Samstag, 24. August 2019

Designierte EZB-Chefin in der Stilkritik Die Karriere-Garderobe der Christine Lagarde

Modekritik: Christine Lagarde im Stil-Check
AFP

Andreas Rose
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    Andreas Rose hilft als Personal Shopper und Stilcoach seinen Kunden dabei, das richtige Outfit zu finden. Der Modeberater ist seit 25 Jahren in der Branche. In seinem Style-Blog berichtet er über die neuen Trends der internationalen Modeszene.

Die designierte Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde versteht es wie keine andere in den obersten Machtzirkeln, sich über ihren Kleidungsstil zu inszenieren.

Mit einem modischen Paukenschlag präsentierte sie sich 2011 beim Antritt als geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF): Auf der Pressekonferenz trug sie zum schwarzen Blazer einen rosa-weiß gemusterten Schal. Nur wenige Frauen in einer vergleichbaren Position hätten sich das getraut. Und noch weniger Männer etwas Vergleichbares. Außer vielleicht Gaga-Unternehmer Richard Branson, für den allerdings Seriosität noch nie eine Option war.

Lagardes Schal-Statement war indes alles andere als ein Mode-Fauxpas. Inmitten einer grauen Männerlandschaft war es ein modisches Statement, die Visualisierung ihres Anspruchs, eigene Akzente zu setzen. Überhaupt sind Tücher bei Christine Lagarde viel mehr als nur ein Accessoire. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Karriere-Garderobe und werden so bewusst und gezielt eingesetzt und arrangiert wie jedes andere Teil ihrer Kleidung.

Typisch hierfür ist die Anekdote von einer aufreibenden Krisensitzung, ebenfalls während Lagardes Zeit als IWF-Chefin. An einem Punkt schien Christine Lagarde für einen winzigen Moment ihre berüchtigte Fassung zu verlieren. Statt zu explodieren griff sie sich an den Hals und löste mit einem geschickten Handgriff den Knoten in ihrem Tuch, das dann lose über eine Schulter fiel wie von einem Dutt befreites langes Haar. Ein aufmerksamer BBC-Reporter erkannte darin große Symbolkraft: Ähnlich einem männlichen Boss, der die Hemdsärmel hochkrempelt oder die Krawatte lockert. Ansage: Schluss mit Petitessen, jetzt wird geklotzt. Eine sehr elegante, feminine Art, auf den Tisch zu hauen und die eigene Autorität zu unterstreichen.

Anders als etwa die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die immer aussieht, als recycle sie Leitz-Order für ihre Garderobe, balanciert Christine Lagarde äußerst geschmeidig auf dem schmalen Grat zwischen dem, was in ihrem Umfeld als seriös erachtet wird, und einer eigenen Note, mit der sie kundtut, dass sie nicht nur ihren Job verkörpert, sondern eben auch eine gewisse Christine Lagarde ist, mit einem eigenen Kopf.

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Das Prinzip Lagarde ist dabei so simpel wie wirkungsvoll, begünstigt von ihrer hochgewachsenen, schlanken Silhouette, ihres lässig-langen Kurzhaarschnitts und ihrem sonnengebräunten Anti-Schreibtisch-Teint: Ihre Garderobe besteht überwiegend aus hochwertigen bis luxuriösen, weitgehend zeitlosen Einzelstücken, die sich hervorragend kombinieren lassen. Sehr häufig trägt sie Maßanzüge, garniert mit gemusterten Seidentüchern und/oder Perlenkette und einer Nobel-Handtasche wie der begehrten Kelly Bag von Hermès, benannt nach der Stil-Ikone Grace Kelly.

Befragt nach dem Geheimnis ihrer Eleganz nannte Lagarde drei Orte, an denen sie sich mit Kleidung versorgt: Chanel, Armand Ventilo (ebenfalls Paris) und das inzwischen aufgekaufte Londoner Modehaus Austin Reed. Lagardes Hang zu Luxus-Deko brachte ihr neben Bewunderung modebewusster Medien auch reichlich Kritik, vor allem weil der IWF verschuldete Staaten gerne dazu nötigt, ihre Sozialleistungen zu kürzen.

Immerhin trägt Christine Lagarde viele ihrer Kleidungsstücke über viele Jahre. Ex-und-hopp-Mode ist ihr fremd. Bei allem Sinn für Eleganz und raffinierte modische Statements denkt die Ökonomin bei Kleidungsfragen recht praktisch. Wer so viel unterwegs ist wie Lagarde, weiß es zu schätzen, wenn ihre Anzüge und Kleider alles mitmachen, ohne dass man sie ständig bügeln muss. Umso bereitwilliger verlässt sich die Lady auf Bewährtes. Lagardes Stilsicherheit lässt sie zugleich authentisch wirken. Obwohl man weiß, dass sie nichts dem Zufall überlässt, ist ihr Erscheinungsbild immer stimmig. Bei anderen würde man den Kopf schütteln, bei ihr denkt man, wow, sie hat's einfach raus.

Lagarde deshalb gleich zur Stil-Ikone auszurufen ist allerdings übertrieben. Verglichen mit früheren Stil-Ikonen wie Audrey Hepburn, Twiggy, Jackie Onassis und Marilyn Monroe fehlt ihr die breite Basis an Frauen, die sich mit ihrer Business-Garderobe identifizieren könnten. Das kleine Schwarze ist auch für Monika Mustermann erschwinglich, ebenso Mary Quants Miniröcke, mit denen Twiggy durchstartete. Christine Lagardes Stil dagegen geht zu sehr Richtung Power-Dressing und richtet sich vor allem an Frauen in Spitzenpositionen - mit dem entsprechenden Budget. Davon gibt es nicht allzu viele.

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