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Hautnahe Unternehmenskultur: Tattoos im Job

Foto: Wild One Tattoo, Ramin Banan

Hautnahe Unternehmenskultur Tattoos im Job - von der Subkultur an den Schreibtisch

Von Katharina Starlay
Katharina Starlay
Foto: Antje Kern

Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt erschienen: Erfolgreich über 50: Stilvoll älter werden  ) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de .

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Wie steht es eigentlich in Ihrer Firma mit der Sichtbarkeit von Tätowierungen? Und wie mit Ihrer eigenen Haltung gegenüber diesem Lifestyle-Phänomen?

Denn wie so manche Andersartigkeit fordert uns auch der Kult um Tattoos heraus, von Toleranz nicht nur zu reden, sondern sie auch zu leben. Die Frage ist nur, ob und in welchem Maß dieser zutiefst private Selbstausdruck in den Kundenkontakt gehört. Immerhin leben wir im Zeitalter der Authentizität, auch und gerade im Geschäftsleben.

Inzwischen ist ein Fünftel bis ein Viertel des Nachwuchses unter 35 Jahren dem unvergänglichen Körperschmuck zugewandt. In Österreich sollen es sogar 40 Prozent sein. Tendenz steigend. Von einem bloßen Trend - also etwas Vorübergehendem - ist das weit entfernt. Und auch für diejenigen selbst wird das Individualisierungsmerkmal in Zukunft weniger die Tätowierung an sich als vielmehr ihre Besonderheit sein, was wiederum höhere Anforderungen an die Qualität der Beratung stellt. Heute ist man mit einem Tattoo keine Ausnahmeerscheinung mehr.

Was motiviert immer mehr Menschen dazu, sich tätowieren zu lassen?

Die einen bewegen Verarbeitung oder Trauerbewältigung dazu, andere möchten Stationen ihres Lebens festhalten und sichtbar machen, wie eine Kerbe in der eigenen Chronik. Für weitere funktionieren Symbole und Bilder wie ein Code innerhalb einer Community - nicht zuletzt galten Tätowierungen traditionell als interne Zeichensprache krimineller Milieus.

Einige finden es einfach nur schön und wieder andere drücken damit Auflehnung gegen bestehende Systeme aus, eine Revolte gegen die Gleichschaltung in unserer Gesellschaft und in vielen Unternehmen. Je nachdem, ob das Tattoo sichtbar ist, wird es zur offenen Rebellion oder aber zur sinnbildlich geballten "Faust in der Tasche". Was für eine Manifestation: Figuren unter dem Rock als geheime Positionierung.

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Und so bemerkt auch die junge, bildhübsche Kundin im Studio, welche in einem Großunternehmen arbeitet: "So kann ich noch Ich selbst sein und habe mich auch im Job noch dabei." Sie allerdings kennt und achtet die so genannte T-Shirt-Grenze, welche Körperpartien, die im Geschäftsleben sichtbar werden könnten, ausspart. "Job-Killer-Tattoo" nennt es der Fachjargon, wenn Ornamente auf Hals, Gesicht und Händen sichtbar werden. Genau das hatte auch ein Mann mit voll tätowiertem Oberkörper im Blick, von dem es heißt, dass er im Bankenwesen Karriere gemacht habe. Heute ist er Vorstand, heißt es.

Welche Fragen stellen sich moderne Unternehmen im Umgang mit Tattoos?

Mit dem sich wandelnden Zeitgeist verändert sich das Auge des Betrachters. Vieles, was vor zehn Jahren noch undenkbar war, hat heute seinen Weg in unseren Geschäftsalltag gefunden, Jeans und Sneakers zum Beispiel - oder Tattoos. Es kommt auf die Branche an. Unternehmen kommen heute also an der Überlegung, ob und wo sie Tätowierungen erlauben wollen, nicht mehr vorbei.

Je lässiger es aber wird mit unseren Dresscodes, desto toleranter und gleichzeitig klarer müssen die Spielregeln, die für den Auftritt einer Marke gelten, beschrieben werden. Ein Stil-Leitfaden beschreibt die Empfehlung, was man als Repräsentant eines Unternehmens für welche Gelegenheiten anziehen kann, firmenindividuell und passend zur Marke. Teams und Chefs sollten sich zum Beispiel fragen, welche Zielgruppen sie erreichen und wie sie in Zukunft zum Kunden gehen wollen. Was ist es, das die eigene Marke stärkt, was unterscheidet sie von anderen - und sieht man das auch? Auch der Umgang mit Tätowierungen will in so einem Stil-Leitfaden festgehalten werden.

Eine neue Zielgruppe im Employer Branding

Mit der steigenden Beliebtheit der Körperzeichnungen verändern Firmen auch ihre Repräsentationsziele und passen diese an, nicht zuletzt, um mehr Nachwuchs für sich zu gewinnen und gute Leute an sich zu binden. Erst im Juli 2018 veröffentlichte das Berliner Verwaltungsgericht eine Eilentscheidung, dass "ein Verbot, sichtbare Tätowierungen zu tragen ein erheblicher Eingriff in das Persönlichkeitsrecht" sei. Ein Bewerber auf die Polizei-Laufbahn hatte geklagt. Inhaltlich nicht zu beanstandende Tätowierungen sind demnach dort zugelassen, was bedeutet, dass diskriminierende, politisch heikle oder Gewalt verherrlichende Motive ausgeschlossen bleiben - alle anderen aber für Berliner Polizisten erlaubt sind.

Welche Überlegungen sind für Firmen relevant, wenn es darum geht, vernünftige Spielregeln für den Umgang mit Tätowierungen zu formulieren? Welche Punkte in der Positionierung werden berührt - und was sagt unser Umgang damit über die eigene Marke aus? Es gibt keine allgemeingültigen Rezepte, nur Fragen, die reflektiert werden wollen:

Drei Fragen, die sich Ihre Firma stellen sollte

1. Toleranz: Wie viel davon haben wir für Gruppen, die eben nicht stromlinienförmig, sondern eigen sind?

Zwischen Underground-Musik und Körperfarben können uns Menschen begegnen, die alles andere als "asozial" sind - wie früher vielfach angenommen -, eher feingeistig und sehr differenziert, Menschen, die Geschichten erzählen und auf wertvolle Erfahrungen zurückgreifen können. Kluge Köpfe, die so manches Unternehmen gerne beschäftigen würde.

Ein Versprechen für Glücksgriffe gibt es natürlich nicht - die Entwicklung zeigt aber, dass Vorurteile hier keinen mehr Platz haben. Deshalb sollte diese Frage vor allen anderen gestellt werden. Tätowierungen und die Entscheidung, ihre Sichtbarkeit im Unternehmen zuzulassen, vermittelt der Welt eine klare Botschaft über die Kultur im Unternehmen - auch und gerade, wenn der textile Auftritt ansonsten konservativ ist.

2. Formalität und Zielgruppenorientierung: Gibt es nur Für oder Wider oder auch etwas dazwischen?

Die Sichtbarkeit kann im Kontakt mit verschiedenen Kundengruppen durchaus variieren: Tattoos zu zeigen kann im Tagesgeschäft angemessen sein - bei besonderen Terminen mit wichtigen Kunden und an der Öffentlichkeit aber unerwünscht. Dann sollte der erwähnte Stil-Leitfaden darauf hinweisen. Je differenzierter er verfasst wird, desto schneller finden sich neue Mitarbeiter zurecht.

3. Selbstbild und Image: Passt unser Auftritt zu unseren Werten und unserem Portfolio?

Es kann sein, dass sich ein Unternehmen auch heute entscheidet, sichtbar getragene Tattoos nicht zuzulassen. Auch das ist in Ordnung und sollte nicht bewertet werden. Es trifft damit eine Aussage über das eigene Selbstbild und individuelle ästhetische Sichtweisen. Jeder Bewerber kann daraufhin entscheiden, ob er das seinerseits akzeptieren und umsetzen kann. Denn das Recht auf eine eigene Meinung und Haltung ist die Grundlage dafür, dass eine Gesellschaft und ihre Unternehmen überhaupt erfolgreich sein können.