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Neue Luxusuhren: Die Neuheiten des SIHH 2019

Foto: Vacheron Constantin

Luxusuhren-Messe SIHH Die besten Uhr-Aufführungen

Jaeger-LeCoultre kommt mit einer Brexit Watch, Ulysse Nardin setzt auf den X-Faktor, Panerai fährt militärische Geschütze auf und IWC landet mit einem Tarnkappen-Bomber auf dem SIHH. Die Luxusuhren-Branche kommt wieder in den Takt und zeigt bis zum 17. Januar ihr Können auf dem Genfer Uhrensalon.
Von Michelle Mussler

Der Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) ist eines der exklusivsten Uhren-Events: 35 feine Manufakturen treten bei der Hausmesse des Richemont-Konzerns für vier Tage an, um ihre Neuheiten für das Jahr 2019 vorzustellen. Darunter die eigenen Marken Cartier, Montblanc, A. Lange & Söhne und Audemars Piguet, aber auch unabhängige wie MB&F, Urwerk oder HYT. 18 etablierte Großkaliber und 17 kleinere, jüngere manchmal wilde Marken wurden sorgfältig nach Kompetenz ausgewählt. Und genau das macht die Luxusuhrenmesse aus: eine ausgewogene Vielfalt auf höchstem Uhrmacher-Niveau.

Die globale Kauflaune ist nicht so euphorisch wie einst. Zwar performte der Luxusgüter-Konzern Richemont im letzten Quartal mit einem Plus von 25 Prozent und gesamt mit 3,92 Milliarden Euro gut, doch Analysten rechnen mit einer generellen Umsatzabschwächung. Als Lustkiller wirken die Gewitterwolken an den Finanzmärkten, der Handelszoff zwischen Donald Trump und dem Rest der Welt; zudem droht der Brexit hart und chaotisch zu enden.

Die Uhrenindustrie hat viel aus den letzten Turbulenzen gelernt und sich neu aufgestellt. Graumärkte wurden kräftig bereinigt, Lagerbestände abgebaut, der Druck auf Händler reduziert. Nun scheint man gewappnet, indem wieder mehr Platz für neue Ware und Innovationen im Markt herrscht. Vor allem haben die Uhrmacher gelernt, vermehrt auf Kundenwünsche zu hören. Inzwischen locken sie mit Benefits: Qualitäts-Zertifikate, Wechselarmbänder oder verlängerte Garantiezeiten werden manchmal kostenlos mitgeliefert.

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Und E-Commerce lautet das Motto der Stunde worüber auch die neue Lieblingszielgruppe betört werden soll - Millennials. Maßgeblich half, dass bei Richemont mit seinen elf Uhrenmarken fast das gesamte Top-Management ausgetauscht und verjüngt wurde. Selbst der neue Konzern-CEO Jérôme Lambert ist 49 Jahre jung und der dynamische Alain Zimmermann soll seit kurzem das gesamte E-Business leiten. Sogar der 32-jährige Sohn Anton vom Konzernboss Johann Rupert wurde an Bord geholt. Er sitzt im Verwaltungsrat und hat den VR-Posten beim Uhrenportal Watchfinder inne. Ähnlich bei der Kering-Gruppe wozu Ulysse Nardin und Girard-Perregaux zählen. Beide Manufakturen werden seit wenigen Wochen vom 47-jährigen Patrick Pruniaux gesteuert.

Video: Montblancs Millionen-Stifte

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Trotz jungem Management liegt Retro- alias Vintage- oder Heritage-Design nach wie vor im Trend. Bewährte Ikonen werden in allen Farb- und Größenvarianten durchdekliniert, allerdings mit optimierten Kalibern und Materialien. Cartier besinnt sich mit der neuen Santos auf über 100-jährige Traditionen, IWC lanciert eine Fliegeruhren-Staffel mit Spitfire-Charme aus dem zweiten Weltkrieg, Girard-Perregaux mixt 70er-Jahre Stile und bei A. Lange & Söhne feiert man das Jubiläum der Wiederaufbau-Uhr Lange 1.

Neue Talking Pieces von Traditionsfirmen

Für hitzigen Gesprächsstoff sorgt Audemars Piguet. Die unabhängige Manufaktur gilt bei Branchenkennern als Mono-Watch Brand, da sie primär für ihre oktogonale Royal Oak Linie bekannt ist. Um sich langfristig zu behaupten, muss sie sich aus diesem monothematischen Dasein befreien. Die Familienfirma packt das jetzt mit der komplett neuen Kollektion Code 11.59 an, bestehend aus sechs Basismodellen mit drei Kaliber-Premieren. Über drei Jahre Entwicklung stecken dahinter, ein enormer Kraftakt. Das Design jedoch wird in der Community heftig diskutiert. Zu brav, zu viel Mainstream, sagen die höflichsten Kritiker. Kurzum, die neue Linie eckt an, obwohl sie rund ist.

Dass Uhrmachermeister ihr Handwerk weiterhin perfektionieren, beweisen gleich mehrere Highend-Komplikationen: Vacheron Constantin trumpft mit einer Weltpremiere namens Twin Beat auf - eine Uhr mit einer Art Gangschaltung, um niedrig- oder hochtourig zu fahren und so die Gangreserve von vier auf verblüffende 65 Tage zu steigern. Hermès tritt mit einem Doppelmond am Uhren-Firmament auf.

Und der Irrsinn in Perfektion heißt bei Greubel Forsey 'Art Piece': zwei Tourbillons in einer Uhr, deren Konstruktion aus 130 Einzelteilen besteht, die gesamt nur 1,12 Gramm wiegen - ergo etwa so viel wie zwei Waldameisen. Jaeger-LeCoultre toppt die Show mit einer Brexit Watch: eine Westminster Minutenrepetition spielt den berühmten Glockenschlag des Big Ben. Nebenbei arbeiten in der Vorzeige-Komplikation ein Tourbillon und ein ewiger Kalender, was sich fast nur Londoner Banker leisten können - etwa 950.000 Euro.

Globale Preispolitik

Laut Prognosen wird das Britische Pfund fallen, weshalb sich einige Schnäppchenjäger schon in Stellung bringen - sie erhoffen durch Kursschwankungen die Preziosen günstiger zu ergattern. Doch weit gefehlt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, "wir haben das längst eingepreist und Fallback-Lösungen geplant". Preissensible Uhrenfans brauchen nicht auf Währungs-Kapriolen hoffen. Bei Montblanc und Baume & Mercier sind Einsteigermodelle ab 2700 Euro zu haben. Auch Ulysse Nardin ist auch auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Das Ausnahmeobjekt Freak X ist trotz neuem Kaliber für rund 30.000 Euro in Rotgold zu haben. Vergleichbare Vorgänger kosteten vor vier Jahren noch etwa 95.000 Euro.

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Genaues Hinschauen und Vergleichen lohnt sich. Vor allem bei Chronographen, sie zählen zu den Lieblingsmodellen bei Herren und bieten sich eine wahre Preisschlacht: Montblanc verlangt für seinen neuen TimeWalker Manufacture Chronograph mit eigenem Inhouse-Kaliber in Edelstahl 4990 Euro. Bei IWC kostet die Pilot's Watch Chronograph Spitfire mit Bronzegehäuse und Manufakturwerk 6700 Euro. Hingegen ruft Audemars Piguet für seinen Code 11.59 Chronograph etwa 42.000 Euro auf - allerdings mit Goldgehäuse.

Auch der Hightech-Tick geht weiter. Mattes Carbonium, schwarzes Ceratanium, vibrierendes Karbon-Glas, Titan mit DLC-Schicht oder TPT-Karbon - oft kapieren nur noch Materialkundler, worum es geht und viele Kunden sind überfordert. Letztendlich zielt die Botschaft auf Wow-Effekte ab. Alles wird besser, stylischer, robuster und hipper. Dank innovativer Materialien entsteht eine neue Ästhetik. Doch nicht alle Insider sind bedingungslos überzeugt. Einige sehen bei Gehäusen aus Hightech-Materialien eine Effekthascherei. Statt klassische Edelmetalle, deren Wert der Kunde taxieren kann, kosten die Hightech-Ticker oft mehr als vergleichbare Modelle aus Gold.

Ab 2020 werden die beiden Messen SIHH und Baselworld zusammenrücken und finden nacheinander im April und Mai statt. Der große Vorteil liegt darin, dass Händler, Journalisten und Fans nur noch einmal in die Schweiz reisen müssen. Der vornehme Uhrensalon in Genf tritt somit ein letztes Mal im Januar von der Bühne.

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