oscar: Die HYT H2 wurde als Best Innovative Watch Concept 2012 beim Grand Prix d'Horlogerie de Genève geadelt. Erst Anfang September wurde bekannt, dass die Uhrmacherkoryphäe Dominique Renaud jetzt bei HYT an Bord geht, die dieses Jahr 500 Uhren verkaufen wollen. Für Kenner ist das eine verheißungsvolle Botschaft, die weitere Innovationen mit Wow-Effekt verspricht.

Tickende Skulpturen

Während viele Zeit-Architekten zu Höhenflügen abheben, taucht der in Deutschland geborene Schweizer Thomas Prescher lieber ab: Er möchte Kapitän Nemo wiederbeleben. Der Uhrmacher fertigt in Eigenregie seit 12 Jahren tickende Skulpturen in der Schweiz. Seine Kleinstserien, deren raffinierte Tourbillons meist im sechsstelligen Bereich liegen, gelten unter Sammlern noch als Insidertipp.

Als Offizier bei der Bundesmarine legte er ein nautisches Patent ab, absolvierte die Uhrmacherausbildung und scheint sich jetzt einen Jungstraum zu realisieren. Anders lässt sich das zeitmessende Konstrukt der Nemo Sub I kaum bezeichnen. Das im Februar vorgestellte Zwei-Achsen-Tourbillon wird mit Turbinen dank Pendelgewichten angetrieben und teilt sich über drei torpedoförmige Glasröhren auf. Nur fünf Exemplare werden von diesem U-Boot existieren und obwohl man über den Preis nur spekulieren kann, können sich Interessenten schon mal hinten anstellen.

Gekauft und getragen werden solche Exoten von Individualisten, Uhrennerds und technikbesessenen Sammlern, aber auch von Neureichen und Up-Noses. Mal dienen sie als Egoverstärker, mal als Spaßmacher oder realisierter Kindheitstraum. Alle haben eines gemein: Sie mögen es, wenn man auf ihr Handgelenk starrt, sie über die Technik fachsimpeln können und sie besitzen reichlich Kapital. Eine hoch attraktive Zielgruppe also, die auch von braven und renommierten Manufakturen appetitliche Preziosen vor die Nase gehalten bekommt.

Oft stecken freischaffende Experten hinter den Konzeptuhren

Auf der diesjährigen Uhrenmesse SIHH präsentierte Cartier ein Amphitheater mit Ewigem Kalender, Greubel Forsey ein Tourbillon mit rotierender Globuskugel, Richard Mille war mit einem Fliehkraftsensor dabei und Van Cleef & Arpels mit einem Planetarium in Echtzeit.

Ein ähnliches Wettrennen gab es schon vergangenes Jahr, als Hublot mit seiner Ferrari-Uhr auf der Baselworld Vollgas gab und mit 50 Tagen Gangreserve den Weltrekord brach. Oder die knapp 2 Millionen Euro teure Grand Complication von A. Lange & Söhne sowie die Ritter der Tafelrunde von Roger Dubuis für Bluthochdruck bei Uhrenkennern sorgten.

Neben den Marketingeffekten erfüllen Konzeptuhren aber auch weitere Aspekte: Vereinzelte Neukonstruktionen werden für eine serienmäßige Produktion weiterentwickelt und sie spornen den Innovations-Kampfgeist unter den Mitbewerbern an.

Nur die wenigsten wissen, dass hinter solch verrückten Erfindungen nicht immer die Entwicklungsabteilungen der Manufakturen stecken. Häufig geben sie bei freischaffenden Experten solche Konzeptprojekte in Auftrag. Christoph Claret ist solch ein Zulieferer, der jährlich mit etwa 200 Uhrwerken das Who is Who der Branche versorgt. Wer das ist, verrät Claret partout nicht. Doch seit 2009 produziert das Ausnahmetalent auch offiziell unter seinem Namen etwa 100 hoch komplizierte Meisterwerke.

Blackjack, Baccarat und Poker - in einer Uhr

Die Serie seiner Glücksspieluhren hat innerhalb kürzester Zeit absoluten Kultstatus erreicht. Nach Blackjack und Baccarat können sich Sammler und Glücksritter seit diesem Januar auch beim Pokern austoben: Auf zierlichen 45 Millimetern Durchmesser sind bis zu 98.304 Kombinationen für bis zu drei Spieler möglich. Ansonsten zeigt die Poker auch noch Stunden und Minuten an.

Eine Marke, die auch ihre Selbstdarstellung hochpräzise kultiviert, aber selbst entwickelt, ist TAG Heuer. Vor zehn Jahren stellte sie die Monaco V4 als erste riemenangetriebene Uhr vor. Fünf weitere Jahre waren nötig, um die ersten funktionsfähigen Modelle auszuliefern. Inzwischen engagierten sie als Chefentwickler einen ehemaligen Kampfpiloten, der als promovierter Physiker und Ingenieur schon Kernfusionsreaktoren mitentwickelte.

Guy Sémon präsentierte voller Stolz dieses Jahr die Monaco V4 mit dem weltweit ersten riemenangetriebenen Tourbillon. Er beteuert, dass sie voll funktionsfähig ist und räumt ein, dass TAG Heuer vor zehn Jahren zu marketinggetrieben war.

Selbstausbeuter in der Luxusliga?

Noch länger benötigte Harry Winston. Der Luxusjuwelier trat als Uhrenmäzen für Rare Timepieces auf und stellte ab 2001 jährlich eine extravagante Sonderedition vor. Sie hieß Opus, war mit der abgekürzten Jahreszahl versehen und nur für 100.000 Euro und mehr zu haben. Innerhalb weniger Tage war die komplette Linie nicht nur stets ausverkauft, sondern vermögende Sammler standen Schlange und brauchten enorme Geduld: Bis die Opus 03 mit sechs Bullaugen und Zahlenscheiben funktionstüchtig die Manufaktur verließ, vergingen sieben Jahre. Übrigens zog keiner der Kunden seine Vorbestellung zurück.

Das Opus-Projekt erfand und leitete der Managing Director Maximilian Büsser. Der Uhrmachervirtuose und Charismat überzeugte freischaffende Uhrmacher, jährlich ein neues Kuriosum zu kreieren. Nachdem Büsser die komplette Sparte von Harry Winston Rare Timepieces mit einer Umsatzsteigerung von gesamt 900 Prozent aufgebaute hatte, ging er von Bord. Er hatte genug davon, von Marketing und Mainstream-Trends angetrieben zu werden und gründete 2005 sein eigenes Atelier. Letztes Jahr kaufte die Swatch Group den Edeljuwelier Harry Winston. Seither warten Fans vergeblich auf die Opus 14.

Trost finden sie bei MB&F - 'Max Büsser and Friends' - nennt sich die erste Konzeptmarke für Uhren, die seit 2007 immer wieder mit Horological Machines überrascht. Basis ist ein Kollektiv aus unabhängigen Uhrmachern, Designern und Ingenieuren, das sich stets aufs Neue zusammensetzt.

Das Resultat für dieses Jahre, sind gleich drei Ausnahmeobjekte: Die Legacy Machine No. 1 mit einem Auf- und Ab-Männchen als Gangreserveanzeige die Legacy Machine No. 101 mit einer Art Hängebrücke und die Starfleet Machine, die in Form einer Weltraumstation als Uhr auf Tischen landet. Obwohl seine Kreationen dem Käufer mindestens 30.000 Euro abverlangen, ist Büsser nicht vermögend. Er spricht sogar von einem gewissen Maß an Selbstausbeutung. Doch der Ingenieur für Microtechnik, der zuvor bei Harry Winston schon alles erreichte, beteuert: "Erst jetzt bin ich rundum glücklich, weil ich meinen Job und die Unabhängigkeit liebe".

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