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Ratgeber: Wie Sie ihr Denken in den Griff bekommen

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Selbsttäuschung Warum es gut sein kann, sich zu belügen

Sie ist ein Phänomen und dabei alltäglich: Die Rede ist von Selbsttäuschung. Doch kann man sich selbst überhaupt täuschen? Und wenn ja, warum tut der Mensch das?
Von Thomas Vasek
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Thomas Vašek ist Chefredakteur des philosophischen Magazins "Hohe Luft" und Autor. Zuletzt erschien sein Buch "Work-Life-Bullshit - warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt".

Da ist der Autofahrer, der seine Fähigkeiten am Steuer überschätzt. Der Schwerkranke, der über Monate hinweg seine Symptome verdrängt, statt endlich zum Arzt zu gehen. Da ist die Ehefrau, die alle Indizien ignoriert, dass ihr Mann sie betrügt. Vor Selbsttäuschung ist kaum jemand gefeit.

Wir reden uns Dinge ein, machen uns etwas vor, betrügen uns selbst. Auf den ersten Blick scheint Selbsttäuschung irrational, gefährlich, ja pathologisch zu sein. Wer darin befangen ist, neigt oft zu Leichtsinn und Selbstüberschätzung. Aber müssen wir tatsächlich immer ehrlich zu uns selbst sein? Kann es uns nicht auch manchmal weiterbringen, wenn wir uns selbst belügen?


Selbsttäuschung bedeutet, sich selbst dazu zu bringen, etwas Falsches zu glauben. Das führt zu einem philosophischen Paradox. Sicher kann jemand in einen inneren Konflikt geraten oder sich unabsichtlich selbst widersprechen. Man kann seine Überzeugung ändern und später etwas anderes glauben als zuvor. Doch offenbar kann man nicht etwas glauben, was man zur gleichen Zeit nicht glaubt. Mit spitzfindigen Argumenten streiten Philosophen bis heute darüber, ob und unter welchen Bedingungen Selbsttäuschung im strengen Sinne überhaupt möglich ist. Und doch scheint das Phänomen so allgegenwärtig zu sein, dass es schon an Selbsttäuschung grenzt, nicht an deren Möglichkeit zu glauben.

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Psychologen kennen heute eine ganze Reihe von Mechanismen, die Menschen für verschiedene Arten von Selbsttäuschung anfällig machen. Aus vielen Experimenten weiß man zum Beispiel, dass wir dazu neigen, Informationen zu glauben, die unsere eigenen Überzeugungen bestätigen, während wir oft Fakten ignorieren, die diesen zuwiderlaufen.

Selbsttäuschung ist offenbar verwandt mit Wunschdenken: Oft glauben wir, was wir glauben wollen, weil es uns irgendwie nützlich erscheint, weil es bequemer ist oder uns bestimmte Ängste nimmt. Wunschdenken muss nicht immer schädlich sein. Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1842-1910) illustrierte das in seinem berühmten Aufsatz "The Will to Believe" ("Der Wille zu glauben") mit dem Beispiel eines Mannes, der über einen Abgrund springen muss und weiß, dass er seine Angst nur bezwingen kann, wenn er fest daran glaubt, den Sprung auch tatsächlich zu schaffen. Also hat er nach James einen Grund für eine Überzeugung, die sich eigentlich nicht auf die Fakten stützt. "Positives Denken" kann in vielen Situationen nützlich sein; darauf beruht unter anderem auch die sogenannte "positive Psychologie", die psychische Probleme auf unproduktive Denkgewohnheiten zurückführt.

Zwischen Wunschdenken und Selbsttäuschung gibt es allerdings einen Unterschied. Wer in Wunschdenken befangen ist, glaubt etwas ohne hinreichende Beweise. Wer sich hingegen selbst täuscht, der glaubt etwas gegen alle Evidenz. Es ist eine Sache, an die sexuelle Treue des Partners zu glauben, obwohl man dafür keine Beweise hat. Etwas anderes ist es, an diesem Glauben festzuhalten, obwohl eindeutige Beweise dagegen sprechen - und man es "eigentlich" selbst nicht glaubt.

Das Paradox lässt sich, so scheint es, nur auflösen, wenn man annimmt, dass unser Selbst irgendwie gespalten ist, also aus mehreren unabhängigen "Teilsystemen" besteht: "Ein Teil von mir glaubt das, ein anderer Teil glaubt das nicht." So könnte etwa ein Autofahrer nach einer Alkoholfahrt behaupten, er habe zwar durchaus gewusst, dass er nicht mehr fahren könne, aber alkoholbedingt sei ihm dieses Wissen nicht zugänglich gewesen. Diese Sicht führt jedoch zu einer ganzen Reihe von Problemen - etwa der Frage, wie es in einem Selbst mehrere "Akteure" geben kann, die ihre jeweils eigenen Überzeugungen haben. Im Falle des betrunkenen Autofahrers ließe sich etwa fragen, ob dann nur ein Teil des Selbst betrunken war, der andere hingegen nicht.

Die Philosophin Amélie Oksenberg Rorty unterscheidet zwischen zwei Selbst-Modellen, einem rationalen Selbst, das vollen Zugang zu allen seinen Aktivitäten hat, und einem "gespaltenen" Selbst, das aus vielen unabhängigen Teilsystemen besteht. Ein rational gesteuertes Selbst kann sich nicht selbst täuschen. In einem komplexen, gespaltenen Selbst hingegen sind Konflikte möglich. Ein Teilsystem kann gewissermaßen Dinge tun, mit denen das andere nicht einverstanden ist.

Wirkliche Selbsttäuschung ist aus Oksenberg Rortys Sicht nur möglich, wenn sich beide Systeme überlagern. Sich selbst wirklich etwas vormachen kann nur jemand, der die Aktivitäten seines gespaltenen Selbst aus rationaler Sicht interpretiert - wie Oksenberg Rortys fiktives Beispiel einer Krebsspezialistin, die ihre eigenen offensichtlichen Symptome einer unheilbaren Krebserkrankung bewusst ignoriert.

Ein effektives Heilmittel

Selbsttäuschung muss allerdings nicht schädlich sein, sie kann auch großen Nutzen bringen, meint Oksenberg Rorty. Unser rationales Selbst ist verletzlich, man kann es leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Gerade unser komplexes, "gespaltenes" Selbst hilft uns, auf Bedrohungen flexibel zu reagieren; für die Philosophin ist das ein evolutionärer Überlebensvorteil. Wenn unsere Rationalität überfordert ist, wenn wir krank oder psychisch überlastet sind, dann brauchen wir die Fähigkeit, uns selbst zu manipulieren: "Selbsttäuschung ist ein effektives, wenn auch irrationales Heilmittel für Melancholie", so Oksenberg Rorty.

Ihr zufolge muss es daher nicht irrational sein, sich in seinem Denken von Ängsten und Wünschen leiten zu lassen. So kann es etwa für einen Hypochonder, der sich seiner Hypochondrie bewusst ist, durchaus eine gute Strategie sein, nicht allen körperlichen Auffälligkeiten Bedeutung beizumessen. Wenn Oksenberg Rorty recht hat, dann ist Selbsttäuschung kein episodisches Phänomen, wie etwa eine Notlüge, sondern eine aktive Disposition, die sich ihre eigenen Anlässe schafft.

So betrachtet ist Selbsttäuschung eine Leistung, zu der gar nicht jeder imstande ist. Wer sich erfolgreich und dauerhaft selbst täuschen will, der muss sich paradoxerweise selbst genau kennen. "Selbsttäuschung ist eine Krankheit, an der nur ein starker Geist leiden kann", schreibt Amélie Oksenberg Rorty.

Doch Selbsttäuschung ist keine solitäre Aktivität, die wir nur mit uns selbst ausmachen. Wenn wir uns selbst betrügen, dann betrifft das auch andere. Selbsttäuschung sei kein bloß "internes Drama", meinte der amerikanische Philosoph Robert Solomon (1942-2007) - sondern ein dynamisches, soziales Phänomen.

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Täuschung und Selbsttäuschung hängen eng zusammen. Unser Selbst ist ein soziales Konstrukt, das von anderen Menschen abhängt. So haben wir das Bedürfnis, manche Dinge vor uns selbst wie auch vor anderen zu verbergen, aber auch das Bedürfnis, manche Dinge vor anderen zu verbergen. "Wir täuschen uns selbst, um andere zu täuschen, und wir täuschen andere, um uns selbst zu täuschen", so Solomon.

Für Solomon sind Täuschung und Selbsttäuschung zuallererst eine Art, Beziehungen zu anderen aufzunehmen. Wir alle spielen bestimmte soziale Rollen, wir müssen Erwartungen entsprechen. Von einem Manager erwarten wir souveränes Auftreten, von einem Experten ein sicheres, eindeutiges Urteil. Auf diese Weise entsteht ein sozialer Druck, der uns zur Selbsttäuschung führen kann, obwohl wir das eigentlich nicht beabsichtigen. Nach Solomon wollen wir, dass andere auf bestimmte Weise von uns denken und uns auf bestimmte Weise behandeln. Mit anderen Worten, wir wollen einem bestimmten Image entsprechen und versuchen daher, die Meinung der anderen über uns zu beeinflussen: Also täuschen wir sie - und damit zugleich uns selbst.

Die Erwartungen anderer können so etwa unsere Tendenz zur Selbstüberschätzung begünstigen, wie der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman schreibt: Wer unter dem Druck steht, besonders kompetent zu erscheinen, wird sich tendenziell selbst einreden, tatsächlich besonders kompetent zu sein. Ob Selbsttäuschung schädlich ist oder nicht, hängt aus dieser Sicht von den jeweiligen Umständen und Erwartungen ab. Der übertriebene Optimismus eines Arztes kann bei einem Patienten besondere Kräfte zur Selbstheilung freisetzen. Andererseits kann die Selbstüberschätzung des Arztes verheerende Folgen haben, wenn sie zu einer Fehldiagnose führt.

Wir erkennen Selbsttäuschung oft nur durch andere

Das Problem jeder Selbsttäuschung ist, dass sie unseren Realitätssinn verzerrt. Man macht sich selbst etwas vor. Man verbirgt etwas vor sich, man führt sich selbst in die Irre. Jede Täuschung wirkt manipulativ, sie schafft eine Art Scheinwelt und schränkt damit die Autonomie ein. Wer die Fakten nicht kennt, der kann auch keine selbstbestimmten Entscheidungen treffen.

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Man sollte meinen, das gilt erst recht für den Fall der Selbsttäuschung. Allerdings gehört es auch zu unserer Selbstbestimmung, einen gewissen Schein aufrechtzuerhalten, eine Art Fassade, um uns vor anderen zu schützen - aber vielleicht auch ein Stück weit vor uns selbst. Es mag sein, dass jemand in der Selbsttäuschung befangen ist, etwa ein guter Liebhaber zu sein. Aber es wäre vielleicht fatal für die Person, sich eingestehen zu müssen, dass sie es eben nicht ist.

Es liegt gewissermaßen im Wesen der Selbsttäuschung, dass man sie selbst so schwer erkennt. Selbst intensivste Selbstprüfung kann uns oft nicht davon abbringen - und erst recht dann nicht, wenn wir damit erfolgreich sind. Meist braucht es andere Menschen, um Selbsttäuschung und Wunschdenken zu erkennen.

Es kann furchtbar für jemanden sein, jemandem die "ungeschminkte Wahrheit" zu sagen. Genauso furchtbar und schmerzlich kann es sein, eine womöglich lebenslange Illusion aufzugeben. Die Selbsttäuschung einer anderen Person aufzudecken mag in vielen Fällen notwendig und heilsam sein. Aber es kann auch das Selbst eines Menschen zerstören, wenn wir ihm vor Augen führen, dass er nicht derjenige ist, der er zu sein glaubt.